Bas Timmer | Bildquelle: Gudrun Engel/ARD-Studio Brüssel

Weltspiegel zu Obdachlosen-Projekt "Jeder Mensch verdient Wärme"

Stand: 13.12.2020 13:22 Uhr

Der "Shelter-Suit" des niederländischen Jungdesigners Timmer hat es in sich: Der Overall-Schlafsack hält Obdachlose und Geflüchtete im Winter warm, verhilft benachteiligten Menschen zu Arbeit - und schont die Umwelt.

Von Gudrun Engel, ARD-Studio Brüssel

Der Niederländer Bas Timmer hat Modedesign in Arnheim studiert und wollte mit seinen Kreationen die Laufstege der Welt erobern. Seine Kollektionen: vor allem dicke, wärmende Winterkleidung. Bis vor sieben Jahren der Vater zweier Freunde obdachlos auf der Straße erfror, weil die Notschlafstelle keinen freien Schlafplatz mehr hatte.

Dieser Schicksalsschlag habe etwas in ihm ausgelöst, berichtet Timmer: "Es ist erschreckend, dass wir eine gigantische Textilindustrie haben und jeden Tag Millionen von Kleidungsstücken in der Verbrennungsanlage verschwinden, wir aber trotzdem nicht alle Menschen warm halten können."

Ein niederländischer Modedesigner fertigt Schutzkleidung für Menschen in Not
Weltspiegel, 09.12.2020, Gudrun Engel, ARD Brüssel

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In seinem Atelier hat er daraufhin die schicken Designs gegen "Streetwear" eingetauscht - im wahrsten Sinne des Wortes: Er kreierte einen warmen und wasserabweisenden Schutzschlafsack mit raffinierten und praktischen Details wie einer großen Kapuze und integriertem Schal. Das Gesamtwerk ist eine dicke Jacke, Schlafsack und Tasche in einem: warm, praktisch und leicht zu transportieren für Obdachlose und seit kurzem auch für Flüchtlingskinder in Moria.

Den ganzen Tag rattern Näh- und Waschmaschinen

Genäht wird die Schutzkleidung von Menschen, die selbst geflüchtet sind oder auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance hätten. Den ganzen Tag über rattern in einer ehemaligen Motorradfabrik in Enschede im Osten der Niederlande Nähmaschinen und Waschmaschinen im Duett. Alles muss erst gewaschen werden, bevor es neues Leben eingehaucht bekommt. Verarbeitet werden recycelte Zeltplanen für die Außenhülle und gespendete Schlafsäcke als Innenfutter - das macht die Bestandteile sowohl funktionell als auch umweltfreundlich. Die Stoffe, die in der ehemaligen Motorradfabrik verarbeitet werden, stapeln sich in einer Ecke.

In der Näherei stehen 20 Tische mit Nähmaschinen. Überall rattert und surrt es. 19 der überwiegend syrischen Näher kann Timmer den Mindestlohn bezahlen. Moumin Alibibi zum Beispiel, der auf einem großen Tisch die Unterteile für die Shelter-Suits zuschneidet. Dazu trennt er gespendete Schlafsäcke auf.

Der 24-Jährige hat in seiner Heimat Syrien in der Kleiderfabrik seines Vaters mitgearbeitet. Auf der Flucht hat er selbst erlebt, wie es ist, schutzlos im Freien übernachten zu müssen. "Es ist schön, jetzt Leuten zu helfen, die selbst kein Dach über dem Kopf haben", sagt er.

"So bleibt man schön warm und trocken"

Fahdi Skif ist in einer Flüchtlingsunterkunft neben der Näherei untergebracht und hat ebenfalls dort angeheuert. Er verwaltet das Lager, repariert Maschinen und übt Niederländisch - als einer von inzwischen 72 Menschen, denen der Tagesablauf in der Näherei Struktur gibt. Fünf Stunden braucht einer der Schneider, um einen kompletten Schutzanzug zu fertigen. Dazwischen gibt es Tee für alle - und Informationsaustausch: Was gibt es Neues in der Heimat?

"Die Arbeit in unserer Werkstatt bietet Einwanderern die Möglichkeit, sich schneller zu integrieren und Fähigkeiten zu erwerben, die ihnen helfen, sich auf persönlicher und beruflicher Ebene weiterzuentwickeln", erklärt Annette Oude Vrielink. Die Sozialarbeiterin und Psychologin kümmert sich ums Personelle. Sie ist als Ehrenamtlerin zu dem Projekt gestoßen, weil sie sich während der Flüchtlingskrise engagieren wollte. Sie vereinbart für die Geflüchteten Zahnarzttermine, hilft bei der Übersetzung von amtlichen Schreiben - und bei der Verteilung der Jackenschlafsäcke.

Zum Beispiel in der christlichen Suppenküche "Tot Heil des Volks" (THDV). Seit 1855 kümmert sich die Gemeinschaft um Arme und Obdachlose. Drei Mal in der Woche versammeln sich hier die Schutzsuchenden, bekommen einen Tee und eine Suppe, können sich mal aufwärmen. Es hat sich rumgesprochen, dass es hier auch "Shelter-Suits" gibt. "Ich sehe darin aus wie eine Mumie", lacht etwa Gerald Dekker. "Aber so bleibt man schön warm und trocken." Der 72-Jährige lebt seit zehn Jahren auf der Straße und hält den Wärmeoverall für "ein Geschenk des Himmels".

Fotoshooting für den "Shelter Suit" von Bas Timmer | Bildquelle: Gudrun Engel/ARD-Studio Brüssel
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Ein Mann posiert im "Shelter-Suit", der dicke Jacke, Schlafsack und Tasche in einem ist.

Vier Millionen Wohnungslose in Europa

Derzeit leben in den Niederlanden etwa 60.000 Menschen wie Gerald Dekker auf der Straße, die meisten sind zwischen 18 und 30 Jahren alt. Sie kauern in Fußgängerzonen und in Hauseingängen und suchen Schutz vor der Kälte. Die Zahl der Bedürftigen hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. In Deutschland zählte die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) vergangenes Jahr 678.000 Menschen ohne Wohnung. Und europaweit sind jedes Jahr etwa vier Millionen Menschen mindestens vorübergehend von Wohnungslosigkeit betroffen. Nicht alle Staaten haben ausreichend Notunterkünfte oder Schlafstellen, die besonders im Winter notwendig sind, wenn auf der Straße das Erfrieren droht: Zwölf Menschen sind in Deutschland im vergangenen Winter den Kältetod gestorben.

Timmer und seinem Team ist klar, dass sie das Problem Obdachlosigkeit allein nicht lösen werden - aber sie wollen die Umstände lindern. Und haben dabei erste Erfolge zu verzeichnen: Mehr als 12.5000 Wärme-Overalls hat das Team europaweit schon verteilt. Durch eine Kooperation mit UNICEF kamen "Shelter-Suits" auch nach Südafrika und in die USA, wo die Obdachlosigkeit durch die Corona-Krise zunimmt. "Wir glauben, jeder Mensch verdient Wärme, Schutz und Würde", sagt Erfinder Timmer dazu - eine Idee, die Schule macht: Gerade wurde er vom "Time Magazine" zum "Young Leader of the Year" gekürt.

Diese und weitere Reportagen sehen Sie im Weltspiegel - am Sonntag um 19.20 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtete der "Weltspiegel" am 13. Dezember 2020 um 19:20 Uhr.

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