Gerichtsmedizinisches Institut | Bildquelle: ARD Mexiko

Deutsche Forensiker Hilfe für Mexikos Leichenschauhäuser

Stand: 04.10.2019 10:32 Uhr

In Mexiko mussten Leichen in Lkw gekühlt werden, weil Kapazitäten fehlten. Anwohner beklagten sich über Verwesungsgeruch, Gerichtsmediziner sind überfordert. Deutsche Forensiker sollen nun helfen.

Von Anne-Katrin Mellmann, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Mehr als 300 Leichen sind in eine der Kühlhallen des gerichtsmedizinischen Instituts von Guadalajara gestopft: in Säcke, manche davon ganz klein, weil sie nur einzelne Körperteile enthalten. Es sind zerstückelte Mordopfer, manche halb verwest, aus Massengräbern geborgen. Das Grauen der Gewalt Mexikos liegt aufgeschichtet in fünfstöckigen Regalen.

Der deutsche Forensiker Christoph Birngruber, der jetzt hier arbeiten soll, bewahrt professionellen Abstand und konzentriert sich bei dem Anblick auf die Unterschiede zu Deutschland: "Wir haben einzelne Kühlfächer und in jedem Fach eine Leiche, und dass mehrere hundert Leichen in einem Kühlraum liegen, ist doch eher die Ausnahme."

Forensiker wollen Chance zur Trauer geben

Die Bundesregierung hat den 37-Jährigen und eine Kollegin für ein halbes Jahr nach Guadalajara im Bundesstaat Jalisco geschickt. Die einheimischen Forensiker können die Leichenmassen nicht mehr bewältigen. 600 nicht identifizierte Tote liegen hier, täglich kommen bis zu 15 hinzu - das sind mehr als untersucht werden können. Personal und Technik fehlen, sogar Kühlung gab es vor einem Jahr nicht mehr.

Dr. Christoph Birngruber | Bildquelle: ARD Mexiko
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"Jeder Fall zählt": Rechtsmediziner Christoph Birngruber arbeitet für ein halbes Jahr in Mexiko.

Deshalb lagerte der damalige Direktor des Instituts Hunderte Tote einfach in Kühl-Lkw aus. Die fuhren so lange durch die Stadt, bis sich Anwohner über Leichengeruch beschwerten. Der Skandal, der die ganze Nation schockierte, zwang die Politik zum Handeln. Das Institut erhielt eine etwas bessere Ausstattung und nimmt die Hilfe der Fachkräfte aus Deutschland an.

Angesichts der unfassbaren Zahlen von 36.000 Morden im vergangenen Jahr und mehr als 40.000 Verschwundenen wollte Birngruber in Mexiko helfen: "Ich habe vermieden, mir Ziele zu stecken, weil die Situation nicht vorhersehbar und mit deutschen Verhältnissen nicht zu vergleichen ist. Wir versuchen, unser Bestes zu geben und wären glücklich, wenn wir ein paar Familien ihre Angehörigen zurückgeben könnten", sagt der Forensiker zu seiner Motivation.

Letztlich zähle jeder Fall. Denn hinter jedem stehe ein Verstorbener, der nicht identifiziert ist und eine Familie, die nicht trauern könne, weil sie keine Gewissheit habe.

119 Tüten mit Leichenteilen

Der Franke hat sich auf die Identifizierung unbekannter Toter spezialisiert. Die ist schwieriger geworden, weil die Täter ihre Opfer immer häufiger in Massengräbern verscharren. Schon 29 solcher Gräber wurden in diesem Jahr in Jalisco entdeckt. Nach dem letzten Fund kamen 119 Plastiktüten mit Leichenteilen im gerichtsmedizinischen Institut an. Das überfordert die Einrichtung, da jedes Teil zweifelsfrei zugeordnet werden muss. Hier sollen die Forensiker aus Deutschland ihr Wissen einsetzen und weitergeben.

Bärbel Kofler | Bildquelle: ARD Mexiko
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Die Straflosigkeit in Mexiko müsse beendet werden, fordert Bärbel Kofler.

Anlässlich ihres Arbeitsbeginns hat die Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung Bärbel Kofler die Gerichtsmedizin besichtigt: "Es ist wichtig auch für die, die hier arbeiten, diese Unterstützung aus dem Ausland zu bekommen, weil sie sonst mit ihrer Tätigkeit auf sehr verlorenem Posten stehen". Daten für Ermittlungen zu erheben, sei eigentlich die Basis für einen Rechtsstaat. "An dem mangelt es in Mexiko leider. Was hier geschieht, ist die Basis, damit irgendwann ordentliche Gerichtsurteile gefällt werden können. Die Straflosigkeit in Mexiko muss bekämpft werden. Ich finde, es ist unsere Verpflichtung, wenn wir helfen können, auch zu helfen", sagte Kofler.

Solange Täter ungeschoren davon kommen, so wie in Mexiko, wo die Straflosigkeit bei etwa 98 Prozent liegt, kann es kein Ende der Gewalt geben.

Mexiko muss Massen von Leichen bewältigen
Anne-Katrin Mellmann, ARD Mexiko-Stadt
04.10.2019 09:03 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 04. Oktober 2019 um 14:38 Uhr.

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