Märtyrerplatz im Zentrum von Tripolis

Alltag unter Beschuss Libyer trotzen dem Krieg

Stand: 27.10.2019 17:07 Uhr

In Libyen herrscht Chaos. Zahlreiche Milizen kämpfen um Einfluss. Auch auf die Hauptstadt Tripolis wird geschossen. Die Bewohner fürchten jeden Tag um ihr Leben.

Von Anne Allmeling, ARD-Studio Kairo, zzt. Tripolis

Schwertfische, Goldbrassen, Seeteufel - auf dem Fischmarkt in der libyschen Hauptstadt Tripolis gibt es alles, was das Mittelmeer zu bieten hat. In der gekachelten Halle am Hafen preisen die Händler ihre Ware an, zerlegen die Fische, nehmen sie aus und wiegen sie. Kunden aus der ganzen Stadt ziehen von Stand zu Stand, prüfen die Qualität, vergleichen die Preise - auch Mohammed Al-Biskani und seine Mutter Khadija: "Freunde aus Tunesien kommen zum Abendessen."

Fischhändler mit Sohn
galerie

Fischhändler preisen auf dem Markt ihre Ware an.

Schwertfisch im Angebot
galerie

Die Lebensmittelpreise sind stark gestiegen.

Kuskus mit Fisch wollen sie kochen, weil sie Gäste haben. Den kann sich die Familie nur selten leisten. Denn die Preise für Lebensmittel sind in Libyen stark gestiegen: "Der Krieg ist der Hauptgrund für die hohen Preise und die Wirtschaftskrise. Er beeinflusst unseren Alltag stark. Manchmal müssen wir auf die wichtigsten Dinge verzichten. Der Mangel an Bargeld und die hohen Kosten haben unser Leben sehr erschwert."

Banken haben kaum Geld

Vor den Banken in der Altstadt von Tripolis stehen die Menschen Schlange. Stundenlang müssen sie warten, um selbst geringe Summen abzuheben, denn die Banken haben kaum noch Geld. Das Finanzwesen ist aus den Fugen geraten. Acht Jahre nach dem Sturz von Langzeitherrscher Muammar Al-Gaddafi herrscht Chaos in Libyen. Der Staat sei gescheitert, sagen viele, weil er seinen Bürgern nicht biete, was sie bräuchten: Bargeld, Sicherheit, Rechtsstaatlichkeit, Arbeit, medizinische Versorgung.

Obststand in Tripolis
galerie

Ein Obststand in Tripolis

Ein großes Pflaster klebt unter dem Kinn des jungen Mannes. In Jogginghose und Poloshirt schlurft er über den Klinikflur, wirkt ein bisschen benommen. Erst am Vortag wurden er und einige seine Kameraden in das Krankenhaus eingeliefert, manche schwer verletzt. Ein Kämpfer erzählt: "Ich wurde am Hals verwundet. Ein Splitter hat mich getroffen. Zum Glück war es nicht so schlimm."

Haftar will die Regierung stürzen

Der Patient gehört zu einer bewaffneten Gruppe, von denen es viele gibt in Libyen. Einige Milizen unterstützen die international anerkannte Regierung in Tripolis. Andere kämpfen auf der Seite von Khalifa Haftar. Der wohl mächtigste Milizenführer Libyens will die Regierung in Tripolis stürzen. In den vergangenen Monaten eroberte er weite Teile im Osten und Süden des Landes und rief im April zu einer Offensive auf die Hauptstadt auf. "Ihr heldenhaften Soldaten, jetzt hat die Stunde geschlagen und die Zeit der großen Eroberung ist gekommen. Rückt vor, voll Gottvertrauen. Und betretet die Stadt in Frieden - für die, die Frieden wollen."

Demonstration auf dem Märtyrerplatz
galerie

Demonstration auf dem Märtyrerplatz

Unzählige Geschosse sind seither in Tripolis eingeschlagen, mehr als hundert Menschen ums Leben gekommen. Am Rande der Stadt sind Rauchsäulen zu erkennen, der Gefechtslärm ist kilometerweit zu hören. Viele Einwohner von Tripolis haben bei Gefechten mindestens einen Verwandten, Freund oder Bekannten verloren.

Raketen gehören zum Alltag

Ein junger Mann in einem Bistro am Strand erzählt, dass bei Gefechten in der vergangenen Nacht gleich drei Bekannte von ihm getötet wurden. Facebook sei wie ein Friedhof: voller Accounts von Menschen, die nicht mehr leben. Er überlege, das Land zu verlassen. Auch Khawla macht sich Sorgen: "Angst haben wir nur, wenn wir Raketen in der Nähe hören. Aber die sind schon Teil unseres Alltags geworden. Das Leben muss weitergehen. Wir wissen, dass wir jederzeit sterben können."

Kinder im Hafen von Tripolis
galerie

Kinder spielen im Hafen von Tripolis.

Bistro am Strand | Bildquelle: Anne Allmeling
galerie

Ein Bistro: Ruheplatz am Strand

Die junge Studentin und ihre Freundin schauen aufs Mittelmeer. Sanfte Wellen schwappen ans Ufer, die Sonne scheint - der Ort ist idyllisch. Doch im Hintergrund lauert der Krieg.


Alltag unter Beschuss - Wie Libyer in Tripolis dem Krieg trotzen
Anne Allmeling, ARD Kairo
27.10.2019 15:57 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Darstellung: