US-Soldaten in Afghanistan (Archivbild). | AP

NATO berät Abzugspläne Wie geht es weiter in Afghanistan?

Stand: 18.02.2021 04:22 Uhr

Die NATO ist in der Abzugsfrage in Afghanistan in der Zwickmühle. Verlassen die internationalen Truppen das Land, droht ein Rückschritt. Bleibt man, dann droht die Rache der Taliban. Viel hängt heute von den Signalen aus Washington ab.

Von Helga Schmidt, ARD-Studio Brüssel

Vieles spricht dafür, dass die NATO-Verteidigungsminister sich heute nicht auf einen schnellen Truppenabzug festlegen. Das Datum 30. April gilt als unrealistisch. Allerdings hat Lloyd Austin, der neue amerikanische Verteidigungsminister, es bisher vermieden, sich auf irgendeinen Termin festzulegen. In Afghanistan bleiben oder gehen - dazu gab es von ihm gestern keine Antwort. Aus Washington hieß es nur, man habe die Prüfung der Abzugsfrage noch nicht abgeschlossen.

Helga Schmidt ARD-Studio Brüssel

Annegret Kramp-Karrenbauer war gestern schon deutlicher. Die Bundesverteidigungsministerin hat sich festgelegt, aus ihrer Sicht sollen NATO-Truppen - und damit auch die Bundeswehr - länger bleiben.

Wir haben mit dem Einsatz dieser Kräfte über die letzten Jahrzehnte erreicht, dass ein Friedensprozess in Gang gekommen ist. Die Verhandlungen laufen, aber sie sind noch nicht so abgeschlossen, dass die Truppen jetzt Afghanistan verlassen können.

Kein Abzug ohne Ergebnisse der Friedensverhandlungen

Ohne konkrete Ergebnisse der Friedensverhandlungen zwischen den Taliban und der afghanischen Regierung kein Abzug der internationalen Truppen - das fordert auch NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg.

Das Versprechen, Afghanistan zu verlassen, ist an Bedingungen geknüpft. Die NATO besteht darauf, dass die Friedensvereinbarung umgesetzt wird.

Stoltenberg nannte zwei Bedingungen, die die Taliban vor dem Abzug der NATO-Truppen erfüllen müssen: "Das wichtigste ist, dass die Taliban die Gewalt reduzieren. Und sie müssen aufhören, Terrorgruppen wie Al Kaida zu unterstützen."

NATO in der Zwickmühle

Wie die Vorgaben kontrolliert werden sollen, ließ Stoltenberg offen. Er sieht die NATO in einer Zwickmühle: Ein früher Abzugstermin würde die wenigen greifbaren Erfolge aus 20 Jahren Afghanistan-Einsatz aufs Spiel setzen. Aber eine Verlängerung der Truppenpräsenz würde die Sicherheit der Soldaten gefährden. Man rechnet mit Racheakten der Taliban, wenn die ausländischen Truppen länger im Land bleiben, als Donald Trump ihnen das in Aussicht gestellt hatte.

Das Problem sieht Ministerin Kramp-Karrenbauer auch für die Bundeswehr.

Das bedeutet aber auch eine veränderte Sicherheitssituation, eine erhöhte Bedrohung für die internationalen Kräfte, auch für unsere eigenen Kräfte. Darauf müssen wir uns vorbereiten.

Deutschland stellt in Afghanistan das zweitgrößte Truppenkontingent, rund 1100 Soldaten und Soldatinnen der Bundeswehr sind im Einsatz. Sie sollen afghanische Sicherheitskräfte ausbilden und beraten - wie erfolgreich das gelingt, ist umstritten.

Sicher ist, dass die Bundeswehr bei ihrer Arbeit auf die Unterstützung der amerikanischen Truppen angewiesen ist, vor allem bei der Aufklärung, aber auch bei der lebenswichtigen Evakuierung von Verletzten. Ganz besonders, wenn der Einsatz noch einmal verlängert wird. Ob der neue amerikanische Verteidigungsminister sich darauf heute, am zweiten Tag des NATO-Treffens, festlegt, ist aber offen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 18. Februar 2021 um 08:00 Uhr.