Der Mnisterpräsident der Slowakei, Matovic, erklärt die Resultate der Antigen-Tests | dpa

Slowakei Ratlosigkeit in der "Datenhölle"

Stand: 19.02.2021 17:41 Uhr

Die Antigen-Test-Strategie der slowakischen Regierung ist gescheitert. Das Land musste dennoch in den Lockdown, die Zahl der Infektionen steigt bedrohlich, und Fachleute misstrauen selbst den offiziellen Zahlen.

Von Peter Lange, ARD-Studio Prag

Viktor Halir, der Direktor des Krankenhauses in Kezmarok in der Nordslowakei, kann sich das nicht erklären. Laut dem Gesundheitsministerium soll es in seiner Stadt 95 Corona-Patienten geben, die in seiner Klinik behandelt werden. Er kommt aber nur auf elf Patienten - acht auf der Covid-Abteilung, die mit Sauerstoff versorgt werden, drei auf der Intensivstation. Und die übrigen? "Ich weiß auch nichts davon, dass unsere Patienten anderswo liegen würden."

Peter Lange ARD-Studio Prag

Kezmarok jedenfalls ist nun wieder in der zweithöchsten Stufe der Corona-Ampel, was heißt: Die Schulen müssen zum Teil wieder schließen und die Berufstätigen müssen sich alle sieben Tage testen lassen, bevor sie zur Arbeitsstelle dürfen. Die Behörden der Slowakei haben nicht nur ein Problem mit der Pandemie, sie haben anscheinend auch den Überblick verloren.

"Wir stecken in einer Datenhölle", sagt der Analytiker und Mathematiker Richard Kollar: "Wir wissen nicht, wie viele Menschen als neue Patienten in Krankenhäuser kommen und wie viele entlassen werden. Wir können nicht beurteilen, warum ihre Zahl zunimmt. Wir kennen ihr Alter nicht und wir kennen die Struktur der durchgeführten Tests nicht."

Eine Aktion gegen den Rat vieler Fachleute

Die Antigen-Tests, seit November in mehreren Runden landesweit bei einem Großteil der slowakischen Bevölkerung vorgenommen, sollten die entscheidende Waffe im Kampf gegen das Virus werden. Ministerpräsident Igor Matovic hatte das durchgesetzt, gegen den Widerspruch vieler Fachleute. Sie warnten vor der Überlastung des medizinischen Personals und hielten die ganze Aktion für eine Verschwendung von Ressourcen.

Der nach Matovic wichtigste Akteur in der Regierung, Wirtschaftsminister Sulik, stimmte anfangs widerstrebend zu, weil damit die Hoffnung verbunden war, um einen strengen Lockdown herumzukommen, der zum Jahresbeginn doch nicht zu vermeiden war. Trotzdem ist seither die Zahl der Neuinfektionen, der schweren Erkrankungen und der Todesfälle ständig angewachsen. Und niemand kann plausibel erklären, woran das liegt.

Der Analytiker Koller kritisiert: "Von den  Gesundheitsbehörden haben wir immer noch nicht erfahren, wo sich slowakische Bürger infizieren. Wie wissen nicht, ob es sicher ist, in Läden zu gehen oder mit dem Nahverkehr zu fahren. Wir wissen nicht, wo sich wie viele Menschen angesteckt haben."

Staatspräsidentin: "Antigen-Tests überbewertet"

Nach offiziellen Angaben sind seit Beginn der Pandemie in der Slowakei knapp 6300  Menschen an Covid-19 gestorben, bei insgesamt etwa 5,5 Millionen Einwohnern. In die Diskussion über die richtige Corona-Strategie hat sich inzwischen auch Zuzana Caputova eingeschaltet, die Staatspräsidentin.

Sie meint, die Antigen-Tests hätten zwar "sicher ihren Platz" gehabt, seien aber "überbewertet" gewesen. Denn: "Die Aktionen hatten neben einer höheren Mobilität auch einen psychologischen Nebeneffekt in der Bevölkerung: Ich habe jetzt ein blaues Zertifikat und das heißt, ich bin gesund." Wobei ein gewisser Anteil der Antigen-Tests eben ein falsches Ergebnis auswies. Caputova rief die Regierung auf, ihre Strategie zu überdenken.

Premier auf Tauchstation

Das geht an die Adresse von Premier Matovic, der die letzten zwei Wochen abgetaucht war und nur über Facebook kommunizierte. Er sieht die Ursache nicht in seiner Test-Strategie, sondern in dem hohen Anteil der mutierten Corona-Variante. Die Opposition macht aber ihn und die widersprüchliche Kommunikation seiner Regierung verantwortlich.

Bei den Bürgern gebe es "ein gewaltiges Misstrauen", sagt Matovic‘ Amtsvorgänger Peter Pellegrini. "Mehr als 60 Prozent glauben nicht, dass der Ministerpräsident die Slowakei aus der Krise führen kann. Und über die Hälfte wollen Neuwahlen. Die Regierung sollte zurücktreten!"

Dass Matovic irgendwann entnervt aufgibt, wird nicht einmal mehr in der Regierung völlig ausgeschlossen. Was ihm im Moment nur helfen könnte: Impfstoff, wo immer er auch herkommt.  

Redaktioneller Hinweis: In einer früheren Version hieß es, bezogen auf 5,5 Millionen Einwohner habe die Slowakei den höchsten Anteil von Todesfällen in der EU. Das ist so nicht richtig, andere Staaten haben bezogen auf die Einwohnerzahl höhere Anteile.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 19. Februar 2021 um 16:35 Uhr.