Russlands Verteidigungsminister Sergej Schoigu lässt sich bei der Impfung mit "Sputnik V" filmen. | Bildquelle: picture alliance/dpa

Corona-Impfung in Russland 40.000 Freiwillige und viele Skeptiker

Stand: 05.09.2020 04:45 Uhr

Von heute an sollen in Russland 40.000 Freiwillige mit "Sputnik V" gegen eine Corona-Infektion geimpft werden. Während Politiker eifrig dafür werben, bleibt die Bevölkerung skeptisch.

Von Martha Wilczynski, ARD-Studio Moskau

Auf dem großen Platz vor dem Kiewer Bahnhof in Moskau findet sich im spätsommerlichen Feierabend-Trubel niemand, der sich freiwillig mit der russischen Entwicklung impfen lassen würde.

"Nein, ich möchte nicht geimpft werden", sagt Natalja. "Weil ich glaube, dass dieser Impfstoff noch nicht ausreichend getestet wurde und noch mehr geforscht werden muss." Die 28-Jährige sagt, sie kenne auch niemanden in ihrem Bekanntenkreis, der sich freiwillig impfen lassen würde.

Auch Daniil lehnt eine Impfung mit "Sputnik V" zum jetzigen Zeitpunkt ab: "Weil ein Impfstoff nicht in sechs Monaten entwickelt werden kann. Das ist Unsinn." Sein Freund Ilja macht sich zudem Sorgen um die möglichen Langzeitfolgen eines nicht ausreichend getesteten Impfstoffs: "Wer weiß, vielleicht gibt es hinterher Probleme mit der Potenz, dem Herz-Kreislauf-System. Es kann sehr ernsthafte Probleme geben."

Damit teilen die Moskauer Passanten die Kritik internationaler Forscher. Die Zulassung erfolgte binnen weniger Monate, da hatte "Sputnik V" gerade einmal die Testphasen I und II durchlaufen - mit nur 76 Testpersonen. Die entscheidende Phase III soll nun nachgeholt werden.

Hälfte der Russen hat laut Umfragen Zweifel

Heute beginnen in der russischen Hauptstadt die Impfungen. Bis zu 40.000 Freiwillige sollen daran teilnehmen - 5000 Leute meldeten sich angeblich bereits binnen weniger Tage an.

Die Moskauer Bürger hätten damit die "einmalige Gelegenheit", dazu beizutragen, das Coronavirus zu besiegen, schrieb Oberbürgermeister Sergej Sobjanin in seinem Aufruf. Und ging selbst mit gutem Beispiel voran: "Es wäre sonst schwierig für mich, für einen russischen Impfstoff zu werben", sagt Sobjanin in einer Videoschalte mit Präsident Wladimir Putin.

Laut Umfragen habe noch etwa die Hälfte der Russen Zweifel an der Wirksamkeit und Sicherheit des Impfstoffs. "Um also sicher zu gehen, dass wir in dieser Situation ein Fenster der Möglichkeiten geöffnet haben; dass wir wirklich einen guten inländischen Impfstoff in Russland haben, habe ich diese Entscheidung getroffen."

Ob seine Temperatur nach der Impfung angestiegen sei, will Putin noch wissen. Nein, er habe nur ein bisschen Kopfschmerzen - wie bei einer Grippeimpfung, antwortet Sobjanin.

Putin betonte: Seine Tochter auch geimpft

Sogar Putins eigene Tochter habe sich bereits mit "Sputnik V" impfen lassen. Sie sei ebenfalls nahezu symptomfrei, erzählte der Präsident in ungewohnter Ausführlichkeit in einem Fernsehinterview. Und auch einige bekannte Politiker wurden bereits geimpft - vor laufenden Kameras. Unter ihnen ist auch der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu.

Die Freiwilligen, die nun in Moskau geimpft werden, sollen sechs Monate lang medizinisch beobachtet werden. Doch noch während diese dritte Testphase läuft, plant die russische Regierung zum Ende des Jahres bereits die erste landesweite Massenimmunisierung - vor allem beim Medizin- und Lehrpersonal. Auf freiwilliger Basis, wie es heißt. 

Sputnik V – Russland beginnt mit Corona-Impfungen
Martha Wilczynski, ARD Moskau
04.09.2020 19:18 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 05. September 2020 um 12:28 Uhr.

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