Bundesaußenminister Heiko Maas in Pond Inlet in der kanadischen Arktis | Bildquelle: dpa

Klimawandel in der Arktis Steine, wo früher Eis war

Stand: 16.08.2019 23:21 Uhr

Außenminister Maas ist in die kanadische Arktis gereist. Dort rief er dazu auf, den Folgen der Klimakrise mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Nirgendwo sonst seien sie so sichtbar wie in der Arktis.

Von Birgit Schmeitzner, ARD-Hauptstadtstudio

Der Gletscher schmilzt. Aus Tropfen werden Bäche und wird schließlich ein breiter Strom. Braunes Wasser voller Steine und Ablagerungen ergießt sich Richtung Meer. Der Klimaforscher Markus Rex ist einerseits fasziniert, dass er im Nationalpark Sirmilik im äußersten Norden Kanadas die Folgen der Erderwärmung mit eigenen Augen sehen kann. Er ist Wissenschaftler am Afred Wegener Institut für Polarforschung in Bremerhaven und begleitet den deutschen Außenminister Heiko Maas auf dessen Reise in die Arktis. Rex ist aber auch deprimiert: "Da geht im Moment durch das Schmelzen mehr Eis verloren, als durch das ganze Jahr nachgeschoben wird. Das heißt, der Gletscher zieht sich dramatisch zurück."

Früher ragte der Gletscher noch über das Wasser hinaus. Heute muss man fast eine Dreiviertel Stunde lang über eine Endmoräne laufen, bis man die Gletscherkante erreicht.

Maas verweist auf dramatische Auswirkungen

Maas ist nach Sirmilik gereist, um sich ein Bild zu machen. Er sei beeindruckt, sagt er. "An vielen Orten in Europa wird über den Klimawandel diskutiert und gestritten. Und hier sieht man ihn", sagt Maas. Steine lägen dort, wo früher Eis gewesen sei. "Das hat Auswirkungen auf die Menschen, die hier leben, und zwar ganz dramatische", so der Minister.

Schiffsverkehr vertreibt die Tiere

Brian Koonoo ist einer der Ranger, die Maas auf seiner Wanderung begleiten. Koonoo ist Inuit. Er ist hier aufgewachsen. Seit 41 Jahren ist die Gegend rund um das Dorf Pond Inlet seine Heimat. Hier jagt er.

Koonoo erzählt, dass der zunehmende Schiffsverkehr die Tiere vertreibe. Dieser Sommer, so Koonoo, sei der bisher wärmste überhaupt. Wenn er die Berge anschaue - früher seien sie immer weiß gewesen. Jetzt seien sie nackt, ganz ohne Gletscher. Da kommen ihm fast die Tränen.

"Aktionsradius verkleinert sich"

Das Leben der Inuit verändert sich durch den Klimawandel. Auf welche Weise das geschieht, erforscht der deutsche Ethnologe Torsten Diesel. Der Wissenschaftler sagt, dass sich der Aktionsradius der Menschen verkleinere. "Wo es früher die Möglichkeit gab, 100 oder 200 Kilometer die Küste zu seehundreichen Regionen runterzufahren, ist man heute viel stärker limitiert."

Selbst auf dem Eis könne man sich nicht mehr auf das traditionelle Wissen der erfahrenen Jäger verlassen, so Diesel. Die Meereisdicke werde dünner - mit manchmal tödlichem Ausgang. Jedes Jahr würden Jäger sterben, die sich mit ihrem Schneemobil auf zu dünnes Eis hinauswagen und einbrechen.

Bundesaußenminister Heiko Maas mit einem Ranger in Pond Inlet in der kanadischen Arktis | Bildquelle: dpa
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Bundesaußenminister Heiko Maas mit einem Ranger in Pond Inlet in der kanadischen Arktis: "Wir müssen etwas tun."

Hoffnungslosigkeit und Orientierungslosigkeit

Diesel stammt aus dem Saarland - wie Maas. Seit sechs Jahre forscht er in der Arktis. "Es ist ein komplett anderes Leben", so Diesel. Die Jagd und das traditionelle Leben spielten eine sehr große Rolle für die Menschen. Die Jagd bedeute für viele Inuit den Haupterwerb. Viele hätten kein festes Einkommen. Aus der Jagd würden sie ihre Identität und ihr Selbstbewusstsein ableiten.

Diesel sagt, ein großes gesellschaftliches Problem in der Arktis sei die Hoffnungslosigkeit und Orientierungslosigkeit. Noch richte sich der Frust nach innen, davon zeuge auch die hohe Suizidrate gerade unter jungen Menschen. Aber der Tag werde kommen, an dem sich der Ärger nach außen richtet.

Maas hört genau zu. "Das interessiert mich", sagt er. Gerade wenn die Menschen wütend seien darüber, dass sie einen Nachteil erleiden, weil andere auf der Welt so leben wie sie leben.

Territoriale Interessen mehrerer Länder

Auf seiner nächsten Station auf dem Gemeindefest in Pond Inlet spricht der Außenminister mit einem sogenannten Elder, einem Ältesten der Gemeinde. Ein Übersetzer sagt, dass der Sommer früher drei Wochen lang gewesen sei. Heute sei er drei Monate lang.

Das kann man auch als Chance sehen - weil Handelsrouten besser schiffbar sind, weil man an Rohstoffe wie Öl und Gas leichter herankommt. Schnell kommt in der Diskussion die Frage auf: Wem gehört was, und wer nutzt die Chancen und welche militärische Dimension haben die widerstreitenden territorialen Interessen der Länder?

Maas äußert sich vorsichtig optimistisch und bescheinigt den fünf Anrainerstaaten der Arktis - Russland, Kanada, USA, Dänemark und Norwegen - eine "bisher sehr verantwortungsvolle" Herangehensweise. Das Thema wird bald eine Rolle in Deutschland spielen, wenn die Bundesregierung ihre überarbeitete Arktis-Leitlinie beschließt.

Auf der Reise steht für Maas jedoch der Klimaschutz im Vordergrund. "Man kann hier nur zu dem Schluss kommen, dass wir etwas tun müssen", sagt er. "Dafür sind wir alle in der Verantwortung. Sonst werden die Generationen, die nach uns kommen, von der Welt nicht mehr das haben, was ihnen zusteht."

Maas in der Arktis
Birgit Schmeitzner, ARD Berlin
16.08.2019 21:06 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 19. August 2019 um 08:08 Uhr.

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Birgit Schmeitzner, BR

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