Beji Caid el Sebsi | Bildquelle: picture alliance / NurPhoto

Trauer um Essebsi Vaterfigur und Pragmatiker mit Wutanfällen

Stand: 25.07.2019 16:06 Uhr

Der tunesische Präsident Essebsi verkörperte die nationale Einheit des Landes. Trotz gelegentlicher grober Worte war er für viele ein Anker in unruhigen Zeiten. Nun ist Essebsi mit 92 Jahren gestorben.

Ein Nachruf von Jens Borchers, ARD-Studio Rabat

Beji Caid Essebsi war in Tunesien nicht einfach nur ein Name. Er war eine Marke. BCE nannten sie diesen Veteranen der Politik. Essebsi porträtierte sich als politischer Erbe des tunesischen Unabhängigkeitsidols Habib Bourguiba. Er sah sich gerne in der Rolle eines erfahrenen, ausgleichenden Polit-Vaters, der weiß, wo es langgeht.  

Aber die "Vaterfigur" konnte auch ganz schön ausfallend werden, wenn etwas nicht nach ihrem Gusto ging. Als Essebsi einmal eine längliche Presseerklärung abgab und dabei aus dem Koran zitierte, stellte ein Journalist eine Zwischenfrage. Essebsi wurde sofort grob, seine Wortwahl lag deutlich unter der Gürtellinie.

Der tunesische Regierungschef Essebsi zu Gast bei US-Präsident Obama.
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2011: Essebsi zu Gast beim damaligen US-Präsidenten Obama.

Essebsi konnte herrisch und autoritär auftreten. Immerhin entschuldigte sich der Gründer der Partei "Nidda Tounés" später für diese Entgleisung.

Aber generell bemühte sich der gelernte Jurist und Diplomat um das Image eines gelassenen und sicheren Polit-Machers. Als Terroristen im Sommer 2015 Touristen an einem Strand in der Nähe der Hafenstadt Sousse ermordeten, versuchte Essebsi die Wogen mit den Worten zu glätten: "Der Staat ist präsent. Ja, das war ein harter, schwerer Schlag. Aber es gibt keinen Grund zur Panik." Außergewöhnliche Umstände, sagte Essebsi, erforderten außergewöhnliche Maßnahmen: Wegen der Terrorismusgefahr gilt seit 2015 der Ausnahmezustand in Tunesien.

Essebsi - undogmatischer Macher

Essebsi war aber auch ein politischer Strippenzieher. Er war es, der in Hinterzimmer-Gesprächen eine Regierung der "nationalen Einheit" schmiedete. Dazu holte er auch die islamisch orientierte Ennahda-Partei mit ins Boot. Das war keineswegs selbstverständlich. Denn Essebsi hatte unter Tunesiens Diktator Ben Ali Regierungsämter bekleidet. Damals wurden Menschen wie der Ennahda-Parteichef Rached Ghannouchi politisch verfolgt. Essebsi und Ghannouchi einigten sich trotz dieser Schatten der Vergangenheit auf eine politische Zusammenarbeit.

Tunesiens Präsident Beji Caid Essebsi und Bundeskanzlerin Angela Merkel | Bildquelle: REUTERS
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März 2017: Tunesiens Präsident Essebsi und Bundeskanzlerin Merkel einigen sich auf schnellere Abschiebungen.

Essebsi gehörte fest zum Inventar der tunesischen Politik nach der Unabhängigkeit. Unter Präsident Bourguiba hatte er zeitweise die Unterdrückung politischer Gegner organisiert. Während der Ben-Ali-Diktatur zählte Essebsi allerdings nie zum engen Machtzirkel. Er zog sich Mitte der 1990er-Jahre aus der Politik zurück. Weil er nicht mehr glaubte, etwas bewirken zu können.

Stabilitätsgarant in unruhigen Zeiten

Als 2011 Zine al Abidine Ben Ali gestürzt wurde, kehrte Essebsi als Übergangs-Premierminister in die Politik zurück. Er ernannte eine Technokraten-Regierung und versuchte, irgendwie Ruhe in das aufgeregte und erschütterte Land zu bringen. 

Davon, die Grausamkeiten und die Korruption der Ben-Ali-Zeit aufzuklären, hielt Essebsi nichts. Im Gegenteil, er dachte laut über Amnestien für Korruption nach.

"Drei Viertel der Beamten, die Tunesien gedient haben und jetzt im Gefängnis sitzen, sind nur deshalb dort, weil sie in einem korrupten System gelebt und Anweisungen ausgeführt haben. Wer hat denn damals den Mund aufgemacht? Selbst die Regierungsmitglieder haben es nicht getan. Das ging nicht."

Wutausbrüche und Pragmatismus

Essebsi arbeitete viel lieber an der Gegenwart. Immer wieder beschrieb er die Lage Tunesiens mit kurzen, knappen Analysen. Die Radikalisierung junger Menschen sah er als Folge mangelnder wirtschaftlicher Perspektiven und salafistischer Geldgeber:

"Tunesien kann nicht jedem Arbeitslosen 2000 Euro gegeben. In vielen Regionen gibt es extreme Armut, dort sind vor allem junge Leute marginalisiert. Und deswegen fallen sie dieser radikalen Propaganda zum Opfer."

US-Präsident Donald Trump spricht mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. Zwischen ihnen sitzt der tunesische Präsident Beji Caid Essebsi. | Bildquelle: AP
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Essebsi auf dem G-7-Gipfel 2017 zwischen Merkel und Trump.

Derselbe Essebsi schimpfte aber zeitweise auch über zu viele Demonstrationen und über zu hohe Erwartungen der Menschen an den tunesischen Staat. Dann wiederum erstaunte er mit Vorstößen in religiös aufgeladenen Fragen: Essebsi setzte sich dafür ein, dass tunesische Frauen Nicht-Muslime heiraten können. Und dafür, das ungerechte Erbrecht zu ändern, damit Frauen darin künftig nicht mehr benachteiligt werden.

Essebsi wollte als tunesischer Präsident die Wirtschaft stärken, den Terrorismus bekämpfen und die Demokratie festigen. In allen drei Bereichen hat das Land nach wie vor schwer zu kämpfen. Diesen Kampf müssen jetzt, nach dem Tod des 92-jährigen eigenwilligen Mannes, andere weiterführen.

Nachruf Beji Caid Essebsi: Tunesiens Präsident umstrittener Präsident
Jens Borchers, ARD Rabat
25.07.2019 14:29 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 25. Juli 2019 um 12:00 Uhr.

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