Ein Mann geht durch eine zerstörte Straße in Rakka.

Ehemalige IS-Hochburg Rakka - die vergessene Stadt

Stand: 02.05.2018 18:00 Uhr

Rakka, die einstige Hauptstadt des IS, wurde im Herbst befreit. Inzwischen sind viele Zivilisten zurückgekehrt. Doch internationale Hilfe sucht man vor Ort vergebens.

Von Volkmar Kabisch, Georg Mascolo und Cesur Milusoy

Bei jedem Pass, jeder Flanke entsteht eine kleine Staubwolke. "Yalla Shabab!" - "Los Jungs!", feuert einer der jungen Männer seine Mitspieler an. Sie kicken in Sandalen, manche barfuß, auf der nackten Erde. Hier und da finden sich noch Spuren von Panzerketten, die sich tief in den Boden gegraben haben. Es gibt wenige Orte, an denen Freud und Leid so eng beieinander liegen wie hier im zentralen Fußballstadion von Rakka im Norden Syriens. Noch vor wenigen Monaten war dies einer der grausamsten Orte der Welt. Die Terroristen des sogenannten "Islamischen Staates" (IS) hatten aus dem Stadion einen Ort des Mordes und der Folter gemacht. "Malab Aswad" - das schwarze Stadion - nennen die Menschen es seither. Das Wellblechdach hängt in Fetzen herunter, die Tribünen sind mit Einschusslöchern durchsiebt.

Reportage: Rakka - die vergessene Stadt
tagesthemen 22:15 Uhr, 02.05.2018, Volkmar Kabisch, Georg Mascolo, NDR

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Stadion diente als Foltergefängnis

In den Katakomben, da wo sich die Spieler früher in ihre Trikots zwängten und den letzten Anweisungen des Trainers folgten, richtete der berüchtigte IS-Geheimdienst ein Gefängnis ein. Die Luft ist stickig, es riecht feucht. Eine breite Treppe führt hinab ins Dunkel. An den Wänden der Zellen haben Insassen die Tage gezählt - fünf Wochen muss eine englischsprachige Person hier eingesessen haben. Eine Tabelle mit blauem Kuli an den rohen Beton gezeichnet, oben die Wochentage, in den Spalten Striche für die Tage. Die Zählung endet an einem Dienstag - womöglich war es der Todestag.

Das Fußball-Stadion in Rakka.
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Im Stadion von Rakka folterte der IS Gefangene, jetzt wird hier wieder Fußball gespielt.

Daneben ein Raum umsäumt von Sandsäcken. In der Mitte klafft ein tiefes Loch im Boden. Es misst zwei mal zwei Meter und führt rund zehn Meter weit hinab. Der Eingang zu einem Stollensystem, das Mitglieder der Terrormiliz über Jahre anlegten. Rakka ist durchzogen mit diesen unterirdischen Gängen - wie Adern die einen Körper durchziehen. Manche Stollen so groß, dass ein Auto darin fahren kann.

Menschen kehren in Trümmerwüste zurück

Rakka war der Inbegriff für das Schreckensregime der Terroristen, die von hier ein Gebiet so groß wie Großbritannien beherrschten. Auch Hunderte Deutsche sollen hier gelebt haben. Seit Oktober gilt die Stadt als befreit. Eine internationale Koalition bombte die Stadt in Trümmer, eine kurdisch-arabische Allianz besiegte die Islamisten am Boden.

Kinder klettern in Trümmern in Rakka.
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Die meisten Häuser in Rakka sind zerstört oder beschädigt.

Nun, so schätzen die UN, sind 70 Prozent der Häuser zerstört oder beschädigt. Die Stadt ist eine Trümmerwüste. Leichengeruch hängt in der Luft, weil wohl noch Hunderte unter dem Schutt liegen. Schwer vorstellbar, wo hier Menschen leben sollen. Doch fast 100.000 sind bereits zurückgekehrt, auch wenn es kein fließend Wasser gibt und Strom, wenn überhaupt, aus Generatoren.

Während der kurdisch-geführten Offensive standen die Kamerateams im Pressezentrum Schlange, um eine Genehmigung zum Frontbesuch zu erhalten. Die Welt blickte auf Rakka. Nun, so scheint es, hat die Welt Rakka vergessen. Die Menschen sind sich selbst überlassen. Internationale Hilfe sucht man vor Ort vergeblich: kein schweres Gerät, das Trümmer beseitigt, keine internationalen Teams, die Minen räumen.

Der IS war ein Meister in der Herstellung von tödlichen Sprengfallen und verteilte sie überall in der Stadt. Hinweisschilder sollen die Zivilbevölkerung warnen. Doch allzu oft bleibt die Warnung ohne Erfolg. Rund 120 Menschen fallen pro Monat Blindgängern und Sprengvorrichtungen zum Opfer, sagen die UN. Die meisten sind Frauen und Kinder.

Auswärtiges Amt warnt vor Rückkehr

Deshalb warnen viele vor der Rückkehr - darunter das Auswärtige Amt. Strategie müsse es sein, die Menschen außerhalb Rakkas zu versorgen, um keinen Anreiz für die Rückkehr zu schaffen. Jedenfalls solange, bis die Minen entschärft und die Häuser von Blindgängern befreit seien. Nur räumen hier kaum Experten. Es heißt, Anwohner würden Nachbarn dafür bezahlen - die Wohnungen zu säubern. Ein tödlicher Job, für den die allermeisten keinerlei Ausbildung haben.

Rakka.
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Spuren des Krieges: Das Ortsschild von Rakka

Und doch geht das Leben irgendwie weiter. Menschen sitzen in einer Kebab-Bude. Manche haben kleine Geschäfte wiedereröffnet. Manchmal, so scheint es, halten die Werbebanner das ganze Haus zusammen. Unten Geschäft oben Ruine. Haus-Skelette, die den Blick ins Bad oder Wohnzimmer freigeben, weil es keine Wände mehr gibt.

Am Straßenrand wird Benzin verkauft. Und Zigaretten - die der IS unter Strafe gestellt hatte. Auch am Naim-Platz - das Symbol für die Herrschaft der Terrormiliz und zentraler Hinrichtungsort. Hier wurden Menschen gekreuzigt, Köpfe auf Zaunpfähle gespießt und zur Schau gestellt. Direkt daneben verwittern sechs Stuhlreihen, grüne und rote Sitze. Ein kleines Kino, auf dem die Terroristen ihre Bestialitäten in Propaganda-Videos abspielten. Auf dem Boden liegen DVDs. Das Erbe eines Schreckensregimes, das von hier aus die Welt in Atem hielt. Nun sind sie geschlagen.

Im Stadion haben sie derweil laute Musik angestellt. Am Abend spielen die Rakkawis, wie sie sich selbst nennen, gegen den Erzrivalen aus Tabka. Die Musik dröhnt ohrenbetäubend. Jeder soll sie hören, nachdem sie so lange verboten war.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 02. Mai 2018 um 22:15 Uhr.

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