Nordkoreas Machthaber Kim Jong-Un redet auf dem Parteitag | dpa

Parteitag in Nordkorea Entschuldigen, drohen, aufrüsten

Stand: 09.01.2021 12:21 Uhr

Auf dem Parteitag der nordkoreanischen Arbeiterpartei gab Machthaber Kim Jong-Un überraschend Fehler zu - griff aber auch die USA an. Mit mehr Waffen und mehr Eigenproduktion will das Land unabhängiger werden.

Von Kathrin Erdmann, ARD-Studio Tokio 

Abendnachrichten im nordkoreanischen Fernsehen: Minutenlang wird über den Parteitag der nordkoreanischen Arbeiterpartei in Pjöngjang berichtet. Ausländische Medien können nur auf diese Informationen zurückgreifen. Nordkorea hat sich abgeschottet wie nie zuvor.

Kathrin Erdmann ARD-Studio Tokio

Eine überraschende Entschuldigung

Dennoch passiert gleich zu Beginn etwas Ungewöhnliches. Machthaber Kim Jong-Un zieht Bilanz und entschuldigt sich bei den 7000 anwesenden Delegierten, Parteimitgliedern und Gästen: "Der Fünf-Jahres-Plan zur wirtschaftlichen Entwicklung, der vergangenes Jahr zu Ende gegangen ist, hat seine Ziele in nahezu allen Punkten verfehlt."

Damals 2016, beim ersten Parteitag seit 36 Jahren, hatte er seinen Landsleuten einen Aufschwung versprochen. Doch dann wurden die Sanktionen verschärft, die Pandemie kam und Nordkorea schloss seine Grenzen. Der Handel mit China, dem wichtigsten Partner, brach ein.

Kim droht den USA

Die Schuld für die schleppende Entwicklung sieht Kim nicht nur bei seinen eigenen Gefolgsleuten, sondern auch bei den USA. Sie würden die Entwicklung des Landes hemmen und seien zudem eine ständige Bedrohung. Und deshalb müsse man auch das Waffenarsenal erweitern, auch mit Langstreckenraketen und Nuklearwaffen.

Go Myong-Hyun ist am Asan Institut für Politische Studien in Seoul auf Nordkoreastudien spezialisiert. Im Gespräch mit der ARD sagt er: "Indem Kim über die Weiterentwicklung von Atomraketen spricht, will er Druck auf die USA ausüben, damit sie einen Neuanfang mit Nordkorea machen. Obwohl die Wortwahl nicht sehr aggressiv war, wie man innerhalb der nächsten fünf Jahre seine Ziele erreichen will, kann man zwischen den Zeilen doch eine Bedrohung gegen die USA erkennen."

"Alte Rhetorik"

Dass Kim Jong-Un die USA zudem als größten Feind des Landes bezeichnet habe, sei wenig überraschend und im Grunde alte Rhetorik. Was Go in Kims Rede fast mehr aufhorchen ließ, ist die Ankündigung Nordkoreas, die Überwachung aus der Luft mittels Flugzeugen und Satelliten verstärken zu wollen.

Chinas Einfluss könnte schwinden

Dies dürfte nicht nur die USA, Südkorea und Japan in Unruhe versetzen: "Das würde Nordkorea zu einer weit autonomeren strategischen Macht verhelfen. Und das dürfte China gar nicht gefallen, denn es hätte dann weniger Einfluss auf Nordkorea", so Go. "Das Kim-Regime könnte zum Unruhestifter werden, indem es ohne China vorher zu informieren, die USA provoziert."

Die jüngsten Äußerungen Kims sieht der Nordkoreaexperte daher auch als Angriff gegen China.

Unabhängiger von Importen?

Neben den Plänen für die Außen-und Sicherheitspolitik ging es auf dem Kongress der Arbeiterpartei um die wirtschaftliche Entwicklung des Landes in den kommenden fünf Jahren.

Dabei sieht es eher nach weiterer Abschottung aus, sagt Go: "Es hört sich so an, als würde sich Nordkorea mehr auf seine eigene sogenannte Selbstversorgung konzentrieren. Das ist ein Euphemismus dafür, dass man weniger importieren und die Eigenproduktion steigern wird. So sieht derzeit die wirtschaftliche Marschroute aus."

Ohne es direkt zu benennen ist damit "Juche" gemeint, etwas Typisches für Nordkorea - dass sich sozusagen alle anstrengen, um noch besser zu werden und so auf jegliche Hilfe von außen verzichtet werden kann.

Detailreich zitierten die Staatsmedien inzwischen jede einzelne Branche. Überall soll es vorangehen, im Verkehr, im Bausektor, Tourismus und in der Industrie.

Posten für Kims Schwester?

Eine, die bei dieser Entwicklung ganz vorn mithelfen soll, ist Kims kleine Schwester Yo-jong. Sie saß mit weißer Bluse und schwarzem Kostüm gut sichtbar die ganze Zeit unmittelbar hinter ihrem älteren Bruder.

Kein Zufall: Die optische Nähe zur Macht ist in Nordkorea ein wichtiges Symbol. Und jetzt, wo sie schon so nah bei ihm sitzt, wird sie vermutlich auch eine offizielle Rolle bekommen - die, so könnte man sagen, zu ihrer Platzierung passt.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 09. Januar 2021 um 12:00 Uhr.