Eine Schwangere mit Corona-Symptomen wird in einem Gesundheitszentrum in Tlapa de Comonfort behandelt. | Bildquelle: AFP

Corona-Krise in Mexiko Zweifel am Staat, Zweifel an Corona

Stand: 22.09.2020 04:21 Uhr

Misstrauen durchzieht Mexikos Gesellschaft. In der Corona-Pandemie wird ihr das zum Verhängnis: Für viele ergibt es Sinn, das Virus zu verleugnen - selbst wenn die Folgen tödlich sind.

Von Xenia Böttcher, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Wie ergeht es Mexiko in der Corona-Pandemie? Internationale Beobachter können sich ein Bild machen, aber das tatsächliche Infektionsgeschehen nur schwer beurteilen. Zum einen wird in Mexiko im internationalen Vergleich verschwindend wenig auf das Virus getestet, trotz Mahnungen der WHO. Zum anderen wollen viele Mexikaner von dem Virus nichts wissen. Mexiko hat kulturell einzigartige Bedingungen, die den Umgang mit der Pandemie prägen.

Der Regierung zu misstrauen, ist tief verwurzelt in Mexiko. "Wir haben gedacht, es sei eine Lüge der Regierung - eine Erfindung, um Panik zu schüren", heißt es oft in Gesprächen. Der mexikanische Politologe Lorenzo Meyer von der Universität Colmex führt die Wurzel dieses Misstrauens bis zur spanischen Eroberung zurück. "Wir werden im Misstrauen geboren", sagt er. "Ziel der Kolonialisierung war die Ausbeutung. Die Menschen erlebten ein Gefühl tiefer Ohnmacht: Was wollen sie mir wegnehmen? Wie wird die Regierung mein Leben negativ beeinflussen?"

Misstrauen gegenüber allen staatlichen Institutionen

Was danach folgte, sei eine Pseudo-Demokratie: Eliten interessieren sich weitestgehend nicht für das Wohlergehen und Vorankommen des gesamten Landes, meint der politische Analyst Falko Ernst vom Think Tank International Crisis Group. Es gehe vielen allein darum, das Meiste für sich selbst rauszuholen.

So durchzieht die Korruption alle Bereiche des öffentlichen Lebens. Vom Verkehrspolizisten, der bestochen werden will, dem Beamten im Rathaus, der ohne Bares keinen Finger krümmt bis hin zu höchsten Politikern, die mit dem organisierten Verbrechen unter einer Decke stecken. "Was Mexikaner im Alltag erleben, führt unweigerlich zum berechtigten Misstrauen gegenüber der Regierung und allen öffentlichen Institutionen", sagt Ernst.

Und dann kommt ein Virus, das man nicht mit eigenen Augen erfassen kann, bei dem man Behörden vertrauen muss. Das kann nicht gut gehen - und die Pandemie nimmt ihren Lauf. Weltweit verbreitete Verschwörungstheorien erreichen das Land und treffen auf eine Bevölkerung, die nur darauf gewartet hat zu erfahren, dass man sie täuscht.

Ein Mitarbeiter des mexikanischen Gesundheitswesens geht in der Stadt Tlapa de Comonfort von Tür zu Tür. | Bildquelle: AFP
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Ein Mitarbeiter des Gesundheitswesens geht in der Stadt Tlapa de Comonfort von Tür zu Tür. Viele Mexikaner verbergen ihre Corona-Infektion lieber - weil sie die Folgen fürchten.

Auf keinen Fall ins Krankenhaus

Umso weniger wollen sie ihre Angehörigen ins Krankenhaus bringen. Denn dort "wird man sie umbringen", heißt es oft. Die Legende, dass Ärzte Patienten totspritzten, zieht im Internet ihre Kreise und verfängt.

