Frau geht zu Mülltonnen in Saransk | Bildquelle: Eva Steinlein

Umweltschutz in Russland Von fünf Prozent Recycling auf "Zero Waste"

Stand: 20.11.2019 14:22 Uhr

Umweltschutz ist im größten Staat der Erde keine leichte Aufgabe: Während Moskau den Öko-Lifestyle entdeckt, trennen die meisten Russen nicht einmal Müll. Doch immer mehr zeigt sich, wie drängend die Probleme sind.

Von Eva Steinlein, tagesschau.de, zzt. Saransk/Moskau

Bis vor kurzem gab es in Saransk keine geregelte Müllabfuhr. Das bedeutet: Die 300.000 Einwohner der russischen Provinzstadt, die 2018 als Austragungsort der Fußball-WM bekannt wurde, brachten ihre Hausabfälle und alte Möbel irgendwo in den Wald - oder kippten sie auf eine der illegalen Mülldeponien, die sich mit den Jahrzehnten immer höher türmten.

Müll auf dem Feld vor Ryschows Dorf | Bildquelle: Eva Steinlein
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Viele Russen kippen ihren Müll einfach irgendwohin.

Plastik verrottet nicht und auch der größte Flächenstaat der Erde bekommt irgendwann Platzprobleme, das hat Russland inzwischen begriffen. Denn nicht nur Saransk, sondern auch die meisten Metropolstädte drohen im Müll zu versinken – und mit ihnen das ökologische Gleichgewicht. Dabei schien sich nach dem Ende der Sowjetunion die von Planwirtschaft und Industrie ausgelaugte Umwelt in Russland zunächst zu erholen. "Damals zertrampelte das Vieh die Wiesen. In den harten Neunzigerjahren schlachtete man alle Kühe, um zu essen zu haben - und die Felder und Wälde wuchsen wieder", beschreibt es der Biologe Maksim Ryschow, der seit 15 Jahren in der Region forscht.

Müll für eine größere Artenvielfalt?

In der Folge habe die Artenvielfalt an Insekten, Reptilien und Amphibien in der Region Saransk wieder zugenommen. Für die Tiere sei es sogar von Vorteil, dass auf der Anhöhe vor seinem Dorf jede Menge Abfall herumliegt: Die einheimische Kreuzotter finde darunter einen geschützten Lebensraum. Dagegen, dass sich inzwischen in allen Organismen Plastikrückstände finden, könne man nicht viel tun, meint Ryschow - und räumt dann doch ein, dass es wichtig sei, zumindest nicht aus Plastikflaschen zu trinken. Später entschuldigt sich der Biologe dafür, dass er nach dem Rauchen einen Zigarettenstummel ins Gras geworfen hat.

Maksim Ryschow | Bildquelle: Eva Steinlein
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Der Biologe Maksim Ryschow meint, unter dem Müll fänden Kreuzottern Lebensraum.

Solche Widersprüche kennt die Saransker Ökoaktivistin Julia Arschinowa gut. "In diesem Jahr hat es in Saransk gestunken. Die Bürger haben dem Präsidenten Briefe geschrieben, Flashmobs organisiert - dass es schlecht roch, haben alle bemerkt. Aber dass wir Container zur Mülltrennung haben, versuchen die Leute zu übersehen und werfen alles in einen", sagt sie. "Natürlich wird es stinken, wenn wir uns keine Gedanken über vernünftiges Konsumverhalten und Abfallrecycling machen!"

Mülltrennung ist den meisten Russen neu

Weil Saransk bei weitem kein Einzelfall ist, hat der russische Staat Ökologie zur Chefsache gemacht. Zu Jahresanfang mussten alle 85 Regionen ein Abfallkonzept vorlegen und einen Entsorgungsbetrieb als "regionalen Betreiber" benennen, den sie mit der Umsetzung beauftragen. In Saransk und der umliegenden Region Mordwinien ist die deutsche Firma Remondis zuständig - als einziger ausländischer Regionalbetreiber in Russland.

Swetlana Bigesse, die Direktorin von Remondis | Bildquelle: Eva Steinlein
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Nicht jeder habe verstanden, dass Müllabfuhr etwas kostet, sagt die Chefin der Entsorgungsfirma, Swetlana Bigesse.

Die Firma begann ihre Arbeit damit, einen neuen Fuhrpark an Müllfahrzeugen anzuschaffen und Hunderte Sammelbehälter für Müll aufzustellen: Schwarze für "nasse" Abfälle wie Speisereste, gelbe für "trockene", also Plastik und Papier. "Seitdem wir die neuen Behälter in vielen Kommunen aufgestellt haben, haben die Leute vom ersten Tag an angefangen, sie zu nutzen. Aber nicht jeder hat verstanden, dass man dafür auch bezahlen muss", erzählt Firmendirektorin Swetlana Bigesse.

