"Paneuropäisches Picknick" Der Tag, an dem alles ganz anders kam

Stand: 19.08.2014 05:26 Uhr

Heute vor 25 Jahren sahen sich sechs ungarische Grenzer einem Ansturm von Hunderten Ostdeutschen gegenüber, die in die Freiheit drängten. Sie ließen sie in den Westen ziehen. Dabei war der Tag ganz anders geplant gewesen.

Von Franz Bumeder, ARD-Hörfunkstudio Wien

Der ungarische Arzt György Karpati war dabei, als am 19. August 1989 Hunderte DDR-Bürger ein offenes Grenztor an der ungarischen Grenze nach Österreich überquerten: "Ich sah Leute, junge Leute, wie sie ihr Gepäck zu der Grenze gezogen haben", erinnert er sich. Dann habe er auch beobachtet, dass es Ostdeutsche waren, "und dann bin ich mitgekommen und so kam ich zu diesem Tor und konnte dann diese historische Ereignisse filmen".

Schon einige Tage vorher waren plötzlich Tausende Flugblätter auf Campingplätzen von der ungarisch-österreichischen Grenze bis zum Plattensee aufgetaucht: Eine Einladung zu einem "Paneuropäischen Picknick in Sopron am Ort des Eisernen Vorhangs". Wobei der Eiserne Vorhang zu Recht bereits in Anführungszeichen stand, denn seit Mai bauten die Ungarn Minen und Überwachungsanlagen entlang der Grenze ab. Auf dem Flugblatt unterbricht eine Rose symbolisch ein Stück Stacheldraht. Schirmherren der Einladung waren Otto Habsburg und Imre Pozsgay - der eine Sohn des letzten k.u.k-Monarchen und EU-Abgeordneter, der andere ungarischer Reformkommunist.

Unerwartete DDR-Bürger am Treffpunkt

Treffpunkt war ein Grenztor an einer seit 1948 gesperrten Straße zwischen dem österreichischen St. Margarethen und dem ungarischen Sopron. "An diesem Tag war dieses Tor von drei Uhr bis sechs Uhr geöffnet", erinnert sich Laszlo Nagy, einer der Oppositionellen, die das Picknick organisierten. "Wir wollten erreichen, dass die österreichischen Freunde von drüben leichter zu unserem Picknick kommen. Unser Slogan war 'Bau ab und nimm mit!'" Die Besucher sollten kleine Stücke vom Grenzzaun abzwicken und als Souvenir nach Hause nehmen.

Doch es kam anders, ganz anders: Rund 700 DDR-Bürger nutzten die Gelegenheit und rannten durch das offene Tor in den Westen, nach Österreich. Und damit, so sagt er heute noch, hatte Mitorganisator Nagy auf keinen Fall gerechnet: Laut Schätzungen der Polizei seien 20.000 bis 25.000 Menschen gekommen, größtenteils aus Ungarn, aber auch knapp Tausend aus der DDR - "aber die waren unerwartet". Unerwartet auch für die sechs ungarischen Grenzer, die an diesem Tag Dienst schoben. Zum Glück reagierten sie nicht panisch, sondern sehr gelassen: Sie schauten einfach weg. 

DDR-Flüchtlinge mit ihren Kindern 1989 | Bildquelle: dpa
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Manche DDR-Flüchtlinge begriffen erst tief in Österreich so richtig, was passiert war.

 "Das war schon sehr ergreifend"

Zu denen die vor 25 Jahren hinausgelassen wurden, gehörte auch Walter Sobel mit seiner Frau und zwei Kleinkindern. Auch er begann einfach zu laufen, als er das offene Grenztor sah. Dass die Familie es geschafft hatte, wurde Sobel erst bewusst, als er und die anderen Flüchtlinge mit Bussen nach Wien gebracht worden waren: "Das, was hier alles war, das haben wir gar nicht richtig wahrgenommen." Weil alles "so Stasi-verseucht" gewesen sei, habe niemand mit dem anderen geredet. "Erst als wir hier drüben waren, und uns in den Armen gelegen waren - das war dann schon sehr ergreifend."

Übrigens: Nach diesem denkwürdigen Tag dauerte es vor 25 Jahren nicht einmal mehr drei Wochen, bis die Ungarn die Grenze nach Österreich komplett öffneten. Der letzte Auslöser dafür war wohl der 19. August 1989. Und deshalb gedenken seither jeden 19. August an der Grenze bei Sopron Ungarn und Österreicher der damaligen Ereignisse.

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