Überreste eines zerstörten Hauses in Gaza-Stadt | dpa

Lage in Nahost "Jeden Tag mehr Tote, mehr Zerstörung"

Stand: 18.05.2021 09:22 Uhr

Im Konflikt in Nahen Osten gehen die Kampfhandlungen von beiden Seiten aus weiter - trotz zahlreicher internationaler Vermittlungsversuche. Die WHO beklagt die Zerstörung der Basisinfrastruktur im Gazastreifen.

Von Kilian Neuwert, ARD-Studio Tel Aviv

Im Nahen Osten geht der gegenseitige Beschuss weiter. Auch aus dem Libanon wurden am Abend Raketen Richtung Israel abgeschossen, so das israelische Militär. Die sechs Raketen seien auf libanesischem Boden niedergegangen und hätten keine Zerstörung in Israel angerichtet. Die Armee habe mit Artillerie zurückgeschossen.

Spannungen im Grenzgebiet zum Libanon

Bereits in den vergangenen Tagen hatte es Spannungen im Grenzgebiet zum Libanon gegeben. Mindestens ein libanesischer Demonstrant wurde durch israelischen Panzerbeschuss getötet. Am Freitag war er über die Grenze gelangt. Zuvor wurden bereits drei Raketenabschüsse aus dem Libanon gemeldet.

In Israels nördlichem Nachbarland kontrolliert die Hisbollah mit ihrer Miliz das Grenzgebiet. Zuletzt hatte es 2006 einen Krieg der beiden Seiten gegeben.

Hisbollah militärisch gut ausgerüstet

Die Hisbollah verfügt internationalen Militärexperten zufolge über ein großes Raketenarsenal. Darunter viele Waffen, die den Raketen, die militante Palästinenser aus Gaza abfeuern weit überlegen sind - an Treffsicherheit, Reichweite und Zerstörungskraft.

Nach eigenen Angaben fing die israelische Armee auch eine Drohne ab, die offenbar von Jordanien aus in Richtung Beit Schean im Norden Israels unterwegs war. Ob die Drohne bewaffnet war, wurde nicht erwähnt.

Unterdessen setzte die israelische Armee ihre Angriffe auf den Gazastreifen fort. Von dort aus feuerten militante Palästinenser Raketen auf israelische Städte im Süden des Landes. Ein israelischer Armeesprecher sagte am Abend: "Den Bürgern Israels sage ich, dass die Armee noch bedeutende Angriffe an weiteren Tagen plant. Gleichzeitig ist mir auch klar, dass diese Angriffe wohl mit einem Raketenbeschuss auf Israel begleitet werden. Es braucht noch etwas Geduld."

Zivilbevölkerung leidet unter Angriffen

Offiziellen Angaben zufolge gilt der israelische Beschuss nach wie vor strategischen Zielen: Hochrangigen Mitgliedern der Hamas, Raketenabschussrampen und Tunneln etwa. Doch auch die Zivilbevölkerung im Gazastreifen leidet unter den Angriffen.

Vor Ort zeigten sich Vertreterinnen des Internationalen Roten Kreuzes und der Weltgesundheitsorganisation besorgt. Die örtliche Leiterin der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Sacha Bootsma, sprach von Schäden an Gesundheitseinrichtungen: "Die Situation wird von Mal zu Mal schlimmer. Jeden Tag mehr Tote, mehr Zerstörung, mehr Schwerverletzte", so Bootsma. "Obendrauf Schäden an Gesundheitseinrichtungen." Am schlimmsten sei die Zerstörung von Basisinfrastruktur. "Das erschwert Schwerverletzten den Zugang zu Gesundheitseinrichtungen."

Laut der Nachrichtenagentur AP wurde auch eine Niederlassung des Roten Halbmonds aus Katar getroffen. Ein Mann und ein zwölfjähriges Mädchen sollen dabei getötet worden sein.

Seit Beginn der jüngsten Kampfhandlungen werden aus Gaza rund 200 Tote und über 1200 Verletzte gemeldet - Kämpfer und Zivilisten. Israel beklagt zehn Tote und mehrere hundert Verletzte.

Meldungen zufolge ist auch das einzige Labor zur Auswertung von Corona-Tests im Gazastreifen außer Betrieb. Laut örtlichen Behörden befand es sich in einer Klinik, die bei einem Angriff teilweise zerstört wurde. Der Gazastreifen gilt als Region mit sehr vielen Corona-Infektionen.

Aufruf zu Protesten

Videoaufnahmen, die in der Nacht über Twitter verbreitet wurden, sollen indessen zeigen, wie sich Palästinenser im Westjordanland versammeln. Zu sehen ist ein Demonstrationszug Dutzender junger Männer. Für den heutigen Tag wurden Palästinenser zu Protesten in dem Gebiet aufgerufen, wie auch israelische Sender berichten: "Sowohl die Hamas als auch die Fatah rufen zu einem Tag des Zorns auf. Sie rufen zu Auseinandersetzungen mit der israelischen Armee an Brennpunkten auf. Und zu einem Generalstreik."

Gerechnet wird mit Protestmärschen in allen größeren Städten, allen voran in Ramallah, und an Kontrollpunkten zwischen dem Westjordanland und Israel.

Als Auslöser für die nun eine Woche andauernden Kampfhandlungen gelten Zusammenstöße zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften auf dem Tempelberg in Jerusalem. Und in einem Viertel im Osten der Stadt, die Muslimen und Juden als heilig gilt.

Alle internationalen Vermittlungsversuche liefen bislang ins Leere, egal ob seitens der USA oder anderer Staaten. Die Aufforderungen, die Kampfhandlungen einzustellen bleiben weiter ungehört.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 18. Mai 2021 um 09:00 Uhr.