Menschen stehen vor einer Wechselstube in Teheran an. | Bildquelle: dpa

Alltag im Iran Zu reich zum Bleiben, zu arm zum Gehen

Stand: 18.05.2019 12:13 Uhr

Die Regale im Supermarkt haben sich in Teheran gelichtet. Geld für die Schule, für eine Reise, für ein Fest fehlt. Die Iraner spüren die Folgen internationaler Sanktionen.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

An einen Krieg will im Iran kaum einer glauben. Am liebsten wollen viele gar nicht darüber nachdenken. Sie beschäftigen auch mehr die Probleme im Alltag. Manouchehr putzt Büros und bringt damit kaum noch seine Familie durch. Der Zahnarzt Aydin und seine Frau, die Grafikdesignerin Mahsa, gehören zu den gut situierten Teheranern. Und trotzdem wandern sie nach Kanada aus.

Aydin und Mahsa haben eine schicke Wohnung in Teheran mit neuen Möbel, mehreren Fernsehern und einem edlen Klavier. Das alles im neunten Stock mit Aussicht. Aber die Aussicht ist trüb, findet Aydin: "Früher ging es zum Beispiel auf Partys ziemlich luxuriös zu. Das ist vorbei. Es gibt zwar nicht weniger Partys. Aber vor zwei Jahren kriegte man noch Steaks, Shrimps und eine ganze Auswahl an ausländischen Drinks serviert, jetzt nicht mehr."

Existenzängste müssen Aydin und Mahsa keine haben. Trotzdem habe sie sich vergangenes Jahr keinen neuen BMW gekauft, wie sie es eigentlich vorhatten. Aydin möchte das Geld lieber für schlechte Zeiten aufheben. Und seine Frau erklärt: "Zum Beispiel gab es vor vier Jahren noch ganz viele deutsche Marken in den Supermärkten im Iran zu vernünftigen Preisen. 

Aber im vergangenen Jahr haben die Preise konstant angezogen. Viele Marken sind im Iran ganz verschwunden. Es gibt keine Vielfalt an Produkten mehr."

Basar im Süden Teherans. | Bildquelle: dpa
galerie

Es gibt weniger zu kaufen in Teheran.

Existenzängste

Von solchen Sorgen kann Manouchehr nur träumen. Er putzt in Teheran Büros. Fleisch kommt bei ihm und seiner Familie kaum noch auf den Tisch. Sie können sich nur noch das billigste Essen leisten, erzählt er, gesund sei das nicht. Sein Gesicht wirkt fahl, als er erzählt: "Früher, habe ich das Schulgeld für meine Kinder problemlos zahlen können. Jetzt ist das nicht mehr so einfach. Ich muss die Schule darum bitten, dass sie mir einen Aufschub gewährt." Und mit solchen Nöten ist er nicht allein: "Meine Familie hat große Geldsorgen, meinen Nachbarn geht es genauso. Wir versuchen zu sparen, wo es geht."

Auch er hat früher gerne gefeiert. Mindestens einmal die Woche war irgendwo ein Fest. Heute kommen sie vielleicht noch alle zwei Monate zusammen, erzählt er, während er gründlich einen Spiegel putzt:

"Wir amüsieren uns nicht mehr. Was uns geblieben ist, ist, mit den Nachbarn auf der Straße zu reden. Das tut uns dann gut. Wir teilen dann unser Leid und wollen das Ganze zusammen durchstehen. Die finden auch, dass die Oberen schuld sind. Das hat überhaupt nichts mit Amerika zu tun. Ich bin der Meinung, dass die Regierung unsres Landes versagt hat. Die könnte durchaus was gegen die Situation machen."

Mangel an Medikamenten

In dem Punkt hat er tatsächlich etwas gemeinsam mit dem wohlsituierten Paar. Auch das macht die aktuelle Politik des Iran an erster Stelle für die Wirtschaftskrise verantwortlich. Der junge Zahnarzt bekommt die US-Sanktionen in seiner Praxis sehr direkt zu spüren: "Seit dem vergangenen Jahr passiert es immer wieder, dass es Probleme gibt, an zahnmedizinisches Material und Medikamente zu kommen. Ich musste zum Beispiel auf Narkosemittel warten." 

Das nimmt ihm total die Motivation, sagt er. Er streicht sich durch den Hipster-Bart. Dabei kommt ein kleines Tattoo unterm Hemdärmel zum Vorschein. Beide wirken sehr gepflegt, legen wert auf das Äußere, sind weit gereist. Mahsa hat in Australian studiert: "Als ich zurück in den Iran gekommen bin, hab ich für eine Werbeagentur gearbeitet. Wir hatten Kunden wie L'Oréal, Garnier, and Unilever." Doch diese Zeiten sind für Mahsa vorbei. "Vergangenes Jahr haben wir dann alle unsere Kunden verloren. Und ich hatte das Gefühl, dass mich der Job nicht weiterbringt. Darum arbeite ich jetzt gar nicht mehr." 

