Friedhofsmitarbeiter im mexikanischen Nezahualcoyotl heben einen Sarg in ein Grab.

Infektionswelle auf Kontinent Corona-Hotspot Lateinamerika

Stand: 14.06.2020 00:04 Uhr

Während in Europa die Infektionszahlen sinken, zeigt sich in Lateinamerika vielerorts das Gegenteil: Es gibt immer mehr Corona-Fälle und immer mehr Tote. Warum ist das so?

In Lateinamerika steuert die Corona-Pandemie auf einen Höhepunkt zu: Die Infektions- und Todeszahlen steigen in vielen Ländern seit Wochen rasant, die Krankenhäuser arbeiten am Limit.

Besonders betroffen: Brasilien

Mit großem Abstand am stärksten betroffen ist Brasilien. Hier gibt es mehr als 850.000 nachgewiesene Infektionen und rund 43.000 Tote. Weltweit steht das Land in beiden Statistiken hinter den USA auf Platz zwei. Und es ist kein Zeichen der Besserung in Sicht - im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern stiegen die Zahlen zuletzt rasant an. Mitverantwortlich ist laut Kritikern der rechtsradikale Präsident Jair Bolsonaro, der das Virus mehrfach verharmloste, Kontakt- und Hygienebeschränkungen behinderte und zuletzt versuchte, die Veröffentlichung der Infektionszahlen zu verhindern.

Hinzu kommt vermutlich eine hohe Dunkelziffer, etwa in abgelegenen Amazonas-Regionen oder in den extrem dicht besiedelten Favelas der Metropolen Rio de Janeiro und Sao Paulo. Vor Kurzem hoben Aktivisten am Strand von Copacabana 100 symbolische Gräber aus, um gegen das Krisenmanagement der Regierung zu protestieren - und wurden prompt von wütenden Bolsonaro-Anhängern gestört, die die Holzkreuze im Sand umrissen.

Ein Aktivist der NGO Rio de Paz schaufelt am Strand Copacabana Gräber aus während eines Protests gegen den Umgang der Regierung mit der Corona-Krise. | Bildquelle: dpa
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Mit 100 symbolischen Gräbern im Sand protestieren Aktivisten gegen die Politik der brasilianischen Regierung.

Dazu kommt eine schwere politische Krise in dem tief gespaltenen Land. Zwei Gesundheitsminister mussten bereits ihren Posten räumen, bzw traten zurück, weil sie mit Bolsonaro uneins waren, wie der Krise zu begegnen sei. Jüngst drohte Bolsonaro - offenbar US-Präsident Donald Trump folgend - aus der Weltgesundheitsorganisation WHO auszutreten.

Hohe Infektionszahlen

Aber auch andere Länder sind unter Druck. In Chile verzeichneten die Gesundheitsbehörden am Freitag eine Rekordzahl von 222 Toten an nur einem Tag. Darüber hinaus kamen mehr als 6700 Neuinfektionen hinzu. Präsident Sebastián Piñera tauschte wegen des anhaltenden Ärger übers das Corona-Krisenmanagement Gesundheitsminister Jaime Mañalich aus. Obwohl die Hauptstadt Santiago de Chile seit mehr als einem Monat unter Quarantäne steht, war die Zahl der mit dem Coronavirus Infizierten zuletzt in die Höhe geschnellt. Rund 167.000 Menschen haben sich in dem südamerikanischen Land mit dem Virus infiziert, 3101 sind bislang gestorben. Die Kritik an Mañalich hatte sich nach Veränderungen bei der Veröffentlichung der Corona-Daten verstärkt. Ein Bericht, wonach Chiles Gesundheitsministerium die Weltgesundheitsorganisation WHO über weit mehr Corona-Tote informierte als es in der Öffentlichkeit bekanntgab, brachte das Fass zum Überlaufen.

In Mexiko sollen ab kommender Woche einige Beschränkungen gelockert werden - obwohl 5222 Neuinfektionen registriert wurden, so viele wie nie zuvor binnen 24 Stunden. Insgesamt haben sich rund 140.000 Menschen mit dem Coronavirus angesteckt, teilte das Gesundheitsministerium mit. Die Zahl der Todesfälle stieg zuletzt um 504 auf 16.448. Auch hier verdrängte der linke Präsident Andrés Manuel López Obrador lange den Ernst der Situation. Mundschutz trägt der Linkspopulist nur sehr selten, und er verteilt bei großen Ansammlungen Küsse und Umarmungen an seine Anhänger.

Verschärfte Krise in Venezuela

In Venezuela verschärft die Corona-Pandemie die seit Jahren herrschende Versorgungs- und Wirtschaftskrise weiter. Drei Viertel der Venezolaner verfügen laut einer Umfrage über keine ständige Trinkwasserversorgung. Rund 20 Prozent hatten demnach seit mehr als sieben Tagen überhaupt kein Trinkwasser aus den Leitungen erhalten. Hygieneregeln sind unter den Umständen nur schwer einzuhalten. Die UN befürchten eine Hungerkrise und setzen das weltweit ölreichste Land mit Staaten wie Syrien und Afghanistan auf eine Stufe. Selbst Krankenhäuser haben oft weder Strom noch Wasser.

Eine Ausnahme ist Argentinien, das sehr früh reagiert hatte. Schon am 20. März, als es gerade einmal 128 Fälle im Land gab, wurde eine strenge Ausgangssperre verhängt. Über Lockerungen wurde lange nicht einmal diskutiert. Das sorgte dafür, dass die Kurve flach blieb: Mit rund 800 Toten steht Argentinien wesentlich besser da als andere Länder des Kontinents.

Ein Mann mit Schutzmaske geht an einem Graffiti in Rio de Janeiro vorbei. | Bildquelle: REUTERS
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In Venezuela sind Hygienemaßnahmen oft gar nicht möglich - weil es an Wasser fehlt.

Schlechte Regierungen und Gesundheitssysteme

Warum trifft die Pandemie den Kontinent so hart? Adveniat, das Lateinamerika-Hilfswerk der katholischen Kirche, erklärt, in der Region kämen mehrere Probleme zusammen: "Armut, verantwortungslose Regierungen und schlecht ausgestattete Gesundheitssysteme" seien die wichtigsten Faktoren, die die starke Ausbreitung des Virus begünstigten.

Dazu kommt laut der Hilfsorganisation "Brot für die Welt" die Tatsache, dass in manchen Ländern bis zu 70 Prozent der Menschen im informellen Sektor arbeiten. Sie hätten bei Krankheit oder genereller wirtschaftlicher Probleme keinerlei Absicherung. Oft seien sie trotz Beschränkungen gezwungen, arbeiten zu gehen, da sie sonst existenzielle Nöte bekämen. Auch die UN-Wirtschaftskommission warnt, dass rund ein Drittel der Bevölkerung Lateinamerikas in Folge der Corona-Krise unter die Armutsgrenze fallen könnte.

Mit Informationen von Ivo Marusczyk, ARD-Studio Buenos Aires

Corona in Argentinien: Läufer im Kreuzfeuer der Kritik
Ivo Marusczyk, ARD Buenos Aires
13.06.2020 12:37 Uhr

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Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 13. Juni 2020 um 13:00 Uhr.

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