Proteste in Nigeria gegen anhaltende Vergewaltigungen. | AP

Nigeria Klage über "Vergewaltigungs-Pandemie"

Stand: 29.11.2021 04:01 Uhr

Die Nationale Menschenrechtskommission hat in Nigeria 2020 über 11.000 Vergewaltigungsfälle dokumentiert. Die Behörden in dem afrikanischen Land schauen oft weg - trotz öffentlicher Proteste.

Von Dunja Sadaqi, ARD-Studio Nordwestafrika
Ich wurde von meinem Nachbarn vergewaltigt, ich hab das meiner Schwester erzählt und wir wollten zur Polizei. Bevor die weibliche Polizistin meinen Intimbereich untersucht hat, ob ich überhaupt vergewaltigt worden bin, haben sie nach Geld gefragt für den Transport. Einige der Polizisten haben sich über mich lustig gemacht und gefragt, ob ich es genossen hätte.

Eine Videointerview von Amnesty International. Was ein 13-jähriges Mädchen aus Nigeria darin erzählt, gehört zu den Dokumentationen des neu veröffentlichten Berichts der Menschenrechtsorganisation. Was sie berichtet, sei kein Einzelfall.

Dunja Sadaqi ARD-Studio Rabat

"Die Polizei wird niemals zuhören, sie erlauben dir nicht mal, auszudrücken wie du dich fühlst. Sogar wenn du weinst, sagen sie, sei still! Sowas ist auch anderen schon passiert…", so die 13-Jährige.

Stigmatisierung und Schuldzuweisung

Der Bericht von Amnesty International spiegelt die Erfahrungen von 14 Frauen und Mädchen wieder, die im Alter von zwölf bis 42 Jahren vergewaltigt wurden, sowie deren Angehörigen. Der Vorwurf im Amnesty Bericht: Beamte versäumten es oftmals, sexuelle Gewalt zu untersuchen.

Stigmatisierung und Schuldzuweisungen führten dazu, dass viele Opfer schwiegen - das ermutige Täter zusätzlich, erklärt Esther Ikubaje von Amnesty International Nigeria: "Ein Schlüsselergebnis ist, wie Sicherheitskräfte auf diese Vergewaltigungs-Fälle reagieren - gerade, wenn die Überlebenden die Vergewaltigung bei den Behörden anzeigen. Viele werden stigmatisiert, sind beschämt, werden beschimpft, wenn sie von ihren Erfahrungen erzählen. Was wir mit diesem Bericht versuchen, ist zu dokumentieren, wie schwer es ist Gerechtigkeit zu erfahren. Wir haben mit einem Opfer gesprochen, das zur Polizei gegangen ist und sie wurde sogar vom Polizisten belästigt und angegriffen."

Die Zahlen in Nigeria haben viele schockiert: Im vergangenen Jahr wurden in dem westafrikanischen Land über 11.000 Vergewaltigungen gemeldet. Die Dunkelziffer sei noch deutlich höher - weil Opfer sich nicht trauten, die Tat anzuzeigen, sagt Adaora Onyechere.

Tausende auf der Straße

Die Botschafterin leitet den Ausschuss für Frauenangelegenheiten der Afrikanischen Union. Die Strafverfolgung bei Fällen von Gewalt gegen Frauen ist in Nigeria nach Ansicht von Menschenrechtsorganisationen viel zu lasch. Oft verliefen die Ermittlungen im Sande, so Onyechere: "Laut den Berichten geben 26 Prozent der Befragten an, dass sie jemanden kennen, der vergewaltigt wurde und dass Vergewaltigungsopfer vor allem Minderjährige und junge Erwachsene zwischen einem und 15 Jahren sind. Diese Statistik legt nahe, dass eins von drei Mädchen zumindest eine Form sexuellen Missbrauchs erlebt hat, noch bevor es 25 Jahre alt ist."

Besonders brutale Fälle, bei denen die oft jungen Opfer sterben, haben in Nigeria für Empörung gesorgt. Bereits im Sommer 2020 gingen in Nigeria Tausende Frauen im Land auf die Straße und forderten ein Ende der Gewalt. Die nigerianische Regierung hat versprochen, sich stärker um das Thema zu kümmern. Es soll neue Gesetze geben. Mehr und eine besser ausgebildete Polizei, die Bevölkerung soll stärker sensibilisiert werden, um das Schweigen zu brechen, der Ausnahmezustand wegen sexueller und geschlechtsspezifischer Gewalt wurde ausgerufen.

Doch es habe sich nicht wirklich etwas verändert, sagen Frauenrechtsorganisationen. Aktivistin Dorothy Njemanze sagt, durch den Lockdown im vergangenen Jahre habe sich die Gewalt gegen Frauen noch verstärkt. Sie sieht das Problem aber nicht nur in zu schwachen Gesetzen. "Vor Corona hat meine Organisation zehn bis zwölf Fälle pro Woche gemeldet bekommen und während des Lockdowns 47 pro Tag. Die meisten Selbstmordgefährdeten sind minderjährig. Und das sind nur die Fälle, die meine Organisation betreut. Die Gesetze bestehen nur auf dem Papier und werden nicht durchgesetzt. Welche Strafen gibt es denn für Verantwortliche, wenn sie die Gesetz nicht durchsetzen? Dort muss angesetzt werden."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 29. November 2021 um 05:50 Uhr.