Das Azovstal-Werk in Mariupol | picture alliance/dpa/XinHua

Krieg gegen die Ukraine Moskau meldet Leichenfunde in Asowstal-Werk

Stand: 31.05.2022 17:12 Uhr

Russland hat den Fund von mehr als 150 Leichen ukrainischer Kämpfer im einst umkämpften Asowstal-Werk in Mariupol gemeldet. Das Schicksal der überlebenden Kämpfer bleibt ungewiss. Im Osten stürmen russische Soldaten die wichtige Stadt Sjewjerodonezk.

Das russische Militär hat nach eigenen Angaben in den unterirdischen Bunkern der monatelang umkämpften Fabrik Asowstal mehr als 150 Leichen von ukrainischen Kämpfern gefunden. "In einem Container mit nicht mehr funktionierender Kühlung wurden 152 Leichen von gefallenen Kämpfern und Soldaten der ukrainischen Streitkräfte gelagert", sagte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, in Moskau.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Die ukrainische Führung habe bis heute keine Anfrage gestellt, die Toten zu überführen. Im Gegenteil, die russischen Truppen hätten unter den Leichen Minen entdeckt, mit denen der Container wohl auf Anweisung Kiews in die Luft gesprengt werden sollte, um Russland anzuschwärzen, behauptete Konaschenkow. Russland werde die Toten in Kürze Vertretern der Ukraine übergeben, erklärte er.

Russland: Rund 2500 gefangene Soldaten

Die Hafenstadt Mariupol im Süden der Ukraine wurde bereits in den ersten Kriegstagen von russischen Truppen eingekreist. Infolge der Gefechte wurde die Stadt, in der vor dem Krieg 440.000 Menschen lebten, fast völlig zerstört.

Die ukrainischen Verteidiger, von denen ein Teil zum ultranationalistischen Asow-Regiment zählte, verschanzten sich nach schweren Rückzugsgefechten schließlich im Stahlwerk Asowstal, ehe sich Hunderte zwischen dem 16. und 20. Mai ergaben, nachdem sie wochenlang in den unterirdischen Tunnels des Werks ausgeharrt hatten. Nach russischen Angaben kamen etwa 2500 Kämpfer in Gefangenschaft.

Separatisten drohen mit Todesstrafe

Die prorussischen Separatisten wollen ihnen nun den Prozess machen. Sie haben dabei auch gedroht, wegen des Vorwurfs von Kriegsverbrechen die Todesstrafe gegen die Kämpfer zu verhängen. Die russische Nachrichtenagentur RIA Nowosti zitierte Jurij Sirowatko, den Justizminister der selbsternannten Volksrepublik Donezk, mit der Aussage, für die "Straftaten", die den Kämpfern vorgeworfen würden, "haben wir die schwerste Strafe: die Todesstrafe".

Unklar ist, wo die ukrainischen Kämpfer festgehalten werden. Der russische Präsident Wladimir Putin hatte den Vereinten Nationen und dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz zugesichert, dass die Männer gemäß den internationalen Rechtsstandards behandelt würden. Sie sollten auch medizinisch versorgt werden.

Schwere Kämpfe um Sjewjerodonezk

Im Osten der Ukraine gehen die Kämpfe um die strategisch wichtige Stadt Sjewjerodonezk in die entscheidende Phase. Der ukrainische Generalstab meldete für das Gebiet und in der benachbarten Ortschaft Toschkiwka "Sturmaktivitäten". Weitere russische Bodenangriffe gebe es im westlicher gelegenen Raum Bachmut. Die Angriffe bezwecken offenbar, den letzten von der Ukraine gehaltenen Ballungsraum in der Region Luhansk, Sjewjerodonezk-Lyssytschansk, abzuschneiden und so die dort stationierten Truppen aufzureiben.

Im Ballungsgebiet lebten vor dem Krieg 380.000 Menschen. Inzwischen ist vor allem Sjewjerodonezk entvölkert. Nach ukrainischen Angaben sind dort mehr als zwei Drittel der Wohnhäuser zerstört. Internationale Helfer fürchten, dass bis zu 12.000 Zivilisten im Kreuzfeuer gefangen seien könnten. Russische Luftwaffe und Artillerie bombardieren seit Wochen die Stadt, um eine Bodenoffensive vorzubereiten. Die Eroberung hätte für Moskau nach dem Rückzug der eigenen Truppen vor Kiew große symbolische Bedeutung, um die "Befreiung der Region Luhansk" verkünden zu können. Nach Einschätzung britischer Geheimdienste geht Moskau mit der Offensive allerdings das Risiko ein, in anderen besetzen Gebieten die Kontrolle wieder zu verlieren.

Drei Tote in Slowjansk

Auch in anderen Teilen des Donbass setzte die russische Armee ihre Angriffe fort. In der rund 80 Kilometer westlich von Sjewjerodonezk gelegenen Stadt Slowjansk wurden bei einem nächtlichen Raketenangriff mindestens drei Menschen getötet und sechs weitere verletzt, wie der Gouverneur der Region Donezk, Pawlo Kyrylenko, mitteilte. Er rief die Bewohner der Region zur Evakuierung auf. Slowjansk und das nahe gelegene Kramatorsk gelten als wichtige nächste Ziele der russischen Offensive im Donbass im Osten der Ukraine.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk in der Sendung "Informationen und Musik" am 28. Mai 2022 um 07:08 Uhr.