Blick auf das AKW Forsmark in der Gemeinde Östhammar | REUTERS

Nach 50 Jahren Planung Schweden genehmigt erstes Endlager

Stand: 27.01.2022 21:31 Uhr

Vor einem halben Jahrhundert kam die Gemeinde Östhammar als Atommüllendlager ins Gespräch - die schwedische Regierung genehmigte nun den Bau. Ein Umweltgericht muss die Entscheidung allerdings bestätigen.

Von Sofie Donges, ARD-Studio Stockholm

Grünes Licht für ein Endlager - nach knapp 50 Jahren. So lange ist es schon her, dass die Gemeinde Östhammar erstmals als möglicher Standort ins Gespräch kam. Nun teilte die schwedische Umweltministerin Annika Strandhäll mit, dass der Bau seitens der Regierung genehmigt ist: "Diese Lösung für das Endlager wurde lange geprüft, gründlich untersucht und gut vorbereitet. Um Abraham Lincoln zu zitieren: Man kann nicht der Verantwortung von morgen ausweichen, indem man sie heute meidet."

Sofie Donges ARD-Studio Stockholm

Am Ende war es aber vermutlich nicht nur Verantwortungsbewusstsein - sondern auch der Druck der Opposition, die eine Entscheidung forderte. Wenn nicht, hatte sie mit einem Misstrauensvotum gegen die sozialdemokratische Ministerin der Minderheitsregierung gedroht.

Nicht viel Überzeugungsarbeit nötig

Schon vor zwei Jahren hatte der Gemeinderat in Östhammar dem Endlager zugestimmt, mehrheitlich. Hier - zwei Stunden nördlich von Stockholm - brauchte es nicht viel so viel Überzeugungsarbeit, so der Staatswissenschaftler Urban Strandberg von der Uni Göteborg.

Zunächst habe sich der Betreiber bei der Standortsuche in den 1970er-Jahren auf ideale Bodenverhältnisse konzentriert - mit der Folge, dass es viel Widerstand gab. "Dann hat die Atomindustrie ihre Strategie geändert und nach einem Platz gesucht, wo Bewohner und Politiker aufgeschlossener sind. Und wo die Bodenverhältnisse nicht perfekt, aber in Ordnung sind."

In Östhammar steht auch das AKW Forsmark, viele Menschen arbeiten hier und Atomenergie gehört zum Alltag dazu. Hier soll nun - wenn ein Umweltgericht die Entscheidung der Regierung bestätigt und Umweltschützer erfolglos klagen - das Endlager gebaut werden. Es dauert ab dann etwa zehn Jahre, bis der erste radioaktive Abfall verpackt in Kupferbehältern eingelagert werden kann.

Diskussion über Einlagerungsmethode

Ob das eine sichere Methode ist für den erforderlichen Zeitraum von 100.000 Jahren? Darüber gibt es verschiedene Meinungen in Schweden. Greenpeace jedenfalls zweifelt das an, so Sprecher Rolf Lindahl: "Angesicht der großen wissenschaftlichen Unsicherheit ist es falsch von Regierungsseite, sich für eine Methode zu entscheiden, die von der Atomindustrie vorgeschlagen und von unabhängigen Forschern stark infrage gestellt wurde. Es ist weitere Forschung notwendig."

Sicherheit ist die eine Frage - Kommunikation die andere: Wie sollen Menschen in den kommenden 100.000 Jahren darüber informiert werden, was sich in Östhammar in der Erde befindet? Darüber macht sich Anna Storm, Professorin für Technik und soziale Veränderung der Uni Linköping, Gedanken.

"Weil es sich um so einen unüberschaubaren Zeitraum handelt, ist die Informationsweitergabe so unerhört wichtig. Ein Vorschlag ist ein Spike Field, also abschreckende Markierungen in der Landschaft in Form von scharfen, riesigen Stacheln rund um das Endlager. Irgendwo muss man anfangen. Vielleicht können wir nicht 100.000 Jahre absichern, sondern ein paar hundert Jahre und dann den Ball weitergeben."

Nun muss zunächst das Gericht entscheiden - bis zum ersten Spatenstich werden vermutlich noch einige Jahre ins Land gehen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 27. Januar 2022 um 22:05 Uhr.