Bisher schrieb das russische Abfallgesetz nur den Verwaltern von Mehrfamilienhäusern den Anschluss an einen städtischen Entsorgungsbetrieb vor. Nun gilt wie in Deutschland der Anschluss- und Benutzungszwang: Jeder Bürger muss monatlich eine Gebühr von 80 Rubel an den Entsorgungsbetrieb bezahlen. Das ärgert viele. Und auch das Gerücht, dass Mülltrennung nichts bringe, weil ohnehin nur ein Fahrzeug beide Tonnen leere und dann alles auf den gleichen Haufen schütte, hält sich in der Stadt hartnäckig.

Straße in Saransk
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In der russischen Stadt Saransk gibt es erst seit kurzem eine Müllabfuhr.

Remondis macht deshalb PR-Veranstaltungen, verteilt Informationsbroschüren und geht in Schulklassen, um das Konzept von Müll als Wertstoff bekannter zu machen - Pionierarbeit in Russland: Bislang werden dort gerade einmal fünf Prozent aller Abfälle recycelt, der Rest landet auf Deponien, auf denen vielerorts nicht einmal ein Bulldozer den Müll verdichtet.

Die Mülldeponie von Saransk ist 50 Hektar groß und brennt immer wieder, weil beim Verrotten entflammbares Gas entsteht. Sie soll noch mindestens zwei Jahre bestehen, bis der regionale Betreiber eine modernere Müllverwertungsanlage gebaut hat, die den angefahrenen Müll sortiert, Sickerwasser sammelt und aufbereitet und das austretende Gas zur Energiegewinnung nutzt. "Das ist der Standard, den heute die russischen Kommunen leisten können", sagt Bigesse. "In ein paar Jahren wird es vielleicht möglich sein, hochwertigere Technologien einzuführen."

In Moskau ist der Öko-Lifestyle schick

Bis dahin werden die 184 Millionen Russen noch viel Müll produziert haben - und genau darin sehen Ökologieaktivisten wie Julia Arschinowa das eigentliche Problem: "Alle fangen an, die Ursache bei der Regierung zu suchen, aber keiner sagt: Ich war’s", meint sie. "Man schimpft oft auf die Fabriken, dabei haben die strenge Auflagen für ihre Abfälle. Aber niemand spricht aus, dass ich selbst heute zwei Kilogramm Müll weggeworfen habe, der das Wasser, das Erdreich und die Luft verschmutzt, Tiere und Pflanzen tötet und in unseren Organismus gelangt."

Jekaterina Sidenko und Darja Struk im Zerowaste-Shop Moskau | Bildquelle: Eva Steinlein
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In Moskau gilt es als hip, unverpackte Lebensmittel zu kaufen.

In der Hauptstadt Moskau, wo das Problem noch drängender ist als in den Regionen, setzt schon ein Umdenken ein: Dort ist Nachhaltigkeit insbesondere unter jungen Leuten als Lifestyle schick geworden. Jekaterina Sidenko und Darja Struk wurden durch Blogposts auf die "Zero Waste"-Bewegung aufmerksam, die ein abfallfreies Leben anstrebt. Vor kurzem haben die 22 und 21 Jahre alten jungen Frauen den Laden "Kotomka" eröffnet, der unverpackte Lebensmittel, Mehrweggeschirr und Kosmetik verkauft sowie Workshops zum nachhaltigen Leben veranstaltet. Zur Kundschaft gehören vor allem Leute um die 30, die viel gereist sind und bewusst leben wollen - "und auch Anwohner und ein paar Babuschkas, die erst ‘nanu’ denken und dann Amaranth kaufen", erzählt Sidenko schmunzelnd.

Junge Moskauer inszenieren sich als Öko-Kosmopoliten

Die Idee, nur aus Notwendigkeit statt zum Spaß zu konsumieren, kommt auch angesichts stagnierender Einkommen nach fünf Jahren Sanktionen bei vielen an. Und junge Moskauer nutzen den Öko-Lebensstil zugleich, um sich als Kosmopoliten zu inszenieren - in der einen Hand die Jutetasche, in der anderen den Kaffeebecher to go. "Viele Leute fangen davon an: ‘Das ist doch nur ein Trend’ - und wenn schon. Dieser Trend ist doch super", meint Struk. "Wir brauchen nicht fünf perfekte Menschen, sondern lieber sieben, die nicht vollkommen nachhaltig leben, aber diese Idee in ihr Leben einführen, so gut sie können."

Der Kampf um ein umweltfreundlicheres Leben wird die russische Gesellschaft noch lange beschäftigen - und zunehmend auch den Kreml: In Regionen wie der Archangelsker Oblast, wo die Bürger vehement gegen die geplante Mülldeponie "Schijes" demonstrieren, ist das Vertrauen zur Regierung und "denen in Moskau" besonders niedrig. Der Erhalt des Ökosystems könnte also bald zur Machtfrage werden - und spätestens dann wird in Russland rasch gehandelt.

Über dieses Thema berichtete das Erste am 22. September 2019 um 19:20 Uhr im "Weltspiegel".

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