Außerdem habe sich die Arbeit schlicht nicht gerechnet: "Ich hab weniger verdient, als ich für die Fahrt zur Arbeit bezahlt habe. Da habe ich wirklich den Anreiz verloren. Ich habe mir gedacht, da bleibe ich doch leichter daheim und mache, was ich will. Dann bin ich zumindest entspannter."

Die Börsenkurse fallen

Sie kann es sich leisten. Die junge Teheranerin kommt aus einer wohlhabenden Familie. Das Problem ist weniger, dass die beiden kein Geld haben, sondern wo sie es sicher anlegen, sagt ihr Mann Aydin: "Wir haben an der Börse investiert. Aber das war nicht wirklich interessant. Die Kurse sind immer weiter gefallen. Auf der Bank hat man uns nicht garantieren können, dass das Guthaben seinen Wert behält. Und Gold oder Dollar zu kaufen, geht nicht so einfach."

Mahsa ist mit ihrer Mutter am Telefon. Es geht um ihr Abschiedsfest, denn das Paar wandert nach Kanada aus. In zwei Tagen geht es los. Die ganze Stimmung im Land frustriert sie einfach: "In den vergangenen Monaten haben wir uns davon verabschiedet, überhaupt noch Nachrichten zu verfolgen. Das hat uns nur gestresst."

Masha ergänzt noch: "Die einizigen Nachrichten, die wir noch alle paar Tage checken, sind die zum Goldpreis und dem Dollarkurs. Denn wir wollen wissen, ob unser Kapital wächst oder schrumpft, werden wir arm oder reich? Verlieren wir, was wir haben?"

Kein Vertrauen in iranische Medien

Die Sorgen muss sich Manouchehr nicht machen. Er hat nichts zu verlieren. Im Gegenteil, die Schulden werden größer. Dabei arbeitet er noch mehr. Zuhause ist er kaum noch. Und wenn, dann muss er schlafen. Er will allerdings durchaus auf dem Laufenden bleiben, was die aktuelle Lage in seinem Land angeht: "Ich verfolge jeden Tag die Nachrichten, allerdings natürlich nicht bei den iranischen Medien. Ich schaue BBC und nutze soziale Netzwerke. Denn die iranischen Medien sagen ohnehin nicht die Wahrheit."

Ayatollah Ali Chamenei spricht sitzend vor ranghohen Militärs und Revolutionsgardisten. | Bildquelle: IRANIAN SUPREME LEADER OFFICE HA
galerie

Chameneis Aussage, er wolle keinen Krieg, sorgte für Erleichterung.

Da hat er auch erfahren, dass Ajatollah Chamenei gesagt hat, er wolle keinen Krieg mit den USA. Das seien endlich mal gute Nachrichten gewesen, findet Manouchehr: "Nachdem, was ich in den Nachrichten gesehen habe, glaube ich auch wirklich nicht, dass es Krieg geben wird. Dafür bräuchte man Geld. Und die Oberen wissen, dass wir nicht genug haben." Das wiegt Manouchehr in Sicherheit: "Ich hab da keine Angst, dass es losgehen könnte, da verlasse ich mich auf mein Gefühl. Meine Frau macht sich wegen unseres Sohnes Sorgen, der ja Soldat ist."

Die Angst vor Krieg ist immer da

Masha will auf keinen Fall die besten Jahre ihres Lebens dadurch verlieren, dass ihr Land nach einem Krieg am Boden liegt. Ein Grund, warum es sie nach Kanada zieht. Sie will sich weiter entwickeln und ihr Leben genießen, sagt sie ganz offen. Ihr Mann gibt zu: "Die Angst vor Krieg ist in unsrer Generation immer da. Und Krieg ist einfach schrecklich. Aber meine ganz persönliche Meinung ist, dass die Wahrscheinlichkeit, dass es Krieg geben wird, zwar nicht gegen null geht, aber gering ist."

Es sieht so gar nicht nach Auswandern aus. Nur ein paar Koffer stehen im Schlafzimmer. Sie reisen mit kleinem Gepäck, behalten die Wohnung auf jeden Fall.

Manouchehrs Traum vom besseren Leben sieht anders aus:

"Das Schönste wäre, wenn ich morgens aufwachen würde und im Fernsehen heißt es, es gibt keinen Krieg. Wir haben uns mit den USA geeinigt und morgen sind alle Probleme gelöst. Das Erste was ich machen würde, wäre, ich würde rausgehen und mich einfach freuen, endlich wieder Energie zu haben, weil die Sanktionen weg sind."

Manouchehr schrubbt noch schnell ein Waschbecken, bevor es ins nächste Büro geht.

Unter maximalem Druck - Alltag im Iran
Karin Senz, ARD Istanbul
18.05.2019 10:43 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 18. Mai 2019 um 07:15 Uhr.

Darstellung: