Hilfskräfte transportieren nach dem Erdbeben in Zagreb einen Verletzten auf einer Trage | AP

Kroatien Ein Beben in Zeiten von Corona

Stand: 22.03.2020 21:59 Uhr

Nach dem schweren Erdbeben halten sich viele Menschen in Zagreb im Freien auf - bei Temperaturen knapp über dem Nullpunkt. Dabei sollen sie wegen des Coronavirus eigentlich daheim bleiben.

Von Andrea Beer, ARD-Studio Wien

Die mächtige Kathedrale in Zagreb gehört zu den höchsten Gebäuden in ganz Kroatien, ihre beiden neugotischen Steintürme ragen hoch über die Stadt. Durch die Erdbeben ist einer der Türme abgebrochen und mehr als 100 Meter in die Tiefe gekracht. Die heftigsten Beben seit 140 Jahren hatten je nach Quelle eine Stärke zwischen 5 und 5,5 - und sie treffen Kroatien in einer hochsensiblen Situation. Aufgrund des Coronavirus wurde auch hier das öffentliche Leben eingeschränkt und Ausgangsbeschränkungen verhängt.

Andrea Beer ARD-Studio Wien

Doch wegen der Erdbeben rannten viele Menschen auf die Straße. Auch diese Frau ist erschüttert. Das Erdbeben habe sie am Morgen überrascht. "Ich habe gerade Kaffee getrunken und den Rosenkranz gebetet, als Trümmer auf mich heruntergefallen und die Wände geborsten sind. Meine Wohnung ist ein Desaster."

17 Menschen wurden verletzt, berichten kroatische Medien mit Bezug auf das Innenministerium.Lediglich ein 15-jähriges Mädchen liegt im Krankenhaus, es wurde schwer verletzt aus den Trümmern ihre Wohnhauses geborgen und schwebt in Lebensgefahr. Rund 1000 Menschen können vorerst nicht in ihre Häuser zurück.

Doppelt getroffen

Regierungschef Andrej Plenkovic sprach von "zwei Krisensituationen, die im Widerspruch zueinander stehen. Die Botschaft hieß: 'Bleiben sie zu Hause', doch im Moment haben wir es mit kleineren Nachbeben zu tun, die sich seit dem ersten und stärksten Beben heute Morgen ereignet haben."

Plenkovic rief alle Bürger dazu auf, vorsichtig zu sein. In Zagreb sollten sich die Bürger fürs Erste vor ihren Wohnhäusern aufhalten - trotz der kalten Temperaturen.

Mehr als 60 Gebäude seien beschädigt worden, vor allem alte Häuser in der Zagreber Innenstadt. Auch die Geburtsklinik Petrova musste evakuiert werden; verzweifelte Mütter hielten auf der Straße ihre Neugeborenen auf dem Arm. Wer vorerst nicht in sein Haus oder seine Wohnung zurück kann, kommt in einem Studentenwohnheim unter, das geräumt werden soll.   

Die Leiterin der kroatische Anstalt für Notfallmedizin, Maja Grba Bujevic, gab Betroffenen den Rat, sich warm anzuziehen und einen Schal über den Mund zu ziehen - "sonst bekommen wir ein noch größeres Problem als ohnehin schon. Die Menschen haben es schwer und wir verstehen das. Alle haben das Bedürfnis, in der schwierigen Situation zusammenzukommen. Aber bitte halten Sie sich an die Maßnahmen, die wir vorgeschrieben haben."

In Zagreb sitzen Bürger nach dem Erdbeben in Decken auf der Straße | ANTONIO BAT/EPA-EFE/Shutterstock

Mit Decken schützen sich Bürger in Zagreb nach dem Erdbeben gegen die Kälte. Bild: ANTONIO BAT/EPA-EFE/Shutterstock

Neue Kritik an Atomkraftwerk

Nördlich von Zagreb waren die Erdbeben auch in angrenzenden Ländern zu spüren. In Ungarn, in Österreich und Slowenien. Dort steht das kroatisch-slowenische Atomkraftwerk Krsko. Laut Betreiber gab es keine Störungen.

In Österreich wiederholten Politiker allerdings erneut ihre Kritik an dem AKW. Unter anderem die steirische Umweltministerin und der Kärntner Landeshauptmann Kaiser kritisierten, dass Slowenien am Weiterbetrieb festhalte.

Ein Mann aus Zagreb sorgt sich im Moment um etwas ganz anderes: "Coronavirus und Erdbeben - was kommt denn als nächstes? Der Mensch ist so machtlos in diesen Dingen. Wir sind so klein. Ich hoffe einfach, dass es aufhört."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 22. März 2020 um 17:15 Uhr.