Boote liegen in der Kaleici Marina im türkischen Antalya. | AFP

Ukrainisch-russische WG in Antalya Der Krieg ist immer präsent

Stand: 11.04.2022 02:36 Uhr

In der türkischen Urlaubshochburg Antalya leben vier Russen und Ukrainer in einer Ferienwohnung. Seit gut einem Monat arbeiten sie von dort aus für ein Moskauer Unternehmen und berichten, wie der Krieg in der Ukraine ihr Leben verändert hat.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Diana, Sergej, Ilya und Roman sitzen auf dem Balkon ihrer Wohnung in Antalya. Die große Ferienanlage ist noch ziemlich leer, am Pool unten liegen gerade einmal zwei Gäste. Es ist Vorsaison. Das türkisblaue Mittelmeer, das sie am Horizont sehen können, ist noch relativ kühl. Sie waren trotzdem schon drin und wurden von den Einheimischen, die warme Jacken trugen, schräg angeschaut, erzählt Diana.

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

Einige Türken reagieren auf sie als Russen aber auch wegen des Krieges: "Sie machen seltsames Zeug, wie, dass sie vor uns salutieren. Und dann denken sie, dass wir das witzig finden. Aber wir finden das nicht zum Lachen", erzählt die 30-jährige Diana.

Sergej ist mit 40 der älteste unter den Vieren. Wenn er erzählt, versucht er seine Hände unter Kontrolle zu halten, legt die Handflächen auf den Tisch. Aber immer wieder fängt er an, nervös an den Fingern zu zupfen: "Russe zu sein, ist zu einem Stigma geworden. Hier in der Türkei fühle ich mich weitgehend okay. Denn die Leute hier sind freundlich zu Russen. Aber wenn ich mir vorstelle, ich gehe nach Europa oder in die USA, da begegnet man uns sicher negativer."

In Gedanken in der Heimat

Roman ist ebenfalls 30 Jahre alt. Er macht den unbeschwertesten Eindruck unter den Freunden. Aber auch ihn treibt vieles um in diesen Tagen: "Nach Butscha kann ich verstehen, wenn Leute Angst vor Russen haben. Oder dass sie, wenn sie Russen in ihrem Land treffen, sagen, 'geh zurück Nachhause und mach was'."

Ilya ist ein junger Mann mit halblangen dunkelblonden Haaren, die er sich immer wieder aus dem Gesicht streift. Früher ist er auch zu Demos gegangen. Aber das hat doch alles nichts gebracht, meint der 34-Jährige: "Ich denke, die Regierung nimmt diese ganzen Proteste doch gar nicht wahr. Aber die Konsequenzen für die Demonstranten sind heute viel härter. Darum verstecke ich mich einfach nur. Das macht mich traurig. Aber wir haben ja sogar hier Angst, irgendwas zu unternehmen."

Unterstützung Oppositioneller

Die vier wollen keine Nachnamen nennen und auch nicht die Branche, in der sie als Softwareentwickler arbeiten. Sie versuchen, Oppositionelle finanziell zu unterstützen. Aber das ist nicht so einfach, erklärt Diana: "Vor ein paar Tagen wollte ich was spenden. Aber es hat nicht funktioniert. Man läuft sogar Gefahr, dass einem das Konto gesperrt wird, weil diese ganzen Organisationen in Russland als illegal gelten."

Die jungen Leute sind zerrissen. Einerseits wollen sie einfach ein unbeschwertes Leben führen, andererseits lässt sie das, was daheim passiert, nicht kalt. Bei Roman ist es noch komplizierter. Er hat einen russischen und einen ukrainischen Pass. 2014, nach der Annexion der Krim, ging er von dort nach Moskau. Da fühlt er sich aber nicht mehr sicher: "Als ich Moskau jetzt verlassen hab', hat mich einer von der Regierung am Flughafen festgehalten. Er hat meine Dokumente durchsucht, mein Handy, meine Fotos und Nachrichten zwischen mir und meinen Freunden. Schließlich hat er mich gefragt, ob ich zur ukrainischen Armee will. Ich hab' nur gesagt, gib mir mein Handy zurück."

Arbeit im Homeoffice in der Ferienanlage

Ilya lacht im Hintergrund, obwohl auch seine Situation ernst ist. Er und auch Sergej haben Angst, zur russischen Armee eingezogen zu werden. Das war einer der Hauptgründe für ihre Flucht, auch wenn sie das Wort "Flucht" meiden: "Ich stehe praktisch in der ersten Reihe. Ich bin Single, hab' keine Kinder. Aber ich bin wirklich ein ganz friedliebender Mensch. Ich kann nicht mal einer Fliege was zuleide tun."

Roman geht es ähnlich. Zurück in die Ukraine kann er auch nicht. Sie könnten ihn für einen Spion halten. An ihrer Arbeit hat sich in Antalya wenig geändert. Sie waren schon in Moskau wegen Corona überwiegend im Homeoffice. Und trotzdem ist es anders, erzählt Diana: "Für mich ist es schwer, meine Kollegen in den Videokonferenzen zu sehen. Denn ich sehe, dass sie traurig sind, in Moskau zu sein und dass sie Angst haben. Ich wünschte, sie könnten hier bei uns sein."

Aufenthalt mit Ablaufdatum

Sergejs Hände liegen für einen Moment ruhig auf dem Balkontisch - dann sagt er: "Das Wetter, die Landschaft, der Ausblick - das hilft gegen die schlechten Nachrichten und gegen schlechte Laune. Man kann ein bisschen runterkommen. Ich schlafe deutlich besser."

Allerdings: Anfang Mai müssen sie eigentlich abreisen. Zum einen läuft dann ihr Touristenvisum ab. Zum anderen geht ihnen das Geld aus. Wegen der Sanktionen kommen sie nicht an ihre Konten in Russland. Wohin sie dann gehen? Ilya streift sich die langen Haare nervös aus dem Gesicht: "Ich hoffe wirklich, nach Moskau zurückgehen zu können. Ich liebe die Stadt und meine Freunde da. Ich hoffe, dass all das bald vorbei ist und wir nicht durch die Welt irren müssen, auf der Suche nach einem neuen Leben."

Dieser Beitrag lief am 11. April 2022 um 05:45 Uhr im Deutschlandfunk.