Sesamkringel | Bildquelle: dpa

Liraverfall in der Türkei Lieblingsfrühstück unter Preisdruck

Stand: 18.08.2018 14:26 Uhr

Die Türkei steckt in einer Währungskrise. Alles wird teurer, auch der Sesam - und der ist eine Hauptzutat des traditionellen Kringels Simit. Dessen Preis ist aber festgelegt. Wie gehen Bäcker damit um?

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Selahattin steht mit seinem goldroten Verkaufsstand auf vier Rädern an einer Straßenecke im Istanbuler Stadteil Şişli. Es viel was los, wie immer morgens. Die Kunden legen ihm schon abgezählt 1,50 Lira hin, Selahattin packt ihnen schnell einen Simit in eine Papiertüte. Ein warmes Lächeln geht über sein gezeichnetes Gesicht. Er macht den Job seit 20 Jahren, erzählt der 45-Jährige.

Frische Sesamkringel am Stand
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Selahattins goldroter Verkaufsstand: "Auf den Simit kann ja keiner verzichten"

Seit etwa zwei Jahren kostet der Sokaksimiti, also der Straßen-Simit 1,50 Lira: "Es kommt schon mal vor, dass an manchen Stellen der Simit auch für 1,25 verkauft wird. Die Bäckerverbände sind sich manchmal nicht einig. Im Stadtteil Şişli aber kostet der Simit in der Regel 1,5 Lira. Manchmal gibt es auch einen Konkurrenzkampf zwischen Bäckereien." Mehr als 1,50 Lira darf er aber auf der Straße nicht kosten, das ist festgelegt, erklärt Selahttin.

60 Prozent des Sesams ist Importware

Im Stadtteil Ortaköy am Bosporus-Ufer kassiert Berat 1,75 pro Simit. Das ist aber auch ein Pastane-Simiti, also einer, der in der Bäckerei verkauft wird. Er ist meistens größer und weicher. Jahrelang hat er hier auch 1,50 Lira gekostet, aber vor drei Tagen hat Berat den Preis auf 1,75 Lira angehoben. Weil er musste, sagt der 27-jährige Bäcker: "Wir kaufen den Sesam in türkischer Lira ein, trotzdem aber zu einem von Devisen umgerechneten Preis."

Der Wertverlust der Lira gegenüber ausländischen Währungen habe den Sesam verteuert, sagt Berat. "Statt für zehn Lira pro Kilo kaufen wir das Kilo im Moment für 16 bis 18 Lira ein." Denn Berat importiert den Sesam: "Wir arbeiten mit Unternehmen im Ausland zusammen, hauptsächlich mit einer deutschen Firma." Zwar werde auch in der Türkei Sesam angebaut und verarbeitet. Aber meistens kauften ausländische Unternehmen den Sesam auf, verarbeiteten ihn weiter und verkauften ihn zurück in die Türkei, erklärt Berat. "Sie haben modernere Technologien für die Verarbeitung. 60 Prozent des Sesams, den wir verarbeiten, ist Importware."

Sesam
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Die Simit-Zutat Sesam kostet gerade statt zehn Lira 16 bis 18.

Vom Verkaufsraum kann man direkt in die Backstube schauen. Dort liegen lange Brotschieber auf einem Tisch. Dahinter steht ein tiefer Backofen. Dem Bäcker steht der Schweiß auf der Stirn, denn es ist heiß.

"Das würden die Kunden nicht mögen"

Beim Straßen-Simit sind die Zutaten genau vorgeschrieben. Die Bäckereien haben dagegen alle ihr eigenes Rezept. Das könnte man ja an die hohen Zutatenpreise anpassen? Für Berat kommt das nicht infrage: "Je mehr man an den Zutaten des Simit verändert, also beispielsweise weniger Sesam benutzt oder kleinere Simit backt, desto mehr büßt man bei der Qualität ein." Ein Simit wiege in der Regel zwischen 120 und 150 Gramm. Macht man ihn kleiner, sei zwar auch die Backzeit kürzer, aber es ginge auch etwas von der Qualität verloren. "Und am Sesam kann man nicht sparen, weil das die Kundschaft nicht mögen würde", sagt Berat.

Die Kundschaft ist lieber beim Preis tolerant. Im Minutentakt kommen sie am Simit-Wagen von Selahattin an der Straßenecke vorbei. Der bestreicht gerade einen Simit mit Olivenpaste. Memet muss kurz warten: "Selbst wenn es zwei Lira wären, wäre es o.k.", sagt er. Denn wenn man sich anschaut, wie drastisch die Preise bei anderen Lebensmitteln stiegen, würden auch 50 Kurus nicht viel ausmachen. "Auf den Simit kann ja keiner verzichten. Ich komme jeden Morgen hier vorbei und kaufe mir meinen Simit", sagt Memet.

Es ist für viele, ob alt oder jung, reich oder arm ein Ritual, der Einstieg in den Tag, das schnelle, einfache Frühstück. Vor der Bäckerei in Ortaköy kann man sich kurz hinsetzen und ganz klassisch ein Glas Cay, also Tee, zum Simit trinken. Darauf will kaum einer verzichten, sagt Bäcker Berat: "Die Kunden nehmen es gelassen, nehmen es als gegeben hin. Schließlich wissen sie, dass nicht nur Sesam teurer wird, sondern gerade alles."

Über dieses Thema berichteten am 18. August 2018 Deutschlandfunk um 08:25 Uhr und die tagesschau um 09:50 Uhr.

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