Syrische Flüchtlingsmädchen ernten auf einem Feld im Bekaa-Tal, Libanon Cannabispflanzen. (Archivbild: 07.10.2018) | picture alliance/dpa
Reportage

Cannabis aus der Bekaa-Ebene Wer profitiert vom "Roten Libanesen"?

Stand: 20.11.2021 02:07 Uhr

In der libanesischen Bekaa-Ebene wird nahezu ausschließlich Cannabis angebaut. Das dort kultivierte Haschisch ist international heiß begehrt. Die Frage ist nur, wer vom Export des "Roten Libanesen" letztendlich profitiert?

Von Martin Durm, ARD-Studio Kairo

Hier oben scheint es nur sonnenkahle Berge zu geben, frische Luft und ein paar Hirten, die ihre Ziegenherden hinunter in die Bekaa-Ebene treiben. Es ist Spätherbst, bald fällt der erste Schnee in dieser Gegend, dann wird der Weg unpassierbar. Die Straße windet sich in Serpentinen nach unten und führt an abgeernteten Cannabis-Plantagen vorbei nach Yammoune.

Martin Durm

Es ist ein prosperierendes Städtchen, wo ständig etwas Neues gebaut wird, Straßen, Häuser, eine Zisterne im Zentrum. "Hier im Ort leben etwa 5000 Leute, und alle gehören zu einer Familie - der Sheref-Familie. Es gibt hier nur uns - die Shereffs", berichtet Talal Sheref.

Er ist in Yammoune der rais beladija, eine Art Bürgermeister - oder Stammesführer. Jedenfalls derjenige, der hier das Sagen hat. Ein kleiner, etwas unterkühlt wirkender Mann, der kein Problem damit hat, die Dinge beim Namen zu nennen: "Die Leute pflanzen hier ausschließlich Haschisch an. Nichts als Haschisch. Warum sie das tun? Yammoune liegt 1600 Meter hoch. Das Klima ist hart. Wir haben versucht, alles Mögliche anzubauen. Kartoffeln, Äpfel… Das hat nicht funktioniert, die Bäume haben kaum Äpfel getragen. Hier wächst nur Cannabis. Also bauen die Leute Haschisch an. Seit 100 Jahren."

Talal Sheref

Talal Sheref: Bürgermeister, Clanchef oder Stammesführer?

Den Hanf haben sie dieses Jahr schon im September geschnitten. Jetzt liegt er in den Garagen zum Trocknen und Weiterverarbeiten aus. Angeblich verdienen etwa 30.000 Bauern in der Bekaa ihren Lebensunterhalt mit Haschisch. An wen verkaufen die Bauern? "An Schmuggler", sagt Sheref, "meistens Libanesen. Die schaffen das Haschisch außer Landes und schleusen es nach Europa. Die Schmuggler machen das große Geld, nicht die Bauern. Die Bauern verdienen im Schnitt 100 Dollar für ein Kilo. Aber die Schmuggler bekommen in Holland oder Deutschland das Zwanzigfache."

Unter Kontrolle der Hisbollah

Der Libanon ist eine Drehscheibe des weltweiten Handels mit Drogen, und die Bekaa-Ebene eines der Zentren für den Cannabis-Anbau. Das Hochplateau, das im Osten an Syrien grenzt, wird in weiten Teilen von der Hisbollah kontrolliert. Die vom Iran unterstützte Schiitenmiliz ist im labilen libanesischen Machtgefüge die dominierende Kraft. Als kampferprobte Miliz verfügt sie über Zehntausende Kämpfer und geschätzt Hunderttausend Raketen.

Die Hisbollah unterhält aber auch Dutzende Krankenhäuser und Schulen und kann sich im gescheiterten libanesischen Staat als Ordnungsmacht und Wohltäter präsentieren. 70 Prozent ihrer Ausgaben werden angeblich von Teheran gedeckt. Den Rest finanziere die Hisbollah durch Spenden, Geldwäsche und Drogengeschäfte, erklären amerikanische und europäische Anti-Drogenbehörden.

Das Problem ist nur: Es fehlen die Beweise. "Es lassen sich keine direkten Verbindungen zwischen Drogenhändlern und der Hisbollah nachweisen", sagt ein politische Analyst, dessen Name aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden darf, der Redaktion aber vorliegt. "Hisbollah-Mitglieder verbinden sich mit Stämmen und Familien, die im Drogenhandel tätig sind. Sie heiraten sich ein, werden Teil der Großfamilie. Und diese Familien spenden dann Geld an die Hisbollah. Diesem System ist schwer beizukommen", erklärt er.

In der EU und den USA wird die Hisbollah als Terrororganisation bewertet. Weil es so schwer ist, die Netzwerke und informellen Strukturen der Hisbollah zu durchschauen, wird sie von westlichen Geheimdiensten auch mit der Mafia verglichen.

Drogen für Ungläubige - Teil einer religiösen Ideologie

"Das ist keine Mafia, das ist im Grunde gefährlicher als die Mafia", sagt der politische Analyst. "Mit der Mafia kann man verhandeln, aber bei der Hisbollah geht das nicht. Sie folgt einer religiösen Ideologie. Und die besagt: Du darfst zwar als Muslim keine Drogen nehmen, aber du kannst sie guten Gewissens an Ungläubige verkaufen. Du sollst es sogar tun. Es ist Teil des Kampfes gegen die Feinde des Islam."

Angeblich soll die Hisbollah inzwischen über zwei Milliarden Dollar aus Drogengeschäften auf Konten in aller Welt deponiert haben. Auch hierfür fehlen Belege, aber es wäre für libanesische Verhältnisse nicht überraschend.

"Die Regierung drückt beide Augen zu"

Schon in den Bürgerkriegsjahren 1975 bis 1990 war das Geschäft mit Haschisch eine der wichtigsten Einnahmequellen für die Milizen. Die christlichen Forces Libanaise verdienten genauso daran wie die Milizen der Drusen, Sunniten oder Schiiten. Die Warlords von damals sind immer noch da. Nur sind sie heute Minister, Parlamentarier, Parteivorsitzende, die das politische System okkupieren und ruinieren. Das Land versinkt im wirtschaftlichen Abgrund, die Währung zerfällt, die Energieversorgung ist zusammengebrochen.

Was aber immer noch gut funktioniert, ist das Geschäft mit Cannabis. "Die Regierung drückt beide Augen zu, sie lässt die Leute in Ruhe", sagt Talal Scheref. Der Bürgermeister von Yammoune lächelt ein feines Lächeln. Ja doch, es gebe auch mal ein paar Schießereien zwischen Bauern und Polizisten. Aber ansonsten: blind eyes. Kürzlich wurde der Bürgermeister von Yammoune in einer westlichen Zeitung als Drogenboss tituliert. Das hat ihn schwer gekränkt. Er sei doch kein Drogenboss, sagt er, sondern ein Vertreter des libanesischen Staates.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 19. November 2021 um 12:39 Uhr.