Aber auch so würde es kaum einem Mexikaner der Mittelschicht in den Sinn kommen, ins Krankenhaus zu gehen: zu viele Patienten, zu wenig Mittel, sagt Meyer. Krankenpfleger berichten von ihren eigenen Verwandten, die mit einem schweren Verlauf von Covid-19 im Krankenhaus liegen - dort fehlt es überall an Medikamenten.

Bei corona-bedingten Einsätzen des Roten Kreuzes zeigen sich die Konsequenzen des Misstrauens: Viele Mexikaner wollen sich lieber selbst um ihre Angehörigen kümmern, als sie ins Krankenhaus zu bringen - selbst wenn das bedeutet, dass sie sterben. "Für einen Mexikaner ist es schrecklich, ein Familienmitglied alleine sterben zu lassen. Es bedeutet, einen Pakt zu zerstören, eine heilige Pflicht. Er kann nicht alleine bleiben", sagt Meyer. Das führe zu noch mehr Ansteckungen.

Diese Toten gehen niemals in die Corona-Statistiken ein, genauso wenig wie die an Covid-19 erkrankten Mexikaner, die kein Interesse daran haben, positiv getestet zu werden. Das sind vor allem die armen Bürger - mehr als 50 Prozent der Mexikaner leben in Armut. Sie müssen raus zur Arbeit, als Schuhputzer oder Straßenverkäufer. Sie stehen vor der Wahl, den Tod durch das Virus oder vor Hunger zu riskieren. "Darum wollen viele nicht zugeben, Corona-positiv zu sein. Sonst hat man einen wirtschaftliche Schaden, der schwerwiegender scheint als das Virus", sagt Ernst. Das sei ein Grund, es öffentlich zu verstecken.

Eine Familie in San Miguel Amoltepec Viejo in Mexiko. | Bildquelle: AFP
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Eine kinderreiche Familie in San Miguel Amoltepec Viejo. In Mexiko leben oft mehrere Generationen unter einem Dach - das erhöht das Ansteckungsrisiko.

Der Umgang mit Schuld fällt schwer

Wer nach draußen muss, kann sich anstecken und das Virus nach Hause tragen, in dem viele Menschen auf engem Raum leben. Manchmal wünschen Familienmitglieder dann keinen Test für den schwerkranken Vater, der alle Symptome einer Corona-Infektion hat. Sie flüchten sich in andere Erklärungen: Es ist Krebs, es ist Diabetes, es ist das Alter. Wenn es Covid wäre, meint Meyer, würde es bedeuten, dass man im schlimmsten Fall den Tod eines geliebten Menschen verursacht hat. Der Tatsache wolle man nicht ins Auge schauen.

Hinzu komme die Angst vor dem gesellschaftlichen Stigma: "Die Nachbarn reden. Wenn man Covid-19 zugibt, dann wird man stigmatisiert, diskriminiert", sagt Meyer. Da sei es besser, man hat keine ansteckende Krankheit. Das mache es schwer, gegen die Pandemie zu kämpfen. Für viele ist es schlicht sinnvoll, das Virus zu verleugnen - vor sich selbst und vor anderen. Damit verstärken sich Zweifel am Virus. Ein Teufelskreis.

Mexikos Präsident Andrés Manuel López Obrador selbst stellt kein gutes Vorbild da. Er trägt keinen Mundschutz, weil er sagt, dass seine Ehrlichkeit ihn vor dem Virus schütze. Kritische Medien, die die offiziellen Corona-Zahlen hinterfragen, versucht er als interessengesteuert zu diskreditieren.

"Die Regierung hat explizit kein Interesse daran, dass eine wissenschaftliche Realität aufgebaut wird", sagt Ernst. "Sie wollen nicht mehr testen unter dem Vorwand, dass es Verschwendung sei. Intern wissen die Behörden, dass die Situation gravierender ist."

Mehr als 70.000 Corona-Tote hat das Land offiziell. Wie die Zahlen tatsächlich aussehen, darüber lässt sich nur spekulieren. Zu wenige sind an der Wahrheit in Mexiko interessiert.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 31. August 2020 um 05:23 Uhr.

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