Rauchschwaden bei illegaler Müllverbrennung in Rumänien (Sendungsbild)

Rumänien Das Land der Müllfeuer

Stand: 12.12.2020 13:36 Uhr

Illegale Mülldeponien sind in Rumänien ein lukratives Geschäft, das auch Kriminelle anzieht: Sie nutzen das lückenhafte Entsorgungssystem aus - oder verbrennen den Müll einfach.

Von Christian Limpert, ARD-Studio Wien

Schon im Landeanflug auf die rumänische Haupstadt Bukarest ist das Problem sichtbar: Es brennt. Überall in der Landschaft steigen kleine Rauchwolken auf. Als "Land of Fire" bezeichnet Laura Stefanut ihr Heimatland Rumänien. Sie ist Journalistin in Bukarest, arbeitet für eine Umweltschutzorganisation. Das illegale Verbrennen von Müll habe in diesem Jahr massiv zugenommen, sagt Stefanut.

Christian Limpert ARD-Studio Wien

Mit dem Handy hat sie die giftigen, schwarzen Rauchwolken dokumentiert. Es brennen Plastik, Autoteile, Gummi. Umweltexperten sind überzeugt, dass der Müll, der hier brennt, nicht nur aus Rumänien stammt, sondern aus Ländern Westeuropas importiert wurde. Polizei und Feuerwehr reagieren nur selten, berichtet Stefanut, selbst dann, wenn Feuer angezeigt werden: "Als ich den Notruf gewählt habe, hieß es nur, man kenne das Problem. Doch man könne nichts unternehmen, weil es die Menschen nicht erlauben werden."

Brennender Müll in Rumänien, vom Flugzeug aus gesehen

Auch aus der Luft sind die vielen Müllbrände rund um Bukarest gut zu sehen.

Viele illegale Deponien

Das illegale Verbrennen ist nicht das einzige Müllproblem in Rumänien. Der Politiker Octavian Berceanu von der "Union rettet Rumänien" (USR) kämpft seit Jahren gegen kriminelle Strukturen, die Bauschutt oder Hausmüll einfach in die Landschaft abkippen. "Die örtlichen Behörden wissen das und unternehmen nichts", sagt Berceanu. Immer wieder wurde er bedroht, aufgeben will er nicht. In Chiajna, einem kleinen Ort westlich von Bukarest, hilft der Politiker Anwohnern, die unter einer legalen Mülldeponie leiden.

Im ganzen Dorf stinkt es. "Diese Deponie wurde ohne Genehmigung erweitert", sagt Bercheanu. "Und nicht einmal der Staat hat genug Daten, um zu sehen, was genau dort liegt. Wir wissen nicht, ob es gefährlicher Müll ist, ob er importiert oder im Land produziert wurde." Auch ein Bukarester Gericht hat bestätigt, dass Teile der Deponie illegal erweitert wurden. Doch der Betreiber der Deponie hat Rechtsmittel eingelegt, eine Interviewanfrage des ARD-Studios Wien bleibt unbeantwortet.

Es wird nicht genug recycelt

Rumäniens Umweltminister Mircea Fechet von der regierenden nationalliberalen Partei (PNL) bestätigt, dass sein Land ein Müllproblem habe. Seit 30 Jahren sei das nicht ernsthaft angepackt worden. Man habe erst vor wenigen Tagen ein System zum Trennen von Plastikflaschen eingeführt, sagt Fechet, doch man müsse mehr Müll recyceln - und vor allem illegale Deponien schließen. Das aber brauche Zeit und Geld, "Hunderte Millionen von Euro", so der Minister. Den illegalen Müllverbrennungen habe er jetzt den Krieg erklärt. "Es sind bestimmte Unternehmen verantwortlich für diese Brände", so der Umweltminister Fechet. "Ich spreche also auch von einem Krieg gegen die Firmen, die ihren Umweltschutzverpflichtungen nicht nachkommen."

Mircea Fechet | ARD-Studio Wien

Minister Fechet will illegale Müllverbrennung bekämpfen und nimmt einzelne Unternehmen ins Visier. Bild: ARD-Studio Wien

Laura Stefanut | ARD-Studio Wien

Die Journalistin Stefanut weiß, dass das Müllproblem auch mit Armut im Land zu tun hat. Bild: ARD-Studio Wien

3000 Euro Strafe - Geld, das die meisten nicht zahlen

Wie schwierig dieser "Krieg" ist, zeigt eine Polizeirazzia in einem Dorf in der Nähe von Bukarest. Umweltjournalistin Stefanut darf die Aktion begleiten. Die Menschen des Dorfes sind vor der Aktion geflohen, auf ihren Grundstücken finden die Beamten ausgebrannte Autos, verbrannte Reifen - sechs Tonnen illegalen Müll. "Es sind oft Menschen mit wenig Geld, die den Müll auf ihrem Grund verbrennen", erklärt sie. "Sie verdienen sich etwas dazu, weil diejenigen, die den Müll entsorgen, dafür bezahlen. Und sie verkaufen das Metall, das nach dem Verbrennen übrigbleibt."

Den Grundstücksbesitzern stellt die Polizei Strafbescheide von bis zu 3000 Euro aus. Geld, das die meisten nicht zahlen können. "Man müsste endlich die Hintermänner ausfindig machen und ins Gefängnis bringen", sagt Stefanut. Auch Politiker Berceanu fordert strenge Auflagen für diejenigen, die mit Müll ihr Geld verdienen. "Wir müssen Mülltransporte kontrollieren, mit Videokameras oder mit dem Tracken von Müll, genau wie in der Holzindustrie."

Über dieses Thema berichtete das Erste im "Europamagazin" am 13. Dezember 2020 um 12:45 Uhr.