Ein Teil des Jordantals. | Bildquelle: dpa

Annexion des Jordantals "Israel will uns vertreiben"

Stand: 09.06.2020 12:20 Uhr

Israels Premier Netanyahu will das besetzte Jordantal annektieren. Das wird auch Thema beim Besuch von Außenminister Maas sein. Aber was bedeutet eine Annexion für die Palästinenser vor Ort?

Von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel-Aviv

Der palästinensische Beduine Ali Abu Kbash lebt auf einer Anhöhe in der Nähe des Jordantals. Zu ihm führt nur ein holpriger Feldweg. Es ist heiß, windig und staubig.

Laut dem sogenannten Friedensplan von US-Präsident Trump soll diese Gegend zu Israel gehören. Die neue israelische Regierung um Premier Benjamin Netanyahu könnte bereits im Juli mit der Annektierung beginnen.

Bewaffnete Soldaten am Wegesrand

Plötzlich sind Männer zu sehen. Sie liegen im Staub direkt neben dem Feldweg und sind schwer bewaffnet. Es handelt sich um eine Übung der israelischen Armee. Später werden auch Schüsse fallen.

Die Gegend sei militärisches Sperrgebiet, heißt es von der Armee. Israel begründet seine Präsenz im Jordantal mit Sicherheitsinteressen. Das Land hält das Gebiet seit dem Sechstagekrieg im Jahr 1967 besetzt.

Ali Abu Kbash | Bildquelle: Bejamin Hammer/BR
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Der Palästinenser Abu Kbash geht davon aus, dass er und andere Beduinen vertrieben werden sollen.

Kein Stromnetz, keine Wasserversorgung

Doch der Palästinenser Abu Kbash sagt, dass seine Familie hier bereits seit 1948 lebt und das Land ihm gehört. Auf der Anhöhe hält er Schafe. Er baut auch etwas Getreide an - so gut das eben möglich ist im trockenen Jordantal. Die Beduinen leben in einer Mischung aus Wellblechhütten und Zelten.

"Meine Lage hier wird immer schwieriger. Mir fehlen die wichtigsten Dinge zum Leben. Wir sind hier weder an die Wasserversorgung noch an das Stromnetz angeschlossen. Hier gibt es keine Infrastruktur."

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"Sie erhöhen den Druck, weil sie uns vertreiben wollen"

Vor etwa zehn Tagen wurde Benjamin Netanyahu von der Zeitung "Israel Hayom" gefragt, was mit den Palästinensern im Jordantal geschehe, wenn Israel das Gebiet annektiere. Israels Premierminister entgegnete, dass sie "palästinensische Subjekte" blieben. Er plant also nicht, Menschen wie Ali Abu Kbash die israelische Staatsangehörigkeit zu verleihen.

Damit habe er ohnehin nicht gerechnet, sagt der Palästinenser. "Sie erhöhen den Druck immer weiter, weil sie uns von hier vertreiben wollen", fügt er hinzu. Israel helfe ihm nicht. Und die palästinensische Autonomiebehörde dürfe nicht helfen.

Stall des Bauern Ali Abu Kbash im Jordantal | Bildquelle: Benjamin Hammer/BR
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Mitten in der Wüste: der Hof des Bauern Ali Abu Kbash im Jordantal.

Vize-Gouverneur: Israel erlaubt keine Hilfe

So sieht es auch Ahmad Asad. Der Vize-Gouverneur der palästinensischen Provinz Tubas ist zu Besuch gekommen. Er will zeigen, dass er Menschen wie Ali Abu Kbash nicht vergessen hat. Viel ausrichten kann er aber nicht.

"Wir brauchen für alles eine Genehmigung. Israel hat uns nicht erlaubt, hier etwas aufzubauen. Wir durften noch nicht einmal eine Straße bauen. Wenn wir Zelte für die Menschen hier bringen, müssen wir die praktisch hereinschmuggeln."  

Israel bestreitet, Palästinenser vertreiben zu wollen. Im Fall von Abu Kbash verweist die zuständige Behörde der israelischen Armee jedoch auf das militärische Sperrgebiet. Deshalb seien die Gebäude dort illegal.

Streit über Annektierungspläne

Die Felder des Beduinen befinden sich laut den Oslo-Verträgen in einem sogenannten C-Gebiet. Israel ist hier sowohl für die Sicherheit als auch für die Verwaltung zuständig. Die Annektierungspläne der Israelis - flankiert von der US-Regierung - lehnt der palästinensische Vize-Gouverneur entschieden ab:

"Stellen Sie sich mal vor, ich würde sagen: Washington liegt in Palästina. Würde das irgendetwas ändern? Nein. Denn Washington liegt in den USA. Also: US-Präsident Trump kann ja vieles sagen - dass das Jordantal zu Israel gehört. Aber am Ende des Tages leben wir hier. Auf unserem Land."

Wer sich die Heimat des Beduinen Ali Abu Kbash auf Satellitenaufnahmen anschaut, sieht karges rot-braunes Land: Wüste. Etwas nördlich davon sind grüne bewässerte Felder zu sehen. Sie liegen neben israelischen Siedlungen.

Wilder Osten: Ein Besuch im Jordantal
Benjamin Hammer, ARD Tel Aviv
09.06.2020 10:34 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. Juni 2020 um 05:48 Uhr.

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