Polizei und Demonstranten in Istanbul | Bildquelle: TOLGA BOZOGLU/EPA-EFE/REX/Shutte

Zwei Jahre nach Putschversuch Die Türkei - ein gespaltenes Land

Stand: 15.07.2018 05:00 Uhr

Vor zwei Jahren besetzten Soldaten in Istanbul eine der Bosporus-Brücken und bombardierten in Ankara das Parlament. Der Putschversuch hat das Land stark verändert - und tief gespalten.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

(Foto: Karin Senz)
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Der alten Dame hat sich der Putschversuch tief ins Gedächtnis gegraben.

Friedlich schaukeln kleine Boote am Bosporus, die Sonne glitzert im Wasser. Zwei ältere Damen sitzen auf einer Bank am Ufer bei einem Glas Tee. Sie schauen auf die Bosporus-Brücke: Vor zwei Jahren in der Nacht vom 15. auf den 16. Juli war das einer der Schauplätze des Putschversuchs. Panzer rollten über die Brücke, es fielen Schüsse.

"Jedes Mal, wenn ich auf die Brücke schaue, erinnere ich mich an diesen Moment", erzählt eine von ihnen. "Wir dürfen das nicht vergessen. Wenn wir vergessen, kann es wieder passieren. Der Putschversuch hat Spuren in unserer Geschichte und in unserem Gedächtnis hinterlassen. Diese Nation hat viele Opfer gebracht für dieses Land. Und das lassen wir uns nicht von irgendwelchen Schuften nehmen." Wer genau für sie die Schufte sind, sagt sie nicht.

Ein schwieriges Thema

Interviewpartner (Foto: Karin Senz)
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Der junge Mann ist besorgt über die Entwicklung in der Türkei.

Auf einer anderen Bank ein paar Meter weiter sitzt ein Mann mit Shorts und Sonnenbrille, er raucht entspannt eine Zigarette in seiner Mittagspause. Erst will er gar nicht über den Putschversuch reden, fühlt sich nicht so richtig wohl dabei in der Öffentlichkeit.

Dann kritisiert er doch: "Die Regierung hält die Erinnerung an den 15. Juli wach. Man sieht’s überall. Ja, viele Menschen sind getötet worden, und viele Menschen hat der Putschversuch auch traumatisiert. Aber das, was danach passiert ist, also wie damit umgegangen und was daraus gemacht wurde - ehrlich gesagt: Das gibt mir zu denken."

Weitreichende Folgen für viele Menschen

Fethullah Gülen | Bildquelle: dpa
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Die türkische Regierung machte den in den USA lebenden Prediger Fethullah Gülen für den gescheiterten Putsch verantwortlich.

Für die türkischen Regierung war sehr schnell klar: Der islamische Prediger Fetullah Gülen war der Drahtzieher. Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss kam zum selben Schluss. Mutmaßliche Putschisten und Terrorverdächtige werden gnadenlos verfolgt. Rund 77.000 Menschen wurden in diesem Zusammenhang verhaftet, weit über 100.000 verloren ihren Job. Rund 140 Medienhäuser wurden geschlossen.

Kaum einer hatte das geahnt, als Präsident Erdogan in der Putschnacht die Türken aufforderte sich den Panzern entgegenzustellen. Er hatte dafür in einer Fernseh-Nachrichtensendung angerufen. Tausende folgten dem Aufruf. Das brachte die Wende in der Putschnacht.

Zwei Jahre später bei seiner Amtseinführung diese Woche würdigte Erdogan diesen Einsatz: "Ich möchte mich bei allen Bürgern bedanken, die uns immer zur Seite standen und insbesondere bei allen Bürgern, die vor zwei Jahren am 15. Juli trotz Lebensgefahr ihre Freiheit und ihre Zukunft beschützt haben."

250 Tote in einer Nacht

Rund 250 Menschen starben in der Putschnacht - einige auch hier auf der Bosporus-Brücke. Der Mann auf der Bank erinnert sich noch gut: "Ich war in der Nacht in der Nähe aus mit meiner Frau. Wir sind schnell heim und haben den Fernseher eingeschaltet. Ich wohne hier und von zu Hause kann man auf die Brücke schauen. Wir hatten eigentlich geplant nach Mitternacht unseren Hochzeitstag zu feiern, stattdessen gab es Schüsse und Jets im Tiefflug, wenn die die Schallmauer durchbrechen, gibt es immer einen bombenählichen Knall."

Seit dem Putschversuch ist das Land im Ausnahmezustand. Denn den hat Erdogan direkt danach ausgerufen und immer wieder verlängert mit Zustimmung des Parlaments. Kommende Woche soll er allerdings auslaufen. Das Land hat sich seitdem verändert. Erdogan hat das Präsidialsystem eingeführt, die Gesellschaft ist gespaltener denn je, die wirtschaftliche Lage verschlechtert sich. Da könnte der Putschversuch in den Hintergrund rücken.

Die Erinnerung bleibt

Verhaftungen in der Türkei | Bildquelle: AFP
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Tausende Menschen wurden verhaftet - viele warten noch auf ihren Prozess.

Doch bei den beiden Frauen, die an der Bosporus-Brücke Tee trinken, ist auch zwei Jahre danach alles sehr präsent: "Selbst jetzt gerade, wo ich drüber rede, kriege ich eine Gänsehaut. Mein Gedächtnis ist eigentlich nicht gut Aber es gibt Dinge im Leben, die kriegt man nicht so leicht aus dem Kopf. Ach,  jetzt muss ich gleich weinen."

Sie wendet Blick ab von der mächtigen Brücke hin zu ihrer Freundin, nimmt sich das kleine Glas und nippt. Als wollte sie in ihrem Kopf das Programm wechseln, weg von den blutigen Putschbildern hin zum entspannten Teetrinken am sonnigen Bosporus.

Ausnahmezustand in Türkei wird beendet
tagesschau 24, 15.07.2018, Katharina Willinger, BR Istanbul

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14. Juli 2018 um 08:25 Uhr.

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