Bunte Schilder markieren den Eingang in die "Autonome Zone" in Seattle. | Bildquelle: AFP

Seattle Hippie-Zone oder "gesetzloser Staat"?

Stand: 15.06.2020 11:15 Uhr

In Seattle haben Teilnehmer der Proteste gegen rassistische Gewalt eine "polizeifreie Zone" geschaffen. Was einige als Sozialexperiment sehen, löst bei anderen Angst vor Anarchie aus.

Von Katharina Wilhelm, ARD-Studio Los Angeles

Zu Beginn der landesweiten Proteste gegen Polizeigewalt und Rassismus war die Stimmung in der Westküsten-Stadt Seattle eher angespannt. Noch vor einer Woche lieferten sich Demonstrierende teilweise Straßenschlachten mit der Polizei, vor allem im Szeneviertel Capitol Hill.

Bürgermeisterin Jenny Durkan versuchte die Situation zu deeskalieren, indem sie dort eine Polizeistation räumen ließ. Die Demonstrierenden nutzten dies: Sie riegelten sechs Blocks in dem Viertel mit Barrikaden ab und erklärten das Gebiet zur autonomen, polizeifreien Zone.

Obdachlose leben Seite an Seite mit Aktivisten, die in Seattle eine Autonome Zone eingerichtet haben. | Bildquelle: AFP
galerie

Obdachlose leben Seite an Seite mit Aktivisten, die in Seattle eine Autonome Zone eingerichtet haben.

Journalisten vor Ort beschreiben die Stimmung seitdem als friedlich. Videos aus der sogenannten autonomen Zone zeigen Würstchenstände und Tanzveranstaltungen. Mehrere Zelte wurden dort aufgestellt, Obdachlose leben an der Seite von Demonstrierenden. Ein Gemüsegarten wurde angelegt, es gibt dort Filmvorführungen und Lesungen.

Das selbst erklärte Ziel der Besetzer: Die Zone sei ein Experiment, das zeigen soll, wie ein Mikrokosmos ohne staatliche Gewalt funktionieren könnte. "Es ist so schön hier, und wir haben nicht einfach nur Spaß. Dieses Gebäude wandeln wir vielleicht in ein Gemeindezentrum um, machen einen Markt auf, das ist eine coole, eine sichere Zone", erzählt ein Bewohner.

 Trump droht bereits mit der Nationalgarde

"Defund the Police", ist eine der Forderungen vieler Demonstranten - übersetzt bedeutet es etwa: der Polizei die Finanzierung entziehen, Mittel einkürzen, die die Polizei von der Stadt bekommt.

Die Polizei selbst sieht die Lage in Capitol Hill eher kritisch. Der Präsident der Polizeigewerkschaft vor Ort, Michael Solan, spricht davon, dass kein Dialog möglich sei: "Sie kontrollieren sechs Blocks in dieser Stadt. Das ist ein Resultat unserer Politik, die kein Recht und Gesetz durchsetzen kann. Es ist nahe dran an einem gesetzlosen Staat."

Auch US-Präsident Donald Trump kritisiert die Zustände in Seattle, bezeichnete die Besetzer in einem Tweet als "Terroristen", deren "Übernahme Seattles" beendet werden müsse. In einem Interview mit dem konservativen Sender Fox News sagte er, man werde das nicht einfach so geschehen lassen. Wenn es sein müsse, werde man die Nationalgarde schicken.

Seattles Bürgermeisterin Jenny Durkan dagegen stellte sich entschieden gegen Trumps Forderung und bezeichnete die Idee als falsch und "illegal".

Bürgermeisterin Durkan spricht von "Summer of Love"

Die Deutungen, was die autonome Zone ist und was nicht, geht weit auseinander. Journalisten der Lokalzeitungen vor Ort beschreiben eher ein positives Bild und heben die gute Stimmung hervor.

"Alles ist kostenlos" steht auf dem Schild eines improvisierten Lebensmittellagers in Seattles "Autonomer Zone". | Bildquelle: REUTERS
galerie

"Alles ist kostenlos" steht auf dem Schild eines improvisierten Lebensmittellagers in Seattles "Autonomer Zone".

Fox sprach in der Berichterstattung immer wieder von einer "anarchischen Zone". Außerdem veröffentlichte der Sender Bilder, die offenbar bewusst digital verändert wurden, um die Szenerie vor Ort gewalttätiger erscheinen zu lassen. Beispielsweise wurde in ein Foto eines zertrümmerten Schaufensters das Bild eines bewaffneten Mannes hineinkopiert. Der Sender hat sich mittlerweile zu dem Fehler bekannt und entschuldigt, man habe hier die ethischen Standards für Nachrichtenorganisationen verletzt.

Die Bürgermeisterin scheint die Situation derzeit noch gelassen hinzunehmen. Im Interview mit CNN scherzte sie bei der Antwort auf die Frage, wie lange dieser Status noch anhalten könne - in Abspielung auf die Hippiebewegung Ende der Sechziger Jahre: "Keine Ahnung, wir könnten hier den 'Sommer der Liebe' erleben."

Terror-Festung oder Hippie-Viertel? Seattles “Autonome Zone”
Katharina Wilhelm, ARD Los Angeles
15.06.2020 10:29 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Dieser Beitrag lief am 15. Juni 2020 um 08:19 Uhr auf WDR 5.

Darstellung: