Alexej Nawalny | dpa

Nawalny auf Intensivstation "Tun alles, um sein Leben zu retten"

Stand: 20.08.2020 18:45 Uhr

Was ist mit Alexej Nawalny passiert? Nach wie vor ist darüber wenig bekannt. Die behandelnden Ärzte kämpften nach eigener Aussage um das Leben des Kreml-Kritikers, halten sich sonst aber bedeckt. Aus dem Kreml kamen Genesungswünsche.

Intensivstation, künstliches Koma, künstliche Beatmung: Seit Stunden wird der russische Regierungskritiker Alexej Nawalny in einer Klinik behandelt. Die behandelnden Mediziner auf der Intensivstation des Krankenhauses im sibirischen Omsk täten alles, "um sein Leben zu retten", erklärte der stellvertretende Direktor der Klinik, Anatoli Kalinitschenko. Über den Grund für seinen Zustand sagte er nichts.

Für Nawalnys Sprecherin Kira Jarmysch ist klar - die Anweisung zu schweigen gab es von ganz oben. "Eines ist sicher: Den Ärzten wurde verboten, darüber zu reden", schrieb sie auf Twitter. Der Kurznachrichtendienst ist ihr Sprachrohr, hier postet sie Updates über die Situation vor Ort.

Russland, Omsk: Krankenwagen stehen vor einem Krankenhaus in Omsk, Russlnd. | dpa

In diesem Krankenhaus in Omsk wird Nawalny derzeit behandelt. Bild: dpa

Jarmysch war dabei, als Nawalny am Morgen in das Flugzeug Richtung Moskau stieg und hier bewusstlos wurde. Wegen des Vorfalls machte die Maschine in Omsk eine Notlandung. Vor dem Abflug im sibirischen Tomsk habe Nawalny noch "völlig gesund" gewirkt, sagte Jarmysch. Der 44-Jährige habe am Flughafen nur Schwarztee getrunken. Sie vermutet eine Vergiftung. "Offensichtlich geschah es durch diesen Tee", erklärte sie. Gerüchte, wonach Nawalny am Abend zuvor zu viel Alkohol getrunken und am Morgen eine Tablette eingenommen haben soll, wies sie scharf zurück. "Das ist nicht die Wahrheit."

Nawalny soll in "europäisches Krankenhaus"

Inzwischen sind Nawalnys Ehefrau, seine behandelnde Ärztin, Anastasia Wasiliewa, sowie ein Vertrauter in Omsk eingetroffen. Den Frauen wurde zunächst allerdings der Zutritt zum Patienten sowie die Herausgabe jeglicher Patientendaten verweigert, schreiben sie auf Twitter. Erst nach Stunden sei Julia zu ihrem Ehemann gelassen worden, schrieb Jarmysch.

Wasiliewa twitterte, dass sie versuchen würden, Nawalny in ein "europäisches Krankenhaus" zu verlegen. Nach Aussage seines Vertrauten ließen die Klinik-Ärzte das aber nicht zu. Wasiliewa appellierte an den Regierungssprecher Dimitri Peskow, ihnen zu helfen.

Genesungswünsche aus dem Kreml

Peskow hatte zuvor bereits Unterstützung des Kreml bei einer möglichen Verlegung angekündigt. "Wie jedem Bürger der Russischen Föderation wünschen wir ihm eine schnelle Genesung", hatte er zudem vor Journalisten gesagt.

Er betonte, dass es eine Untersuchung durch die Polizei geben werde, sollte sich der Verdacht auf eine Vergiftung bestätigen. "Die Behörden haben viele Kritiker. (...) Wenn aber das Leben eines russischen Staatsbürgers bedroht ist, dann ist das eine ernste Situation, die sowohl Ärzte als auch Ermittler sehr ernst nehmen."

Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell wünschte Nawalny eine schnelle und vollständige Erholung nach der möglichen Vergiftung. "Sollte sich das bestätigen, müssen die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden", twitterte Borrell.

Behandlung in Berlin?

Nach Auskunft eines Unterstützers soll Nawalny in Berlin weiter behandelt werden. "Wir versuchen, das zu ermöglichen", sagte der Filmproduzent Jaka Bizilj der Nachrichtenagentur dpa. Nawalny solle in die Charité verlegt werden. Von der Klinik gebe es bereits eine Zusage. Aktuell würden noch die notwendigen Fluggenehmigungen eingeholt. Der Wunsch nach einer Behandlung in Berlin sei von der Familie an ihn herangetragen worden, sagte Bizilj. Der Gründer der Initiative "Cinema for Peace" sprach von einer "humanitären Aktion".

Bekannter Regierungskritiker

Nawalny ist ein bekannter Kreml-Kritiker. Er nahm an vielen Protesten teil, wurde mehrfach festgenommen. Mit seinem Team vom Fonds zur Bekämpfung von Korruption veröffentlicht der Jurist immer wieder aufwendige Recherchen, die ein Millionenpublikum im Internet finden.

Zur Galionsfigur der zersplitterten Opposition wurde Nawalny nach dem Mord an dem geachteten liberalen Politiker Boris Nemzow 2015. Seitdem organisierte er immer wieder Massenproteste im ganzen Land, besonders aber in Moskau. Mit alldem hat er sich viele mächtige Feinde gemacht.

Zuletzt hatte ihm auch der umstrittene Staatschef von Belarus, Alexander Lukaschenko, vorgeworfen, hinter den Massenprotesten in seinem Land zu stehen.

Anstehende Kommunalwahlen als Motiv?

Jarmysch bringt den Vorfall besonders mit anstehenden Kommunalwahlen in Russland im September in Verbindung. "Offensichtlich haben die Behörden irgendwelche Vorstellungen, dass die Situation gefährlich werden könnte und man, wenn es nötig ist, auch Alexej neutralisieren muss", sagte sie dem Radiosender Echo Moskwy.

Auf Nawalny hatte es in der Vergangenheit immer wieder Anschläge gegeben. "Dieser Zwischenfall ist der schwerste bisher", sagte Jarmysch der Nachrichtenagentur dpa. Es sei der inzwischen vierte Fall. Zweimal habe es Farbanschläge gegeben - einmal drohte sein Auge zu erblinden. Im vorigen Jahr sei er in Haft vergiftet worden und dann in ein Krankenhaus gekommen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 20. August 2020 um 15:00 Uhr.