Video mit angeblich Abu Bakr al-Bagdadi  | Bildquelle: AFP

"Islamischer Staat" Al-Bagdadi ist tot, der IS nicht

Stand: 27.10.2019 16:36 Uhr

Der Tod von Anführer al-Bagdadi ist ein Erfolg im Kampf gegen den IS. Doch während US-Präsident Trump so klingt, als sei die Terrormiliz bereits besiegt, ist die politische Lage in der Region ideal für ein IS-Comeback.

Von Georg Mascolo, ARD-Terrorismusexperte

Nun ist er tot, der zuletzt meistgesuchte Terrorist der Welt, ein kurzsichtiger Religionsgelehrter, der sich damit brüstete, direkt vom Propheten abzustammen. Was ebenso wenig stimmte wie das großmäulige Versprechen gegenüber seinen Anhängern: "Ihr werdet Rom erobern, die Welt wird Eure sein."

Abu Bakr-al Bagdadi starb nach Angaben von US-Präsident Donald Trump, als er, verfolgt von US-Spezialeinheiten, in einem Tunnel im Nordwesten Syriens einen Sprengstoffgürtel zündete. Zwei seiner Ehefrauen und drei seiner Kinder sollen dabei ebenfalls ums Leben gekommen sein.

Ein leichtes Ziel

Den Zerfall seines Kalifats hat der aus dem irakischen Samarra stammende Doktor der Theologie damit nur um Monate überlebt, die Flucht blieb kurz. Fast zehn Jahre brauchen die Geheimdienste, um Osama Bin Laden nach den Anschlägen des 11. September 2001 aufzuspüren und zu töten. Bagdadi war ein leichteres Ziel.

In Washington wird der Erfolg gefeiert. Es ist ja auch einer, die symbolische Bedeutung seines Todes darf man nicht unterschätzen. Zumal Bagdadi noch im Mai in einer seiner seltenen Videobotschaften angekündigt hatte, einen "Zermürbungskrieg" fortzusetzen. Er sprach über die vielen IS-Provinzen, in denen das Morden nun weitergehe. Bagdadi saß im Schneidersitz auf dem Boden, hinter ihm lehnte ein Sturmgewehr an der Wand. Er wirkte erschöpft. Auf der Flucht. Aber auch entschlossen.

Millionen unter Schreckensherrschaft

Die Bedeutung von Bin Laden hat Bagdadi nie gehabt, ein epochemachendes Attentat wie der 11. September ist dem "Islamischen Staat" nie gelungen. Und doch hat Bagdadi jedenfalls in der Welt des Terrorismus etwas Einzigartiges geschaffen: einen ganzen Staat des Irrsinns, zeitweilig von der territorialen Größe Großbritanniens, Millionen lebten unter seiner Schreckensherrschaft.

IS-Chef al-Bagdadi soll sich bei US-Angriff selbst getötet haben
tagesthemen 22:50 Uhr, 27.10.2019, Daniel Hechler, ARD Kairo

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Bagdadi hat den islamistischen Terrorismus vor allem für die Europäer zu einem erschreckend großen Problem gemacht. Tausende machten sich in das angebliche Kalifat auf den Weg, lebten, folterten und mordeten in seinem Namen. Die überfüllten Gefängnisse und Flüchtlingslager im Norden Syriens erinnern jeden Tag daran, dass Europa bis heute die Antwort darauf verweigert, wie jetzt mit diesem Problem umgegangen werden soll.

Schon kursieren Meldungen, dass erste der Kämpfer inzwischen entkommen sind. Vielleicht wird es bald noch schlimmer: Unter Bagdadi jedenfalls gab es immer wieder Überfälle auf Gefängnisse, um inhaftierte Islamisten zu befreien. Es war einer der Gründe, die den IS militärisch so schlagkräftig machten. Diese Geschichte sollte sich nicht wiederholen. Dass diejenigen, die jetzt einsitzen, nicht Morgen wieder kämpfen, ist aber nur eine der Fragen, die sich stellen.

Ein weiterer Sieg

Der Tod des selbst ernannten Kalifen Bagdadi ist nach dem Ende des Kalifats ein weiterer Sieg - und doch wird all dies nicht von Dauer sein, wenn der Kampf nun nicht entschieden und klug fortgesetzt wird. Bereits in den vergangenen Monaten ließ sich beobachten, dass der IS dorthin zurückging, wo er herkam - in den Untergrund. "Aus der Wüste - in die Wüste" nennen die Terroristen das.

Dort sind angeblich auch ganze Kühlschränke mit dem einst riesigen Vermögen des IS vergraben - nicht ohne Grund galt die Organisation als die reichste Terrorbande der Geschichte. Die sich politisch wieder zuspitzenden Verhältnisse im Irak, die Massenproteste gegen die Regierung, sind ideal für ein Comeback des IS. Die Lage in Syrien ist, man kann es den täglichen Nachrichten entnehmen, ohnehin ein Desaster.

Ein humanitärer Hilfsplan für Syrien - hier geht es auch um die (noch) unter kurdischer Kontrolle stehenden befreiten IS-Gebiete - steht bei kläglichen 28 Prozent. In der einstigen Kalifat-Hauptstadt Rakka sind bis heute nicht einmal alle Minen geräumt. Der Wiederaufbau im Irak - dort, wo der IS nach dem Einmarsch der USA 2003 überhaupt erst entstand - kommt ebenfalls nicht schnell genug voran. Es liegt an fehlenden Hilfsgeldern und grassierender Korruption. Ein von den Vereinten Nationen koordinierter Hilfsplan ist gerade einmal zu 41 Prozent finanziert.

Der Sieg über den IS war eine Priorität. Die Hilfe für die Menschen, die unter ihm zu leiden hatten, ist es nicht. Der IS wird nach dem Tod Bagdadis einen neuen Anführer finden. Sie warten nur darauf, ihre schwarzen Flaggen wieder zu hissen. Sie werden nicht kapitulieren.

Sieg schon errungen?

US-Präsident Trump aber klingt wieder einmal so, als halte er den Sieg schon für errungen. Die US-Truppen müssen nach seinem Willen und gegen den Rat selbst seiner eigenen Experten aus dem Norden Syriens abziehen. Der Tod Bagdadis, so muss man vermuten, wird Trump in dieser Entscheidung nur bestätigen.

Den Kampf gegen den IS-Fanatismus und seine Anhänger gewinnt man nicht ohne den Einsatz von Militär, ohne Gewalt. Aber nur dauerhaft kluge Politik wird Bagdadis Erben am Ende endgültig bezwingen. Es kann einfacher sein, den Krieg zu gewinnen, als den Frieden zu sichern.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 27. Oktober 2019 um 17:15 Uhr.

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