Kramatorsk | ARD-Studio Moskau
Reportage

Kramatorsk in der Ostukraine "Uns hat man die Angst abgewöhnt"

Stand: 09.01.2022 17:17 Uhr

Bei den morgigen USA-Russland-Gesprächen wird es um die Ostukraine gehen. Dort leben die Menschen mit der Gefahr einer russischen Invasion. Viele sind daher mürbe - Kriegsangst ist aber nicht zu spüren.

Von Demian von Osten, ARD-Studio Moskau, zzt. Kramatorsk

Als sich der Kramatorsker Lokaljournalist Oleksij Ladyka die behördliche Karte für Schutzräume vor Angriffen ansah, war er einigermaßen schockiert: "Auf der Karte sieht man seltsame Dinge", erzählt Ladyka, der für die Zeitung "Kramatorsk Post" arbeitet.

Demian von Osten ARD-Studio Moskau

Zum Beispiel gebe es einen Schutzraum auf dem Gebiet einer Brotfabrik - "die gibt es aber längst nicht mehr. Sie ist eine Ruine." Und viele Schutzräume auf der Karte seien mit Wasser vollgelaufen, also unbrauchbar. Hinzu komme, dass es in vielen Stadtvierteln gar keine solche Räume gebe.

Kramatorsk ist eine Stadt von 150.000 Einwohnern und liegt nur etwa 50 Kilometer von der Frontlinie entfernt - eine typische Industriestadt im Donbass: Fabriken stoßen Rauchsäulen in den tristen Januar-Himmel, nasser Schnee liegt dreckig in den Straßen.

Lokaljournalist Oleksij Ladyka in Kramatorsk | ARD-Studio Moskau

Hat recherchiert, dass Kramatorsk auf einen möglichen Angriff schlecht vorbereitet ist: Lokaljournalist Oleksij Ladyka. Bild: ARD-Studio Moskau

Freiwilligenverbände, die nicht existieren

Die Stadt hat eine Militärbasis, Soldaten laufen gelegentlich durch die Straßen, einzelne Militärfahrzeuge sind zu sehen. Doch von Kriegsangst ist hier nichts zu spüren. Und die Stadt scheint auf einen möglichen neuen Angriff nicht vorbereitet, erzählt Lokaljournalist Ladyka. "Ich hatte gelesen, dass es Freiwilligenverbände zur Verteidigung der Stadt bei uns geben sollte. Aber dann stellte ich fest, dass diese Verbände nicht existieren."

Russland sagt, man habe keine Invasion in die Ukraine geplant. Aber während im Westen die Furcht davor groß ist, scheinen die Ukrainer selber gelassen zu bleiben. Warum?

Journalist: Der Krieg von 2014 geht weiter

Ladyka erinnert daran, dass es längst eine russische Invasion in der Ukraine gebe: Gemeint ist die Annexion der Krim, die über ein unter Waffengewalt erzwungenes Referendum passierte, und der Krieg im Osten der Ukraine, organisiert durch Anführer aus Moskau und mit militärischer Unterstützung aus Russland.

"Putin hat uns 2014 angegriffen, vor acht Jahren", sagt Ladyka. “Und dieser Krieg geht bis heute weiter. Man tötet uns, greift uns an und zerstört unsere Häuser."

Fast wöchentlich Tote an der Front

An der Frontlinie, 50 Kilometer weiter, spüren sie das stärker als in Kramatorsk. Fast wöchentlich sterben Menschen, täglich registrieren die Beobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) Explosionen. Bewaffnete, von Russland unterstützte Rebellen verweigern den Beobachtern immer wieder die Zufahrt in frontnahe Orte wie Solote oder Molodischne.

Der Krieg hat seit 2014 nach Angaben der ukrainischen Regierung 14.000 Menschen das Leben gekostet. Mehrere von ihnen waren Freunde von Eduard Kulinitisch. Der ehemalige Soldat hat in seinem Handy noch 70 Telefonnummern von Bekannten, die durch den Krieg ihr Leben verloren haben. Er will sie nicht löschen, will sie nicht vergessen.

Der ehemalige Soldat Eduard Kulinitisch in Kramatorsk | ARD-Studio Moskau

Kam bei einem Gefangenenaustausch frei: der ehemalige Soldat Eduard Kulinitsch. Bild: ARD-Studio Moskau

Als Gefangener Schreckliches erlebt

Als Kramatorsk 2014 von bewaffneten Rebellen besetzt war, half er noch als Freiwilliger. Er wurde von bewaffneten Rebellen gefangen genommen. "Ich habe in Gefangenschaft so viel durchgemacht, dass ich das niemals jemandem verzeihen kann", sagt Kulinitsch.

Auf dem Weg zum Verhör mussten wir an Kämpfern oder irgendwelchen Leuten vorbeigehen, die einfach auf uns eingeprügelt haben. Oder sie konnten dir die Zähne ausschlagen. Und wenn du dann noch dein Verhörprotokoll gelesen hast, schon unterschrieben, und da stand: erschießen. Ich hatte eine Horror-Nacht! Ich war sicher, dass man uns am folgenden Morgen erschießen würde.

Doch Kulinitisch hatte Glück: Weil der Sohn eines Rebellenkommandanten in ukrainischer Gefangenschaft war, kam er mit Kameraden bei einem Gefangenenaustausch frei.

Die Ukraine sollte NATO-Mitglied werden, sagt Kulinitisch. In Umfragen teilt eine knappe Mehrheit der Bevölkerung diese Meinung. In Kramatorsk gebe es Menschen, die ihre Grundstücke abgeben würden, damit die NATO dort eine Raketenbasis aufbaut. "Ein Bekannter hat 700 Quadratmeter Land: 'Wenn das reicht, kann ich das hergeben', sagt er. Niemand hier will, dass sich 2014 wiederholt."

NATO-Mitgliedschaft als Verfassungsziel

Die Ukraine hat eine NATO-Mitgliedschaft als Ziel in die Verfassung geschrieben - doch Russland läuft Sturm dagegen und verlangt Sicherheitsgarantien, darunter einen Ausschluss einer weiteren NATO-Osterweiterung bis zur Ukraine. Doch in der Ukraine sehen viele die NATO-Mitgliedschaft als einzige Möglichkeit, sich dauerhaft vor "russischer Aggression", wie sie es hier nennen, zu schützen.

2014 wurde Kramatorsk selbst von bewaffneten Rebellen besetzt. Viele Einwohner haben die Zeit in schlimmer Erinnerung. Erst nach über zwei Monaten Gefechten übernahmen ukrainische Einheiten wieder die Kontrolle.

Das dauerhafte Leben mit der Bedrohung könnte der Grund sein, warum die Menschen hier weniger unmittelbare Angst vor einer neuen russischen Invasion haben. "Wir haben schon aufgehört, Angst zu haben", sagt Kulinitsch. "Uns hat man die Angst abgewöhnt."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. Januar 2022 um 19:00 Uhr.