Gesperrte Straße in Mexiko Stadt | Bildquelle: REUTERS

Mexikos Wirtschaft "Zuallererst die Armen schützen"

Stand: 08.04.2020 10:25 Uhr

Viele Staaten greifen jetzt tief in die Tasche, um die Wirtschaft in der Corona-Krise zu stützen. Nicht so Mexiko. Dort will der Präsident vornehmlich armen Menschen Kredite geben. Unternehmen gehen leer aus. Wirtschaftsverbände üben nun harsche Kritik an der Regierung.

Von Anne-Katrin Mellman, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Schwarz-weiß gekleidete Kellner protestieren vor dem Nationalpalast. In der Corona-Krise gehören diejenigen ohne Arbeitsvertrag zu den ersten, die gehen müssen. Sie bitten um staatliche Überlebenshilfe. "Ich bin alleinerziehend, muss Miete bezahlen. Ich lebe von Trinkgeldern, weil ich Bankettkellnerin bin. Aber jetzt gibt es keine Veranstaltungen mehr, keine Hochzeiten, nichts. Ohne diese Einnahmen kann ich nichts bezahlen und meine Tochter nicht ernähren", sagt eine der Demonstrierenden.

Kredite für die Armen statt für Unternehmen

Inwiefern ihr der Staat hilft, ist noch unklar. Er hat sich Sparsamkeit verordnet. Sogar in der Corona-Krise hält der linksgerichtete Präsident Andrés Manuel López Obrador daran fest. Sein Kampf gelte der Korruption, der Ungleichheit und den Neoliberalen, betont er regelmäßig:

"In Krisenzeiten holen sie sich IWF-Kredite und bitten das Volk, den Gürtel enger zu schnallen. In der Krise bitten sie um Steuererleichterungen, um Unternehmens- und Bankenrettungen. Aber das gibt es nicht mehr. Zuallererst müssen wir die Armen schützen."

Er wolle der Krise mit der Schaffung von zwei Millionen neuen Arbeitsplätzen begegnen. Staatsbedienstete müssten Einbußen hinnehmen. Selbständige im informellen Sektor, die von der Hand in den Mund leben, können Kredite beantragen, aber Unternehmen gehen leer aus. Fristen für ihre Steuerzahlungen werden nicht verschoben, Löhne müssen sie im Voraus voll zahlen.

Andres Manuel Lopez Obrador | Bildquelle: SASHENKA GUTIERREZ/EPA-EFE/Shutt
galerie

Präsident López Obrador setzt auf neue Arbeitsplätze

Kritik aus der Wirtschaft

Massive Kritik am Krisenmanagement kommt von Wirtschaftsverbänden wie Coparmex. Dessen Präsident Gustavo Hoyo meint, die mexikanische Regierung vernachlässige ausgerechnet die Unternehmen, die Arbeitsplätze schaffen: "Das ist nicht der Moment, um an ultraorthodoxen Rezepten festzuhalten." Man müsse jetzt investieren, Arbeitsplätze erhalten und verantwortungsvoll Schulden machen.

Aber von Schulden will die Regierung nichts hören. Sie reagiert auch nicht auf einen Zehn-Punkte-Plan, den die Unternehmerverbände vorgelegt haben. Mit dem Eintreten in die zweite Phase der Corona-Krise ordnete sie an, dass nicht wichtige Wirtschaftszweige ihre Aktivitäten einstellen müssen.

Unternehmer: Regierung schwächt Standort

Aber es herrsche immer noch Unklarheit darüber, wer gemeint sei und wer nicht, beklagt der Geschäftsführer der deutsch-mexikanischen Industrie- und Handelskammer Johannes Hauser. Die Kammer hat gerade erst eine ihrer regelmäßigen Konjunkturumfragen durchgeführt.

Das Vertrauen in den Standort Mexiko sei grundsätzlich da, weil viele gute Argumente für Mexiko sprächen, so Hauser. "Leider trägt die Regierung nicht allzu viel dazu bei, die Standortqualität zu sichern oder zu verbessern." Die Anliegen der Privatwirtschaft fänden im Moment überhaupt kein Gehör.

Insgesamt 2000 deutsche Unternehmen und Firmen mit deutscher Beteiligung arbeiten in dem Schwellenland. Mexiko war nicht vorbereitet auf das Coronavirus. Die Wirtschaft befand sich schon vor seiner Ausbreitung am Rande der Rezession. Jetzt stehen die Zeichen auf Sturm.

Mexiko: Corona-Wirtschaftshilfe nur für die Armen – Unternehmen gehen leer aus
Anne-Katrin Mellmann, ARD Mexiko City
08.04.2020 09:30 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 08. April 2020 um 11:31 Uhr.

Darstellung: