Francia Marquez | EPA
Porträt

Politikerin Márquez Die Stimme der armen Kolumbianer

Stand: 27.05.2022 05:12 Uhr

Mit 16 Jahren ungewollt Mutter, danach Haushälterin und nun Vizepräsidentin? Francia Márquez verkörpert die Sehnsucht vieler Kolumbianer nach einem Politikwechsel. Sie will den Niemanden eine Stimme geben.

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Rio de Janeiro

"Guten Abend Cali, Hauptstadt des Widerstandes", ruft Francia Márquez von der Bühne - der Klang der Marimba, dem Holzschlaginstrument der kolumbianischen Pazifikregion, begleitet sie.

Es ist an der Zeit, uns an den Händen zu fassen - Schwarze, Indigene, Menschen vom Land und aus den Armenvierteln. Es ist Zeit, vom Widerstand zur Macht überzugehen.
Anne Herrberg ARD-Studio Rio de Janeiro

Die Stimme der Niemande will Geschichte schreiben

Márquez ist der eigentliche Star der Präsidentschaftswahl in Kolumbien. Bei den Vorwahlen im März erzielte sie innerhalb des Linksbündnisses "Historischer Pakt" das zweitbeste Ergebnis nach Spitzenkandidat Gustavo Petro.

Aufgewachsen ist sie in der Cauca-Region, wo bis heute die Kokaplantagen sprießen und bewaffnete Banden, Guerilleros und Paramilitärs um die Kontrolle kämpfen. Mit 16 wurde sie ungewollt Mutter, später arbeitet sie als Hausangestellte. Nun könnte Márquez Kolumbiens Vizepräsidentin werden, als erste schwarze Frau in dem Amt. "Ich bin die Stimme der Niemande", sagt sie. 

Es gibt viele Niemande, die bereit sind, eine neue Geschichte für Kolumbien zu schreiben. Die Elite, die uns zu Hunger, Misere und Tod verurteilt, denkt, die Politik sei ihr Gutshof. Lasst uns gemeinsam den strukturellen Rassismus brechen, der diesem Land das Atmen verwehrt und uns mit den Knien im Nacken festhält.
Francia Marquez | EPA

Márquez tritt an der Seite des linken Präsidentschaftskandidaten Gustavo Petro an. Der frühere Bürgermeister der Hauptstadt Bogotá und Ex-Guerillero will am 29. Mai einen Politikwechsel herbeiführen. Petro führt in Umfragen mit 38 Prozent deutlich vor dem Konservativen Federico Gutiérrez, der auf rund 24 Prozent kommt. Bild: EPA

"Sie ist die erste, die unsere Sprache spricht"

Ihre Kritik an der sozialen Ungleichheit im Land, dem Rassismus, Klassismus und der Korruption hält Kolumbien einen unbequemen Spiegel vor. Schon im vergangenen Jahr explodierte der Unmut über die Missstände im Land - bei massiven Sozialprotesten gegen die rechte Regierung von Ivan Duque.

Während der Corona-Pandemie ließ sie die Menschen allein. Auch Janaina* Carabali ging damals auf die Straße, sie hatte ihren Job verloren, ihre Familie litt Hunger: "Márquez ist die erste, die unsere Sprache spricht", sagt die 24-Jährige. "Sie erfüllt mich mit Stolz, weil sie stolz auf ihre Herkunft ist", sagt sie. Und Márquez kenne die Realität des Landes - die Diskriminierung, Ungerechtigkeit und Gewalt. "Sie ist der Wandel, ein Vorbild, für eine ganze Generation." 

Der Ursprung von Márquez' Engagement

Carabali ist Afrokolumbianerin, ihre Familie kommt aus der derselben Region wie Márquez. Heute leben die Carabalis in einem Armenviertel nahe Cali, sie wurden von der Gewalt vertrieben, wie Millionen in Kolumbien. Janainas Onkel Jorge* ruft eine Karte auf dem Handy auf: Dort, wo heute ein Stausee eingezeichnet ist, lag einst ihr angestammte Land, die Carabalis sind wie Márquez Nachfahren von Sklaven. Sie lebten vom Ackerbau und von Goldwaschen im Fluss, auch Francia habe damals immer mit Sieb und Blechschüssel im Wasser gestanden.

"Als die vom Stauwerk kamen, sagten die Leute, dass sie ihr Land nicht verkaufen wollen. Der Damm wurde dann trotzdem gebaut - all unser Land ist heute unter Wasser. Wir wurden vertrieben und bis heute nicht entschädigt", berichtet Jorge Carabali. "Da beginnt Francias Geschichte, sie gründete einen Gemeinderat und protestierte gegen die Konzerne, die uns von unseren Territorien vertrieben haben."

 Márquez sorgt für Unbehagen bei den Eliten

13 Jahre war Márquez, als sie erstmals zum Widerstand aufrief: zuerst gegen das Staudammprojekt, dann gegen illegale Goldsucher, dann gegen multinationale Bergbaukonzerne. Sie studierte Jura und marschierte mit 80 Frauen in die Hauptstadt, um zu protestieren.

Für ihr Engagement wurde sie später mit dem renommierten Goldmann-Preis für Umweltschutz ausgezeichnet. Gleichzeitig bekam sie Morddrohungen, überlebte 2019 nur knapp einen Anschlag. Für ihre Gegner bleibt die Umweltaktivistin und Bürgerrechtlerin bis heute ein rotes Tuch, doch ist etwas in Bewegung geraten in dem von Gewalt und Konservatismus geprägten Land.

Wenn ich mich an die Regeln gehalten hätte, würde ich heute in der Küche eines wohlhabenden Hauses Geschirr spülen. Das ist es, was bei einem Teil der Elite für Unbehagen sorgt: dass eine ehemalige Haushälterin sie bald regieren könnte." 

Ihre gemäßigteren Kritiker warnen: Márquez hätte noch nie ein politisches Amt innegehabt, sie spalte das Land, sei zu zornig. Doch es ist etwas in Bewegung geraten in Kolumbien. Die Rechte, die das Land die vergangenen Jahrzehnte regierte, hat mit ihrem klassischen Law-and-Order-Diskurs an Glaubwürdigkeit verloren. Nun ist die Sehnsucht nach einem Politikwechsel überall in Kolumbien zu spüren - und niemand symbolisiert ihn besser als Márquez.

* Namen aus Sicherheitsgründen geändert

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 27. Mai 2022 um 01:15 Uhr.