Die Südsudanesin Thoraya wäscht am Nilufer Blätter | Bildquelle: Anne Allmeling, ARD-Studio Kairo

Alltag im Südsudan Wo ein paar Samen Leben retten

Stand: 22.02.2020 17:52 Uhr

Jahrelang wurde der Südsudan von einem Bürgerkrieg erschüttert, viele Menschen leiden Hunger. Selbst in der Hauptstadt gibt es keine Strom- und Wasserversorgung. Nun soll eine Einheitsregierung für Stabilität sorgen.

Von Anne Allmeling, ARD-Studio Kairo

Thoraya wäscht ein Bund Blätter im sandigen Wasser am Ufer des Nils. Ihr Korb ist gefüllt mit Spinat und dünnen Karotten. Das Gemüse hat sie den Familien aus ihrem Viertel abgekauft. Sie will es später auf dem Markt weiterverkaufen.

Zwischen 500 und 1000 Pfund verdiene sie pro Tag, erzählt Thoraya, also etwa zwei bis drei Euro. An guten Tagen könnten es auch sechs oder sogar neun Euro werden. Davon muss die 38-Jährige ihre Familie ernähren - insgesamt neun Personen. Sie leben in einer Lehmhütte am Rande der südsudanesischen Hauptstadt Juba. "Wir sparen, wo wir können - und überleben mit dem wenigen, das wir verdienen", sagt Thoraya.

Die Südsudanesin Thoraya wäscht am Nilufer Blätter | Bildquelle: Anne Allmeling, ARD-Studio Kairo
galerie

Die blätter, die Thoraya am Ufer des Nils sammelt und wäscht, will sie später auf dem Markt verkaufen, um ihre Familie zu ernähren.

Samen und Setzlinge für den Eigenbedarf

Wie viele Menschen im Südsudan ist sie auf Nothilfe angewiesen. Internationale Organisationen verteilen Nahrungsmittel oder versorgen die Südsudanesen mit Samen und Setzlingen. Damit können sie in ihren Gärten oder auf einem kleinen Stückchen Land Gemüse anbauen - für den eigenen Bedarf. Denn was es im Südsudan zu kaufen gibt, können sich nur wenige leisten, sagt Bernd Serway von der Diakonie Katastrophenhilfe in Juba.

"Südsudan ist zu 100 Prozent auf Importe angewiesen, das heißt, sämtliche Nahrungsmittel kommen aus den Nachbarregionen. Die Hühnchen, die wir hier essen, kommen aus Brasilien, der Fisch kommt aus China, sonstige Nahrungsmittel oft aus Uganda, Kenia und Äthiopien. Im Südsudan wird kaum etwas für die generelle Notwendigkeiten angebaut."

Das hat einen Grund: Fast ein Drittel der Bevölkerung ist auf der Flucht. Nach einem jahrzehntelangen Bürgerkrieg erlangte der Südsudan 2011 zwar die Unabhängigkeit vom Sudan. Aber bereits zwei Jahre später begannen die verschiedenen Bevölkerungsgruppen im jüngsten Land der Welt, um Gebiete und Ressourcen zu kämpfen. Ihre Konflikte trugen sie mit Maschinengewehren und anderen Waffen aus; fast 400.000 Menschen kamen allein in den vergangenen sechs Jahren ums Leben.

Keine Wasserversorgung, kein Strom

Die zaghafte Entwicklung in den Jahren nach der Unabhängigkeit machten die Bürgerkriegsparteien schnell wieder zunichte. "Zum Beispiel hat die Hauptstadt Juba keine Wasserversorgung, keine Abwasserversorgung, keine Stromversorgung, keine vernünftige Infrastruktur", sagt Serway. "Wasser, was bei uns eben aus der Leitung kommt, wird hier mit Tankwagen angefahren. Das Abwasser und die Fäkalien werden dann mit dem Tankwagen abgefahren, und das ist eben extrem teuer und aufwendig. Von daher: So eine Situation wie in Juba habe ich in einer anderen Hauptstadt weltweit bisher nicht gesehen, dass es so wenig entwickelt war."

