Demonstranten versammeln sich mit ihren Tuk-Tuks auf dem Tahrir-Platz | Bildquelle: dpa

Bagdad Die Tuk-Tuk-Revolution

Stand: 03.11.2019 04:46 Uhr

Während der anhaltenden Proteste in Bagdad sind sie unermüdlich im Einsatz: Die Tuk-Tuk-Fahrer. Mit ihren Rikschas versorgen sie die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz mit allem, was sie brauchen.

Von Carsten Kühntopp, ARD-Studio Kairo, zzt. Bagdad

Sie sind die Helden der irakischen Revolution: Die Tuk-Tuk-Fahrer. In Bagdad hatten sie früher einen schlechten Ruf wegen ihres haarsträubenden Fahrstils. Doch dank ihres unermüdlichen Einsatzes zur Unterstützung der Demonstranten auf dem Tahrir-Platz haben sie sich ins kollektive Herz der Nation gefahren.

Einer von ihnen ist Ahmed Adel aus dem Armenviertel Sadr-Stadt. Wie die anderen seiner Zunft ist er aus Überzeugung dabei: "Ich bin jung, 20 Jahre alt, und ich habe keine Arbeit, sondern fahre Tuk-Tuk. Die jungen Leute im Ausland lernen und studieren. Aber wenn hier jemand mit dem Studium fertig ist, dann sitzt er zuhause, ohne Arbeit. Im Ausland gibt’s das nicht."

Klein und wendig sind die Rikschas. Sie fahren die Demonstranten gratis hin und her. Oder sie schaffen alle möglichen Dinge zum Tahrir-Platz, die dort gebraucht werden, wie Zelte, Decken, Matrazen. Und vor allem: Bei Zusammenstößen mit den Sicherheitskräften rasen sie direkt an die Front.

Wenn jemand verletzt wird und zu Boden geht, fahren sie sofort zu ihm, erzählt Ahmed. "Wir warten nicht darauf, dass jemand uns sagt, was wir zu tun haben. Und dann nehmen wir ihn und fahren ihn entweder zu einem Krankenwagen oder ins Krankenhaus." Die Fahrer der Krankenwagen hätten Angst, reinzufahren, berichtet er weiter. Die Tuk-Tuks aber gingen rein und holten die Verletzten raus.

Regierungskritische Demonstranten stoßen während eines Protests mit Sicherheitskräften zusammen. | Bildquelle: dpa
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Regierungskritische Demonstranten stoßen während eines Protests mit Sicherheitskräften zusammen.

Loblieder auf die Fahrer

Die Front ist auf einer Brücke, die vom Tahrir-Platz zum Regierungsviertel führt. Sicherheitskräfte und Protestler stehen sich hier direkt gegenüber. Wird ein Demonstrant getroffen, düst gleich ein ganzer Schwarm von Tuk-Tuks los.

Die ersten stellen sich quer und bilden einen Sichtschutz - eine Wand gegen die Polizei. Die anderen nehmen den Verletzten auf. Diese Kühnheit hat mehrere Popmusiker zu Lobliedern auf die Tuk-Tuk-Fahrer inspiriert.

Wer als Tuk-Tuk-Fahrer arbeitet, stammt meist aus einfachen Verhältnissen - oder ist Uniabsolvent ohne Job. Die Rikschas werden aus Indien eingeführt und kosten umgerechnet mindestens 2600 Euro. Die meisten Fahrer müssen das über die Jahre abbezahlen.

Kühlschrankgitter als Schutz

Auf die Frontscheibe seiner Rikscha hat Ahmed das Gitter von der Rückwand eines Kühlschranks geschraubt, in der Hoffnung, dass das gegen die Tränengasgranaten hilft. Sie werden häufig direkt auf Menschen geschossen und können dann tödlich sein. Diese Granaten treffen nur die Fahrer, erklärt er. Drei seiner Freunde seien so gestorben.

"Ich habe gesehen, wie ein Motorradfahrer von der Polizei getroffen wurde. Ein Tuk-Tuk-Fahrer sprang ab, um ihm zu helfen. Die Polizei hat daraufhin mit Tränengasgranaten auf den Kopf des Tuk-Tuk-Fahrers geschossen. Sein Gehirn trat aus, und er war tot. Wir haben noch versucht, ihm zu helfen - vergebens", sagt Ahmed.

Er habe keine Angst, betont er. Jeder müsse irgendwann sterben. Jeden Tag aufs Neue steigt er in seine Rikscha und macht sich an die "Arbeit", wie er seinen Einsatz am Tahrir-Platz nennt. "Jetzt beweisen wir, dass die Tuk-Tuk-Männer Helden sind", sagt Ahmed.

Die Tuk-Tuk-Revolution
Carsten Kühntopp, ARD Kairo zzt. Bagdad
02.11.2019 20:48 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 03. November 2019 um 12:09 Uhr.

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