Mitglieder der afghanischen Sicherheitskräfte während eines Kampfes gegen die Taliban. | dpa

Training in der Türkei NATO bildet afghanische Spezialkräfte aus

Stand: 29.07.2021 15:57 Uhr

Der NATO-Einsatz in Afghanistan ist beendet. Allerdings werden die Streitkräfte des Landes weiterhin unterstützt. Zum Beispiel durch ein Ausbildungsprogramm in der Türkei, das Spezialkräfte trainieren soll.

Kurz nach der Beendigung ihres Ausbildungseinsatzes in Afghanistan hat die NATO das erste Trainingsprogramm für afghanische Soldaten im Ausland gestartet. Nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa wurden Angehörige der afghanischen Spezialkräfte am Mittwochabend für einen Lehrgang in die Türkei geflogen - der Auftakt für regelmäßige Ausbildungsangebote außerhalb Afghanistans.

Ein NATO-Sprecher in Brüssel bestätigte den Beginn des Trainingsprogrammes, wollte sich aber aus Sicherheitsgründen nicht zum Ort und zu Details äußern. "Neben der fortgesetzten Finanzierung und diplomatischen Präsenz umfasst die weitere Unterstützung Afghanistans durch die Nato auch die Ausbildung afghanischer Spezialkräfte außerhalb des Landes", sagte er. Die Ausbildung habe nun begonnen.

Ob Deutschland sich an dem Training afghanischer Spezialkräfte im Ausland beteiligen wird, ist unklar. Nach Angaben aus Regierungskreisen ist ein Einsatz von Ausbildern der Bundeswehr nicht ausgeschlossen. Bevor darüber entschieden wird, soll aber abgewartet werden, ob das neue Ausbildungskonzept funktioniert.

Im Dauereinsatz gegen die Taliban

Als eine Gefahr gilt, dass sich Teilnehmer während der Lehrgänge absetzen, um dann zum Beispiel in einem EU-Land Asyl zu beantragen. Hintergrund der Befürchtung ist, dass sich die Sicherheitslage in Afghanistan nach der im April getroffenen Abzugsentscheidung der Nato deutlich zugespitzt hat. Die militant-islamistischen Taliban kontrollieren nach mehreren Offensiven mittlerweile knapp mehr als die Hälfte der rund 400 Bezirke im Land, Teile von wichtigen Überlandstraßen und mehrere Grenzübergänge in die Nachbarländer.

Die raschen Gebietsgewinne der Islamisten waren für viele Beobachter überraschend. Vor Beginn des Abzugs der internationalen Truppen gaben sich die allermeisten westlichen Diplomaten und Experten in Kabul zuversichtlich, dass die Sicherheitskräfte den Taliban standhalten könnten. Sie erwähnten vor allem die gut ausgebildeten Spezialkräfte und die Luftwaffe als Schlüsselvorteile der Regierung.

Mittlerweile ist die Zuversicht großen Zweifeln gewichen. Seit die USA alle ihre Kampfflugzeuge aus dem Land abgezogen haben, ist die afghanische Luftwaffe im Dauereinsatz. Die Folge: Bereits im Juni sei die Einsatzbereitschaft von fünf der insgesamt sieben Flugzeugtypen teils signifikant gesunken, heißt es in einem veröffentlichten Bericht des US-Generalinspekteurs für den Wiederaufbau in Afghanistan. Ähnlich geht es den Spezialkräften. Sie werden pausenlos in alle Ecken des Landes in Einsätze geschickt um Gebiete zurückzuerobern, eingekesselte reguläre Truppen zu befreien oder Angriffe auf Provinzhauptstädte abzuwehren. Die meisten regulären Truppen weigern sich mittlerweile, ohne die Kommandokräfte Operationen durchzuführen. Letztere gelten bereits als überstrapaziert.

Mehr Luftunterstützung durch die USA

Der Einsatzradius der afghanischen Regierungstruppen könnte sich allerdings bald beschränken. Offensichtlich hat sich in Kabul die Einsicht durchgesetzt, dass viele ländliche Gebiete nicht zu halten sind. Aus Militärkreisen heißt es, man bereite sich darauf vor, in wenigen Monaten nur noch die Städte zu verteidigen. Angesichts der dramatischen Entwicklungen kommen die USA und andere NATO-Länder zunehmend in die Kritik. Der schnelle Abzug sei ein Fehler gewesen, lautet der Vorwurf. Die USA sind in den vergangenen Tagen nun wieder verstärkt Luftangriffe zur Unterstützung der Sicherheitskräfte geflogen. Die Flieger dazu steigen mittlerweile außerhalb Afghanistans auf, der US-Abzug ist nach eigenen Angaben zufolge zu 95 Prozent abgeschlossen.

Der nun für Afghanistan zuständige US-General Kenneth McKenzie sagte in Kabul, man werde diese Luftangriffe auch in den nächsten Tagen und Wochen aufrechterhalten. Allerdings ist unklar, was nach dem 31. August passiert. Dann endet die US-Militärmission in Afghanistan. US-Offizielle sagten in der Vergangenheit, dass man Schlüsselfunktionen wie die afghanische Luftwaffe weiter finanziere, die Gehälter für die Sicherheitskräfte weiter zahle und weiter bestimmte militärische Güter liefere. Eine Zusage, dass man auch über den 31. August hinaus Luftunterstützung im Kampf gegen die Taliban leiste, gibt es bisher aber nicht.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 26. Juli 2021 um 10:22 Uhr.