Mexikanische Fußballfans im WM-Stadion "Fischt" in Sotschi. | Bildquelle: REUTERS

Mexiko Fußball, Fiesta und Selbstbetrug

Stand: 17.06.2018 08:37 Uhr

Statt zu trainieren, feiert Mexikos Fußball-Nationalmannschaft eine Orgie. Symptomatisch für den Zustand des Landes, meint der Schriftsteller Villoro: Man lenke sich mit Fußball und Fiesta von der Krise ab.

Von Anne-Katrin Mellmann, ARD-Studio Mexiko

Kein Mexikaner glaubt an einen Sieg gegen den Weltmeister. Im Gegenteil: Die Enttäuschung vom eigenen Nationalteam ist groß, weil es in der Nacht vor der Abreise nach Europa eine Party mit Prostituierten gefeiert hat. Der Zustand der Mannschaft spiegele sogar die Krise des Landes, meint der berühmte Schriftsteller Juan Villoro.

Live im Fernsehen streiten sich zwei der wichtigsten Sportreporter Mexikos: Wird die Nationalmannschaft mit Angst in ihr erstes Spiel gehen? Es gebe genug Grund für fußballerische Furcht, meint der ältere. Das müsse man ganz nüchtern sehen.

Manche vertrauen auf gute Geister und verlassen sich auf die Prophezeiung des selbsternannten Ober-Schamanen Antonio Vasquez. In einer Zeremonie fleht der Hexenmeister den Aztekengott Quetzalcoatl, die gefiederte Schlange, an, er möge El Tri - wie die Nationalmannschaft abgekürzt heißt - zum Sieg führen. Am Ende prophezeit er ein eins zu null für Mexiko.

Enttäuschung bei den jungen Fans

Dass die Kräfte der gefiederten Schlange gegen "La Mannschaft" helfen können, bezweifelt Jugendtrainer Iván Vasquez von den Pumitas, den kleinen Pumas. Nach dem Skandal um eine Sexparty der Mexikaner vor ihrem Abflug nach Europa habe sich Enttäuschung breit gemacht. Schwer sei den Kindern und Jugendlichen das Verhalten ihrer Idole zu vermitteln. Während der deutsche Gegner fleißig trainierte, feierte Mexikos Team mit 30 Prostituierten rund um die Uhr.

Iván Vasquez, Trainer der Fußball-Jugendmannschaft "Pumitas".
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Iván Vasquez, Trainer der Fußball-Jugendmannschaft "Pumitas".

"Ich spüre, dass sie das runterzieht", sagt Vasquez. "Die Spieler sind ihre Idole, sie werben für den Sport und für gesunde Ernährung. Aber dann hören die Kinder, dass sie sich betrinken, mit irgendwelchen Frauen zusammen sind, obwohl sie Ehefrauen oder Freundinnen haben."

Die Kinder fänden das zwar nicht gut, aber: "Es kann sein, dass sie denken: Wenn dieser tolle Fußballspieler so etwas macht, ohne bestraft zu werden, kann ich das auch machen. In unserer Gesellschaft ist so etwas normal." Er hätte die Spieler nicht zur WM zugelassen, sagt der Jugendtrainer.

"Unser Enthusiasmus hat mit Ergebnissen nichts zu tun"

Straflosigkeit gehöre leider zu Mexiko, meint der berühmte Schriftsteller und Fußballexperte Juan Villoro. Das Verhalten des Nationalteams zeige den schlechten Zustand der Gesellschaft, den Werteverlust und den Mangel an Disziplin. Trotz allem herrsche große WM-Euphorie.

"Die Leute haben die Fähigkeit zum Selbstbetrug. Wenn wir vernünftige Gründe suchen müssten, unser Team zu unterstützen, gäbe es kaum welche", sagt Villoro. Mexiko gehöre zu den Ländern, die am häufigsten bei Weltmeisterschaften teilgenommen hätten, habe aber schlecht abgeschnitten.

"Unser Enthusiasmus hat mit Ergebnissen nichts zu tun. Der Fußball ist eine Ausrede, um zu feiern. Wir lieben die Fiesta, und das Stadion ist ein Ort der Fiesta", meint der Autor. "Unser Team ist durch den Skandal geschwächt. Einige wenige wurden an den Pranger gestellt. Dadurch herrscht Spannung im Team. Sie sind nicht in guter Form gegen Deutschland."

Die Fans zu Hause fiebern mit ihrem Team und lenken sich damit gern vom Präsidentschaftswahlkampf ab. Am 1. Juli wird gewählt. Dann ist die erste Schicksalsentscheidung für das Nationalteam bereits gefallen, die Vorrunde ist vorbei. Entweder die Spieler sind auf dem bitteren Heimweg - oder auf dem Weg zum Achtelfinale. Das wäre dann für viele Mexikaner möglicherweise wichtiger als der nächste Präsident.

Angst vor dem Spiel gegen Deutschland
A.-K. Mellmann, ARD Mexiko City
16.06.2018 12:35 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 16. Juni 2018 um 06:23 Uhr.

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