Sabiullah Mudschahid, Sprecher der Taliban | dpa

Taliban-Forderung an Deutschland "Wollen diplomatische Beziehungen"

Stand: 05.09.2021 08:34 Uhr

Die Taliban haben klare Vorstellungen, wie sich Deutschland zu ihnen positionieren soll. Sie wollen diplomatische Beziehungen und Finanzhilfen. US-Generalstabschef Milley sieht die politische Lage mit Sorge und rechnet mit einem Bürgerkrieg.

Die Taliban haben Stellung dazu bezogen, wie sie sich nach ihrer Machtübernahme in Afghanistan die künftigen Beziehung mit Deutschland vorstellen. "Wir wollen starke und offizielle diplomatische Beziehungen zu Deutschland", sagte ihr Sprecher Sabiullah Mudschahid der "Welt am Sonntag". Demnach wünschen sich die Taliban von der Bundesregierung und anderen Ländern finanzielle Unterstützung, humanitäre Hilfe und Kooperation bei Gesundheit, Landwirtschaft und Bildung.

Die Deutschen seien in Afghanistan immer willkommen gewesen, sagte Mudschahid der Zeitung. Schon zu Zeiten des Königreichs vor etwa 100 Jahren hätten die Deutschen in Afghanistan viel Gutes bewirkt. "Leider haben sie sich dann den Amerikanern angeschlossen. Aber das ist jetzt vergeben", sagte Mudschahid.

Wegen Schutzsuchenden auf Gespräche angewiesen

Deutschland ist auf Gespräche mit den Taliban angewiesen, weil es nach dem Ende der militärischen Evakuierungsaktion die Ausreise weiterer Schutzsuchender aus dem Land ermöglichen will. Bundesaußenminister Heiko Maas hatte vor wenigen Tagen gesagt: "Wenn es politisch möglich wäre und wenn die Sicherheitslage es erlaubt, dann sollte auch Deutschland in Kabul wieder eine eigene Botschaft haben." Der SPD-Politiker betonte aber auch, dass eine diplomatische Vertretung keine Anerkennung einer Taliban-Regierung bedeute.

Die EU hatte sich bereits auf Bedingungen an die Taliban für diplomatische Beziehungen und Unterstützung geeinigt.

Die Bundesregierung hatte nach dem Siegeszug der Taliban die Botschaft in Kabul geschlossen. Botschafter Markus Potzel wurde ins katarische Doha entsandt, um dort Gespräche mit den Islamisten zu führen. In der Hauptstadt des Golfemirats betreiben die Taliban ihr politisches Büro, das quasi als Außenministerium fungiert. Allerdings sind schon die ersten Taliban-Vertreter aus Doha nach Afghanistan zurückgekehrt. Daher gibt es die Überlegungen, wie man den "kurzen Draht" zu den neuen Machthabern aufrechterhalten kann.

"Bürgerkrieg in Afghanistan ist wahrscheinlich"

Der US-Generalstabschef Mark Milley sieht die politische Lage in Afghanistan mit großer Besorgnis. Er wisse nicht, ob die Taliban in der Lage sein werden, ihre Macht zu konsolidieren und eine Regierung aufzubauen, sagte Milley dem Fernsehsender "Fox News" in einem Interview auf dem Luftwaffenstützpunkt Ramstein in Deutschland.

US-Generalstabschef Mark Milley | AP

US-Generalstabschef Mark Milley Bild: AP

"Meine militärische Einschätzung ist, dass sich die Lage wahrscheinlich zu einem Bürgerkrieg auswachsen wird." Eine solche Entwicklung könnte wiederum dazu führen, dass Terrorgruppen das Machtvakuum in Afghanistan für sich nutzen, warnte Milley. Zu befürchten sei, dass sich Al Kaida neu formiert, die Extremisten des "Islamischen Staats" ihren Einfluss ausbauen "oder eine Vielzahl anderer Terrorgruppen" sich am Hindukusch breit machen. "Es könnte sein, dass wir binnen zwölf, 24 oder 36 Monaten sehen werden, wie ausgehend von dieser Region der Terrorismus aufs Neue erstarkt. Und wir werden das beobachten."

Schwierig ist auch die Lage im afghanischen Pandschir-Tal. Dort gibt es derzeit heftige Kämpfe zwischen den Taliban und der Nationalen Widerstandsfront von Afghanistan, die von dem dem Milizenführer Ahmad Massud angeführt wird. Beide Seiten behaupten,dort die Oberhand zu haben. Ahmad Massud ist der Sohn eines der wichtigsten Anführer im Krieg gegen sowjetische Truppen in den 1980er-Jahren, die das Tal nicht unter ihre Kontrolle bringen konnten. Während der ersten Herrschaft der Taliban von 1996 bis 2001 war es Massuds Vater ebenfalls gelungen, Angriffe der Islamisten abzuwehren.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 05. September 2021 um 09:00 Uhr.

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KOMMENTARE

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SinnUndVerstand 05.09.2021 • 12:44 Uhr

@ 10:37 von Blitzgesch...

Wir haben tatsächlich viele "Probleme im eigenen Land": der politische Kampf gegen Rechtspopulisten, für klimagerechte Politik incl einer zukunftstabilisierenden nachhaltigen Neuausrichtung unserer Ökonomie, bezahlbaren Wohnraum etc. Im Unterschied zu Ihnen sehe ich keinen Widerspruch zu einer humanen Flüchtlingspolitik mit Blick auf Schutzsuchende in Afghanistan. Aber das weiß man ja schon länger, wie eingegrenzt Ihr politischer Horizont bzw. der Ihrer Lieblingspartei insgesamt ist. Nichts Neues.