Frauen in Kabul / Afghanistan | Bildquelle: REUTERS

Debatte in Afghanistan Frauen erstreiten Recht auf Namen im Pass

Stand: 29.09.2020 09:28 Uhr

Den Namen einer Frau in der Öffentlichkeit zu nennen, gilt in Afghanistan vielerorts als Ehrverletzung. Doch dagegen kämpfen Frauenrechtlerinnen - und können einen ersten Erfolg vermelden.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi

Die Rechte der afghanischen Frauen, etwa das Recht auf Bildung und Arbeit und auf ein selbstbestimmtes Leben, sind wichtiger Bestandteil des innerafghanischen Dialogs, der vor über zwei Wochen in Doha begonnen hat. Während die Delegationen der Taliban und der afghanischen Regierung noch immer über Grundsatzfragen und organisatorische Details der Gespräche streiten, haben die Frauen in Afghanistan beim Kampf um ihre Rechte einen bedeutenden Erfolg erzielt.

So kann künftig, neben dem Namen des Vaters auch der Name der Mutter im Ausweis eingetragen werden. Präsident Ashraf Ghani unterzeichnete eine entsprechende Gesetzesänderung.

"Ein großartiger Erfolg"

Lelah Osmani hatte vor drei Jahren unter dem Hashtag #whereismyname die Kampagne für die Namensnennung gestartet. Dies sei ein großartiger Erfolg, sagt die 28-Jährige aus Herat:

"Frauen in Afghanistan werden vieler Rechte beraubt, u.a. des Grundrechts auf den eigenen Namen. Eine Frau wird bei uns nur in Verbindung mit einem Mann definiert. Sie ist entweder die Mutter eines Mannes, seine Frau, seine Tochter oder seine Schwester. Und das beginnt schon im Alter von sieben oder acht Jahren. Die Familienmitglieder tun dann so, als wäre man unsichtbar. Junge Frauen verlieren dadurch ihr Selbstbewusstsein und können sich selbst nicht mehr repräsentieren und entwickeln. Am Ende gehen sie eine Verbindung mit einem Mann ein und akzeptieren diese Form der Unterdrückung."

Namensnennung ist Ehrverletzung

Den Namen einer Frau in der Öffentlichkeit zu nennen, gilt in Afghanistan vielerorts als Ehrverletzung. Auf Geburtsurkunden eines Kindes wird bislang nur der Name des Vaters eingetragen. Sogar bei der Hochzeit, wird auf den Einladungskarten nur der Name des Bräutigams genannt und selbst auf Sterbeurkunden und auf Grabsteinen taucht der Name einer Frau nicht auf, sondern nur der Name des Mannes der Verstorbenen.

Brutale Drohungen

Nicht nur die Taliban, auch andere konservative Kreise in Afghanistan, wollen diese Tradition erhalten. Sie habe seit dem Start ihrer Kampagne zahlreiche Drohungen erhalten, so Lelah Osmani. "Letzte Woche erst hat mir jemand ein Foto von einem Mädchen aus Kandahar geschickt, dem die Haut vom Gesicht abgezogen wurde. Darunter stand, das sei mein Schicksal, wenn ich meine Kampagne nicht einstellte."

Taliban wollen Frauen weiter unsichtbar halten

Und auch die Taliban sind dagegen. Sie haben ihre Unzufriedenheit damit zum Ausdruck gebracht, dass auch der Name der Mutter in Dokumenten genannt werden soll. Der Sprecher der Taliban, Zabihullah Mujahid, sagte, die Taliban würden das nicht akzeptieren.

Die Taliban haben immer wieder bekräftigt, dass sie bereit seien, den Frauen ihre Rechte zuzugestehen. Allerdings müsse dies im Rahmen des islamischen Rechts geschehen, so Khairullah Khairkwah, in einem Interview mit dem arabischen Fernsehsender Al Jazeera. Der frühere Guantanamo-Häftling ist jetzt Mitglied der Verhandlungsdelegation der Taliban.

"Bevor die Amerikaner in unser Land kamen, ging es den Frauen gut. Ich war Gouverneur in Herat und erinnere mich an den Besuch einer UN-Delegation. Sie haben Schulen besucht, für Jungen und Mädchen. Es gab Bildung für Mädchen und Rechte für Frauen. Und vor allem gab es keine Verbrechen während der Zeit der Taliban. Es gab kaum Fälle von sexueller Gewalt oder Belästigung gegen Frauen. Davon will der Westen nichts wissen. Die reden nur von Freiheit. Unsere Freiheit bewegt sich im Rahmen des islamischen Rechts."

Während des islamischen Emirats Afghanistan, das die Taliban von 1996 bis zu ihrem Sturz 2001 führten, durften Mädchen nur die Grundschule besuchen. Frauen durften nicht studieren und auch nicht außerhalb ihres Hauses arbeiten. Auf der Straße mussten sie sich vollständig unter einer Burka verhüllen.

Regierung verspricht, Frauen zu achten

Bei den Verhandlungen mit den Taliban würden die in den vergangenen 19 Jahre erreichten Fortschritte nicht aufgegeben, versprach der Vorsitzende des Hohen Rates für Versöhnung, Abdullah Abdullah. Dafür würden die Frauen in der Verhandlungsdelegation der Regierung sorgen, aber auch andere, so Abdullah in einer Video-Konferenz der US-Denkfabrik "Council on Foreign Relations".

"Afghanistan ist heute ein anderes Land, als vor 20 Jahren. Das gilt für die Jugend, die Frauen, die Zivilgesellschaft insgesamt, die freien Medien, den florierenden Privatsektor. Diese Veränderungen sollten alle Seiten akzeptieren, denn sie sind nicht umkehrbar. Und darüber muss in Doha gesprochen werden. Wir haben Frauen in unserer Delegation, die sich dafür einsetzen. Aber nicht nur diese vier prominenten Frauen, auch andere Mitglieder der Delegation werden für die Rechte der Frauen kämpfen, selbst die islamischen Geistlichen, die Vertreter der Ulema, die zur Delegation gehören."

Frieden wichtiger als Frauenrechte?

Wieviel der heute geltenden Frauenrechte erhalten werden können, ist jedoch ungewiss. Die Taliban haben bislang mit den meisten ihrer Bedingungen für das Zustandekommen des innerafghanischen Dialogs Erfolg gehabt und werden versuchen, auch in allen anderen Streitfragen ihre Maximalforderungen durchzusetzen. Die Gefahr ist groß, dass am Ende die Rechte der Frauen dem wichtigen Ziel - Frieden in Afghanistan - untergeordnet werden könnten.

Afghanistan - Frauenrecht auf Namensnennung
Bernd Musch-Borowska, ARD Neu-Delhi
29.09.2020 00:46 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. September 2020 um 08:20 Uhr.

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