Plastikflaschen in einer Recycling-Anlage im französischen Bourg-Blanc | Bildquelle: AFP

Plastikabfälle Warum die Türkei deutschen Müll kauft

Stand: 09.05.2019 12:03 Uhr

220 Kilo Verpackungsmüll verursacht jeder Deutsche im Jahr. Immer mehr davon landet in der Türkei. Diese zählt zu den Ländern, die das Mittelmeer am stärksten mit Plastikabfällen verschmutzen.

Von Christian Buttkereit, ARD-Studio Istanbul

In die Badefreuden an der türkischen Riviera mischt sich immer mehr Plastikmüll: Strohhalme, Becher, Flaschen, Plastikschnipsel. Die Türkei gehört zu den Ländern, die das Mittelmeer am stärksten mit Plastikabfällen verschmutzen. Gleichzeitig importiert das Land aber immer mehr Kunststoffabfälle - auch aus Deutschland.

Laut dem Statistischen Bundesamt kamen 2017 18.000 Tonnen Plastikmüll aus Deutschland in die Türkei, 2018 schon 50.000 Tonnen.

Müll als Second-Hand-Rohstoff

Warum die Türkei überhaupt Müll einführt, erklärt Serhan Maden vom Verband der Papiermüll- und Recycling-Unternehmer so: Die Türkei verfüge nicht über den Rohstoff zur Herstellung von Produkten aus Erdöl-Derivaten. Deshalb kaufe das Land die Rohstoffe für teures Geld ein. "Es gibt die Möglichkeit aus Wertstoffen sogenannten Second-Hand-Rohstoff zu erzeugen. Deswegen betrachten wir die Einfuhr von Wertstoffen in die Türkei und deren Wiederverwertung als eine Chance."

So gesehen war 2018 ein gutes Jahr. Der hohe Anstieg war vor allem darauf zurückzuführen, dass China den Import von Plastikabfällen stoppte. Ein großer Teil davon landete stattdessen in Anatolien. Für die Türkei sei das eindeutig zu viel gewesen, sagt Deniz Bayram, Leiterin der Mittelmeer Abteilung bei der Umweltschutzorganisation Greenpeace: "Diese Entwicklung ist sehr plötzlich eingetreten. Die Türkei ist schon mit der Trennung und dem Recyceln ihres eigenen Abfalls überfordert. Fakt ist aber, dass das Abfall-Import-Volumen drastisch angestiegen ist, ehe das Land neue Strategien für diese Situation entwickeln konnte."

Müll: Plastikflaschen
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Mehr als die Hälfte des weltweiten Mülls war lange nach China exportiert worden.

Importieren statt selber recyclen

Bisher werden nur etwa zehn Prozent des türkischen Mülls wiederverwertet. Zwar soll die Recyclingquote bis 2023 auf 35 Prozent steigen, doch das sei eine Frage der Mülltrennung, sagt Maden. In den Haushalten werde so gut wie gar nicht getrennt und eine nachträgliche Sortierung sei teuer. "Statt also viel Geld für die Mülltrennung innerhalb der Türkei auszugeben, importiert man aus dem Ausland sauberen Abfall beziehungsweise saubere Wertstoffe."

Die Absender dieser Wertstoffe bekommen kein Geld, müssen aber auch nicht dafür zahlen, dass ihnen jemand den Müll abnimmt. Die türkischen Empfänger übernehmen die Transportkosten. Restmüll zu importieren ist streng verboten und auch nicht im Sinne der türkischen Entsorgungswirtschaft, sagt Verbandssprecher Maden. Am besten könne sauberer, sortenreiner Müll wiederverwertet werden. "Aus Altpapier werden beispielsweise Kartons hergestellt, aus Plastikflaschen Fasern, Kunstwatte oder Trikots oder das Plastik wird zu Granulat weiter verarbeitet und als Rohstoff verkauft."

Landet importierter Müll im Meer?

Aber auch diese Produkte sind irgendwann wieder Müll. Im schlimmsten Fall landet er im Meer. Trägt also der Import von Plastikmüll aus Deutschland zur Verschmutzung des Mittelmeers bei? Bayram will das zumindest nicht ausschließen. Man könne noch nicht sagen, ob der Abfallimport einen Beitrag zur Verschmutzung des Mittelmeers leistet. Entsprechende Studien gebe es noch nicht. "Die starke Plastikverschmutzung im Mittelmeer ist jedoch eine Tatsache."

Als eine Ursache wurde inzwischen die Verwendung vieler Einwegprodukte in der Tourismusbranche identifiziert. Vor kurzem ist deshalb eine Zero-Waste-Bestimmung in Kraft getreten. Jedes Hotel oder jede Ferienanlage muss den Müll künftig vor Ort trennen und auf Einwegprodukte weitgehend verzichten.

Türkei - Zielland für deutschen Plastikmüll
Christian Buttkereit, ARD Istanbul
09.05.2019 11:40 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. Mai 2019 um 11:43 Uhr.

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