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Anschlag in Salisbury "Täterfrage stellt sich womöglich ganz neu"

Stand: 05.07.2018 15:41 Uhr

Ist mangelnde Dekontaminierung oder ein zweiter Anschlag der Grund für die neuen Nowitschok-Vergiftungen? Beides wäre unangenehm für die britischen Behörden, sagt Georg Mascolo im tagesschau24-Interview.

Tagesschau24: Wieder zwei Schwerverletzte, wieder ist Nowitschok im Spiel. Auch der erste Fall um den Doppelagenten Skripal und seine Tochter ist ja noch nicht geklärt. Was könnte hinter diesem neuen Fall stecken?

Georg Mascolo: Zwei Theorien bieten sich an. Und beide wären für die britischen Behörden gleichermaßen unangenehm. Die eine kann sein, dass die Meldung falsch gewesen ist, dass für die Bevölkerung nach dem ersten Anschlag im März keine Gefahr mehr ausgehe - obwohl die britische Regierung erklärt hat, dass man mit sehr großem Aufwand alle Gebiete dekontaminiert habe. Das würde bedeuten, dass sich tatsächlich noch Nowitschok-Reste in der Gegend befinden und möglicherweise auch über die neue Vergiftung hinaus. Die zweite Variante ist allerdings, dass es ein erneuter Anschlag gewesen ist, dass dieses Gift jetzt noch einmal zum Einsatz gekommen ist, vier Monate danach. Dann stellt sich allerdings die Frage nach der Täterschaft ganz neu, weil es sich hier um zwei ganz normale Briten ohne Verbindung ins Geheimdienst-Milieu handelt und schon gar nicht um russische Überläufer. Das heißt, wenn es ein erneuter Anschlag gewesen ist, muss die Frage, wer es eigentlich gewesen ist, beantwortet werden.

alt Georg Mascolo, NDR | Bildquelle: picture alliance / dpa

Zur Person

Georg Mascolo ist ARD-Terrorismusexperte. Unter seiner Leitung kooperieren die investigativen Ressorts von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" themen- und projektbezogen. Die Rechercheergebnisse, auch zu komplexen internationalen Themen, werden für Fernsehen, Hörfunk, Online und Print aufbereitet.

"Abwarten, ob Quelle der Vergiftung gefunden wird"

Tagesschau24: Zum jetzigen Zeitpunkt gehen die britischen Behörden davon aus, dass es kein Anschlag war.

Mascolo: Ja, es gibt erste britische Erklärungen dazu. Man muss aber sagen, dass die britischen Behörden vorher auch gesagt haben, dass es eigentlich undenkbar ist, dass sich in der Gegend noch Nowitschok-Reste befinden. Eben weil ja Spezialeinheiten über Wochen im Einsatz waren. Ich glaube, wir werden jetzt die nächsten Tage und Stunden abwarten müssen, ob jetzt zunächst die Quelle dieser neuen Vergiftung gefunden wird. Die britischen Behörden haben damals früh gesagt: Wir gehen davon aus, dass der Türknopf vergiftet worden ist, wo sich Julia Skripal und ihr Vater dann auch vergiftet haben. Aber man hat nie den eigentlichen Transportbehälter gefunden, womit Nowitschok ganz offensichtlich vorher transportiert worden ist. Es wird interessant sein zu sehen, was man jetzt herausfinden kann, wo die Quelle dieser neuen Vergiftung liegt.

Tagesschau24: Und wie lange hält sich dieses Nowitschok?

Mascolo: Wir wissen über Nowitschok relativ viel, aber die Antworten auf entscheidende Fragen auch wiederum nicht. Es gibt ja nicht nur einen Kampfstoff Nowitschok, sondern Nowitschok ist die Bezeichnung für eine ganze Kampfstoff-Klasse. Das heißt, es wird davon abhängen, welcher dieser Giftstoffe eigentlich eingesetzt worden ist, unter welchen Witterungs- und Temperaturbedingungen und in welcher Konzentration. Über all das weiß man relativ wenig, weil man sagen muss, dass die russischen Behörden sich bis heute weigern zu kooperieren, mehr Informationen über diese einstmals bei ihnen hergestellte Giftstoff-Klasse zur Verfügung zu stellen.

Georg Mascolo, ARD-Terrorismusexperte, zum Nowitschok-Anschlag in England
tagesschau24 12:00 , 05.07.2018

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"Briten haben sich im Fall Skripal zu früh festgelegt"

Tagesschau24: Die Russen haben ja auch immer bestritten, etwas damit zu tun zu haben beim Fall Skripal. Könnte sich daraus nun ein neuer diplomatischer Konflikt entwickeln?

Mascolo: Ja, das muss man jedenfalls befürchten, weil man ja sagen muss: So wie man den russischen Behörden vorwerfen muss, dass sie bis heute nicht die Wahrheit sagen über die Produktion von Nowitschok, so glaube ich, dass sich die britischen Behörden damals sehr früh - ich würde sagen zu früh - festgelegt haben, als sie sagten, das könne letztlich nur russischer Herkunft gewesen sein. Die Briten und viele andere westliche Nationen wussten sehr genau, dass das Geheimnis von Nowitschok seit langer Zeit keines mehr war. Westliche Geheimdienste kannten es. Es gab - beschafft vom deutschen Bundesnachrichtendienst - sogar eine Probe. Die britische Behauptung, weil Nowitschok mal in Russland hergestellt wurde, muss es deshalb auch eine russische Täterschaft geben, war eine sehr frühe und - wie ich glaube - auch kühne Festlegung.

Tagesschau24: Das Paar, das nun von Nowitschok betroffen ist, liegt schon seit dem Wochenende im Krankenhaus. Wie geht es Ihnen?

Mascolo: Das können wir letztlich nicht beurteilen. Das einzige, was wir sagen können, ist, dass alle, auch die britischen Ärzte, die Julia Skripal und ihren Vater behandelt haben, davon überrascht waren, dass beide sich dann doch vergleichsweise schnell erholt haben. Das heißt, man darf die Hoffnung nicht aufgeben, dass auch eine Heilung bei den jetzigen beiden möglich sein wird. Das wird ganz wesentlich davon abhängen, wie früh man die Symptome erkannt hat, wie schnell man dann mit der Behandlung begonnen hat. Und wahrscheinlich auch davon, wie hoch die Konzentration des Nowitschok-Giftes gewesen ist, dem sie ausgesetzt waren.

Tagesschau24: Warum gehen die britischen Behörden jetzt erst an die Öffentlichkeit?

Mascolo: Nach allem, was man bisher weiß, konnten sie sich einen solchen Fall selber überhaupt nicht vorstellen. Am Anfang gab es vielmehr alle möglichen Theorien. Kann es möglicherweise auch mit Drogen zusammenhängen? Dann erst hat sich das Krankenhaus entschieden, Porton Down einzuschalten, die berühmte Forschungseinrichtung, die nahe Salisbury liegt. Da ist dann wiederum festgestellt worden, dass es Nowitschok gewesen ist. Ich muss sagen, dass ich dafür ein gewisses Verständnis habe. Wenn man zwei Menschen mit schweren Symptomen ins Krankenhaus einliefert, dann ist es ja glücklicherweise nicht so, dass man sofort an einen Anschlag mit Giftstoffen denken muss.

Das Interview führte Kirsten Gerhard, tagesschau24

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 05. Juli 2018 um 12:00 Uhr.

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