Türkischer Militärkonvoi an der Grenze zu Syrien | Bildquelle: AFP

Türkei in Nordsyrien Ein Schritt in Richtung Angriff?

Stand: 24.12.2018 12:21 Uhr

Es bestehen kaum Zweifel daran, dass die Türkei kurdische Milizen in Nordsyrien angreifen wird. Die Frage ist nur: wann? Nun hat das türkische Militär Soldaten und Fahrzeuge in die Region verlegt.

Man werde mit einer Offensive "noch eine Weile warten" - so hatte sich am Freitag noch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan über die Pläne seines Landes für Nordsyrien nach dem Abzug der USA geäußert. Nun deutet vieles darauf hin, dass die Türkei einen Angriff auf die Region vorbereitet.

Wie türkische Medien und syrische Oppositionsgruppen melden, verlegte das türkische Militär schon in der Nacht zum Sonntag mehrere Dutzend Soldaten sowie Militärfahrzeuge aus der Grenzprovinz Kilis in ein Gebiet westlich des Flusses Euphrat, das von Freien Syrischen Armee kontrolliert wird. Diese ist der Türkei freundlich gesonnen. Zum dem verlegten Gerät hätten auch Panzer und schwere Artillerie gehört.

Ein namentlich nicht genannter Militärbeamter wird von der Nachrichtenagentur AP mit den Worten zitiert, die von der Türkei verwalteten Gebiete im Norden Syriens seien verstärkt worden. Die türkische Nachrichtenagentur Anadolu meldete, ein Konvoi mit Panzern und Granatwerfern habe in der Nacht Kilis erreicht. Auf der syrischen Seite seien pro-türkische Rebellen in Richtung der Stadt Manbidsch vorgerückt.

Karte Syrien und Türkei, dem Ort Manbidsch und der region Kilis
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Die Gegend rund um Manbidsch wird von kurdischen Einheiten kontrolliert - diese Region könnten türkische Truppen angreifen.

Das Ziel heißt Manbidsch

Die Türkei baut damit ihre Militärpräsenz in Nordsyrien aus und erhöht ihre Möglichkeiten, Manbidsch anzugreifen. Diese wird von den arabisch-kurdischen Einheiten der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) kontrolliert, die bislang zusammen mit US-Militärs den "Islamischen Staat" (IS) bekämpft hatten.

Die Türkei betrachtet die kurdischen YPG-Milizen, die das Rückgrat der SDF bilden, als Ableger der in der Türkei verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK - und damit als Terroristen.

Türkischer Militärkonvoi an der Grenze zu Syrien | Bildquelle: AFP
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Ging es für sie in Richtung Manbidsch? Ein türkischer Militärkonvoi in der Grenzregion Kilis, aufgenommen am vergangenen Samstag.

Auslöser: Trumps Kehrtwende

Durch die überraschende Ankündigung der USA, ihre Soldaten aus Syrien zurückzuziehen, hat sich die militärische Lage im Nordsyriens fundamental geändert. Die USA hatten die SDF seit 2014 in ihrem Kampf gegen den IS unterstützt - trotz massiver Kritik von Erdogan. Der Rückzug der USA ermöglicht es der Türkei, ihren Kampf gegen den IS und gegen kurdische Einheiten auszuweiten.

Die Regierung in Ankara will damit eine unabhängige kurdische Selbstverwaltung im Grenzgebiet verhindern und zugleich ihren Einfluss in Syrien stärken. Im Bürgerkrieg hatte die Türkei auf eine Ablösung von Staatschef Bashar al-Assad gedrängt.

Erste Soldaten abgezogen

Bislang war unklar, wann die USA ihre Soldaten zurückholen würden. Doch offenbar wurden 300 Soldaten, die in Manbidsch stationiert waren, bereits abgezogen - das meldet jedenfalls das türkische Staatsfernsehen TRT.

In Washington unterzeichnete der scheidende Verteidigungsminister James Mattis am Sonntag den Befehl zum Rückzug aller 2000 US-Soldaten und setzte damit eine entsprechende Anordnung von Präsident Donald Trump um. Details des Befehls sind aber noch nicht bekannt.

Mattis hatte nach der Anordnung des Rückzugs seinen Rücktritt angekündigt und dies unter anderem mit Meinungsverschiedenheiten mit Trump begründet. Der über diese Äußerungen verärgerte Trump hatte daraufhin gestern mitgeteilt, er ersetzte Mattis früher als geplant durch dessen derzeitigen Stellvertreter Patrick Shanahan, der das Amt allerdings nur vorübergehend übernehmen soll.

Von komplett zu weitgehend

Trump hatte seine Abzugs-Entscheidung damit begründet, der IS sei in Syrien vollständig besiegt. Nach breiter Kritik an seiner Volte änderte er diese Einschätzung in "weitgehend besiegt".

Über das weitere Vorgehen in dem Land telefonierte er am Sonntag mit Erdogan. Anschließend teilte er auf dem Kurznachrichtendienst Twitter mit, der türkische Präsident habe zugesichert, die Reste des IS in Syrien "auszurotten". Erdogan sei "ein Mann, der das kann"; außerdem grenze die Türkei an Syrien an. "Unsere Soldaten kehren zurück nach Hause!", bekräftigte Trump.

Syrische Oppositionskämpfer jedenfalls bereiten sich jetzt auf einen Einsatz an der Seite türkischer Soldaten im Osten des Landes vor. Ein Sprecher sagte, dies werde geschehen, sobald die US-Truppen dort abgezogen seien.

Mit Informationen von Christian Buttkereit, ARD,Studio Istanbul

Türkische Truppen überqueren offenbar syrische Grenze
Christian Buttkereit, ARD Istanbul
24.12.2018 09:30 Uhr

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Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 24. Dezember 2018 um 10:33 Uhr.

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