Wladimir Putin in Schutzkleidung | Bildquelle: AFP

Corona-Krise Russland droht eine Pleitewelle

Stand: 06.04.2020 07:39 Uhr

Präsident Putin hat die Russen bis Ende April in die Ferien geschickt: Sie sollen zu Hause bleiben, bei vollem Gehalt. Zahlen müssen Unternehmen - obwohl sie nichts einnehmen. Eine Pleitewelle droht.

Von Ina Ruck, ARD-Studio Moskau

"Mein Unternehmen ist zehn Jahre alt. Bis vor zwei Wochen gehörte ich zum Mittelstand. Jetzt bin ich wohl Kleinunternehmerin." So stellte sich Anastasija Tatulowa letzte Woche dem Präsidenten vor.

Putin hatte ein Treffen mit Unternehmern anberaumt, weil es Unmut gab über seine Entscheidung, arbeitsfreie Tage anzuordnen - in denen die Betriebe zwar nichts einnehmen, aber dennoch weiter Löhne und Gehälter zahlen müssen.

Durststrecke bis Ende April
Weltspiegel, 05.04.2020, Ina Ruck, ARD Moskau

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Das Fernsehen übertrug, man konnte sehen, wie Tabulowa mit den Tränen kämpfte, als sie um Hilfe bat: "Wir brauchen Subventionen für die Löhne. Sie glauben nicht, wie weh uns das jetzt tut."

Es sei doch gut, dass man jetzt den direkten Draht zueinander habe, war Wladimir Putins Antwort.

Von 2000 Angestellten runter auf 120

Anastasija Tabulowa ist eine Vorzeigeunternehmerin, hat Preise gewonnen - und die "Anderson"-Kette aufgebaut: auf Kindergeburtstage spezialisierte Restaurants, eine Marktlücke. Knapp 60 Filialen, 2000 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen - bis die Krise kam.

Seit Ende Februar blieben wegen Corona die Kunden aus, der fallende Ölpreis zog auch den Rubelkurs mit. Tatulowa musste immer mehr Restaurants schließen, von den 2000 Angestellten konnte sie gerade mal 120 halten - in der hauseigenen Bäckerei, die weiterhin produzieren darf.

Anderson-Kette
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Eine Filiale der Anderson-Kette, wo Kinder ihre Geburtstage feiern können.

Sie kann ein paar Supermärkte beliefern, man hilft sich untereinander. Aber wie sie die Löhne zahlen soll, weiß sie nicht.

"Vom Bäckerei-Ertrag können wir zumindest den Strom zahlen, den Rest verteilen wir in der Belegschaft. Wir haben uns mit jedem Einzelnen hingesetzt und gefragt: wie viel brauchst du, um über die Runden zu kommen? Die Manager haben gesagt: wir kommen ein paar Monate ohne Gehalt klar - erstmal die Firma aus dem Sumpf ziehen."

Keinen Airbag für die Krise

Ganz ähnlich läuft es im privaten Kinderhort "Kleiner Prinz". Vitalija Kaschina hat ihn vor 15 Jahren gegründet. Auch sie habe keinen "Airbag", sagt sie, kein Sicherheitspolster - alles Geld steckt in der Firma. Schon ein Monat ohne Einkünfte kann alles zerstören. Selbst, wenn ihre zwölf Erzieherinnen bereit sind, aufs April-Gehalt zu verzichten.

Kaschina sagt: "Ich hoffe, aber die Chancen gehen gegen Null. Der April fällt weg, dann kommt der Mai - aber der ist wegen der vielen Feiertage immer ein schwieriger Monat. Wenn dann überhaupt noch jemand einen Hortplatz für sein Kind bezahlen kann."

Vitalija Kaschina
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Vitalija Kaschina hat sich für einen der versprochenen Schnellkredite beworben. Sie sei nicht anspruchsberechtigt, war die Antwort der Bank.

Drei Millionen Unternehmen vor der Existenzfrage

Russlands Handelskammer hat im März gewarnt, dass drei Millionen kleine und mittlere Betriebe vor der Existenzfrage stünden. Ohnehin gebeutelt durch die Krise sollen die nun sogar bis Ende April Löhne zahlen, ohne Einnahmen zu haben: Putin hat die arbeitsfreie Zeit verlängert. Es darf auch nicht mehr entlassen werden.

Das sei einerseits genau richtig, sagt Ruben Enikolopow, einer der führenden Wirtschaftswissenschaftler. Nur eine lange Ausgangssperre könne die Ausbreitung des Virus verlangsamen. Aber das alles funktioniere nur, wenn der Staat den Unternehmen jetzt schnell helfe.

Es sei die Pflicht des Staates, jetzt zu subventionieren, sagt der Wissenschaftler: "Für viele Betriebe stellt sich schon nächste Woche die Überlebensfrage - auch für die Mitarbeiter." Die überwiegende Mehrheit der Leute habe keine Ersparnisse und brauche den Lohn. "Wenn der Staat den Unternehmen jetzt nicht hilft, bekommen wir riesige soziale Probleme."

Ruben Enikolopow
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Ruben Enikolopow fordert Subventionen, die nicht zurückgezahlt werden müssten.

Bankrotterklärung - oder Auswandern?

Anastasija Tatulowa hat ihren Mitarbeitern im März gekündigt, noch vor dem Entlassungsverbot. Es habe ihr im Herzen weh getan, aber sie habe keine andere Möglichkeit gesehen. In ihrem Unternehmer-Chat gibt es jetzt nur zwei Themen: Bankrott oder Auswandern. Sie selbst versucht, ihr "Anderson" mit allen Mitteln zu retten.

Der Staat habe es Unternehmern noch nie leicht gemacht - es herrsche noch immer die Ansicht, dass man die Privatwirtschaft "melken" könne, sagt sie. Unternehmertum gebe es ja erst seit 30 Jahren. Und in der Regierung säßen vor allem Beamte, oft über Generationen, die davon nichts verstünden. Anders kann sie sich auch die neuen Regelungen nicht erklären.

"Soll ich eine Niere verkaufen?"

"Ich habe keinen Maserati und kein Haus in Monaco. Alles, was ich in den letzten zehn Jahren verdient habe, steckt in der Firma", sagt die Unternehmerin. "Ich arbeite rund um die Uhr. Und jetzt sagen sie uns: Es ist uns egal, wie ihr das macht, aber ihr müsst weiter zahlen. Ja, wie denken die sich das denn? Wovon? Soll ich eine Niere verkaufen?“

Enikolopow glaubt, dass längst mehr auf dem Spiel steht als wirtschaftliche Existenzen: "Der Staat verspielt das Vertrauen der Wirtschaft - und das der Bürger. Er demonstriert uns gerade, zu was er alles das Recht hat. Aber wo es um seine Pflicht geht - wirtschaftliche Nothilfe etwa - da taucht er ab."

Tatulowa kann aus ihrem Büro durch eine Glasscheibe die Bäckerei überblicken. Dort probieren sie gerade ein neues Windbeutel-Rezept aus. Eine kleine Ladenkette hat bestellt. Wieder ein wenig Umsatz. Der helfe, sagt sie, noch ein wenig länger am Abgrund zu balancieren.

Über dieses Thema berichtete der "weltspiegel" am 05. April 2020 um 19:20 Uhr.

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