Im ganzen Land, das etwa eineinhalb Mal so groß ist wie die Bundesrepublik, gibt es gerade einmal 250 Kilometer geteerte Straße. Selbst in Juba müssen die Autos oft Schlangenlinien fahren, um den Schlaglöchern auszuweichen. Bereits wenige Kilometer außerhalb des Zentrums leben die Menschen in Lehmhütten oder Baracken aus Wellblech, und das bei Temperaturen, die 30 Grad nur selten unterschreiten.

Lehrerin Grace, Schüler und die neue Wasserpumpe | Bildquelle: Anne Allmeling, ARD-Studio Kairo
galerie

Für Lehrerin Grace und ihre Schüler ist die neue Wasserpumpe eine große Erleichterung - doch sie bringt auch Probleme mit sich.

Eine Wasserpumpe auf dem weiten Schulgelände - für Lehrerin Grace ist das ein Segen. Die Hilfsorganisation Malteser International hat sie vor kurzem installiert und damit den Alltag von mehr als 700 Schülern und Lehrern enorm erleichtert. "Das macht einen großen Unterschied, denn früher hatten wir kein Wasser", sagt Grace. "Die Schüler haben darunter gelitten und mussten weit laufen, um Wasser zu holen. Das brauchen sie, um Essen zu kochen und um sich zu waschen." Das sei ein großes Problem für die Schule gewesen. Seit das behoben worden sei, müsse man nicht mehr weit laufen. "Das ist eine gute Sache, wir sind jetzt hier in der Schule sehr glücklich."

Nicht nur die Schulkinder, auch ihre Familien haben nun Zugang zu Trinkwasser. Doch mit der Pumpe sei ein neues Problem entstanden, sagt Grace."Wir brauchen einen Zaun. Denn oft kommen irgendwelche Menschen von der Straße hierher, nutzen unsere Anlagen und verschmutzen sie. Wir haben keine Mauer, und das ist ein großes Problem für uns. Ich glaube, wir brauchen irgendeine Organisation, die einen Zaun für uns aufstellt."

Im Südsudan hat sich eine Einheitsregierung gebildet - Oppositions- und Rebellenführer Riek Machar wurde als Vizepräsident vereidigt | Bildquelle: REUTERS
galerie

Im Südsudan hat sich eine Einheitsregierung gebildet - Oppositions- und Rebellenführer Riek Machar wurde als Vizepräsident vereidigt.

Einheitsregierung gebildet

Wie viele Menschen im Südsudan sehnt sich Grace nach Sicherheit. Im September 2018 hatten sich Vertreter von Regierung und Opposition auf eine Regierung der nationalen Einheit geeinigt. Heute wurde sie gebildet. Sie soll künftig die Interessen der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen ausbalancieren und für Stabilität im Land sorgen - keine einfache Aufgabe.

Lawrence Korbandy lockert seine Krawatte, bevor er Fragen beantwortet. Dem Juristen stehen die langen Arbeitstage ins Gesicht geschrieben. Korbandy berät Präsident Salva Kiir und plädiert dafür, die zahlreichen Kämpfer im Land zu entwaffnen. Gleichzeitig fordert er mehr Geld für die Armee.

"Wir müssen das Budget für unser Militär aufstocken. Wir brauchen sogar noch mehr Geld als zu Zeiten, in denen Krieg herrschte. Warum? Weil wir die Menschen entwaffnen und in die Gesellschaft reintegrieren müssen. Das kostet viel Geld. Aber wenn wir das nicht machen, wird das gefährlich für die Gesellschaft."

Korbandy weiß, dass die Menschen eine Perspektive brauchen - eine, die ihnen ohne Gewalt das Überleben sichert.

Thoraya wäscht die letzten Spinatblätter, macht sich auf den Weg zum Markt. Wenn der Tag gut wird, kommt sie mit genug Geld für Essen nach Hause. "Wir verlassen uns auf Gott", sagt sie. "Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt. Wenn sich die Situation verbessert, danken wir Gott. Dann bekommen unsere Kinder eine Ausbildung und leben ein bescheidenes Leben."

Wo ein paar Samen Leben retten: Alltag im Südsudan
Anne Allmeling, ARD Kairo
22.02.2020 16:01 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 22. Februar 2020 um 13:31 Uhr in der Sendung "Eine Welt".

Darstellung: