Der dreijährige Saeed in Tel Abiad (Quelle: Save the children/dpa) | Bildquelle: dpa

Studie vorgestellt Syriens Kinder unter toxischem Stress

Stand: 07.03.2017 01:12 Uhr

Seit sieben Jahren herrscht in Syrien Bürgerkrieg - Millionen Kinder kennen nichts anderes. Aber was bedeutet dieser endlose Horror für sie? Eine Studie hat sich mit den fatalen psychischen Folgen beschäftigt.

Von Kai Clement, ARD-Studio New York

Der kleine Saeed guckt dem Leser von dem Deckblatt der Studie entgegen. In seinen erst drei Lebensjahren habe er bereits Unfassbares gesehen, sagt Sonia Khush von Save the Children: "Saeed wurde leider zusammen mit seiner Familie gezwungen, eine Enthauptung anzusehen." Sein Vater habe erzählt, dass Saeed jetzt nur noch tagsüber schlafen könne. Nachts schreie er vor Panik, dass jemand versuchen könnte, ihn umzubringen. Was Sonia Khush erzählt, ist ein entsetzliches Erlebnis von vielen Hundert.

Mit 458 Menschen sprach die Organisation Save the Children nach eigenen Angaben von Dezember bis Februar in den Gebieten, zu denen sie überhaupt Zugang habe. Darunter Aleppo, Damaskus oder Homs. Ganz überwiegend waren es Teenager, aber auch Gruppen jüngerer Kinder oder Gespräche mit Sozialarbeitern.

Nun hat die Hilfsorganisation die Studie "Unsichtbare Wunden" bei den Vereinten Nationen in New York vorgestellt. Sie ist zwar nicht repräsentativ, aber nach Angaben der Helfer die größte und umfassendste Studie zu den psychischen Folgen des Syrienkrieges für Kinder.

Kinder klettern auf den Trümmern der schwer beschädigten Großen Umayyaden-Moschee in Aleppo | Bildquelle: dpa
galerie

Eine verlorene Generation? Jugendliche klettern auf den Trümmern der schwer beschädigten Großen Umayyaden-Moschee in Aleppo.

Aus dem Horror wird "toxischer Stress"

Saeeds Horror durch die Hinrichtung bezeichnen Experten als so genannten "toxischen Stress", die schlimmste Form von Stress für Kinder durch extreme, "giftige" Belastungen, die die Entwicklung des Kindes nachhaltig gefährden können.  Mit Folgen wie Sprachstörungen, Bettnässen und Alpträumen.

Schlimmer noch: Andauernder toxischer Stress könne lebenslange Auswirkungen haben. "Wenn er nicht behandelt wird, kann das die Risiken von Herzkrankheiten erhöhen, von Drogenmissbrauch, Depressionen und anderen körperlichen und geistigen Gesundheitsproblemen bis ins Erwachsenenalter“, sagt Carolyn Miles, die Chefin der Hilfsorganisation. Drei Millionen Kinder seien in Syrien während des Krieges geboren worden: "Drei Millionen, die nichts anders kennen als Krieg."

Sechs Jahre dauert der nun schon an. Für Save the Children heißt das, eine verlorene Generation zu fürchten. Ohne Ausbildung - jeden Tag hätten Angriffe im Schnitt fast zwei Schulen getroffen. Ohne intakte Familie - denn zwei Drittel der Kinder hätten berichtet, Angehörige verloren und Kriegsverletzungen oder Bombenangriffe erlebt zu haben. Ohne Zuversicht - mehr als drei Viertel der Kinder sagen der Studie zufolge, sie spürten Schmerz oder extreme Traurigkeit gelegentlich oder immer. Viele nähmen Drogen gegen den Kriegsstress.

"Wenigstens habe ich noch ein Bein"

Rolla von der Partnerorganisation Syria Relief erzählt von dem neunjährigen Muhammed: "Er wollte Schokolade für seine Geschwister und sich selbst kaufen. Auf dem Weg zurück nach Hause verlor er bei einem Angriff ein Bein. Als wir mit ihm sprachen, lächelte er: 'Wenigstens bin ich einer der Glücklichen, der das zweite Bein noch hat und mit Krücken laufen kann', sagte er." Bei der Attacke habe er auch zwei Geschwister verloren. Auch das habe er mit einem Lächeln erzählt.

Für Rolla belegt das, wie der Krieg nicht nur Menschen, Schulen und Wohnhäuser vernichtet, sondern auch Gefühle. "Unsere Kinder in Syrien weinen nicht mehr", sagt sie. "Sie weinen nicht, wenn sie es sollten. Tod wird etwas so Normales, dass sie mit einem Lächeln im Gesicht darüber reden. Das führe bis hin zu Selbstmorden und -versuchen.

Sonia Khush von Save the Children berichtet aus der von Regierungstruppen belagerten Stadt Madaja von sieben solcher Versuche unter Jugendlichen in nur zwei Monaten des vergangenen Jahres. Als ein 15-Jähriger erfahren habe, dass sein Vater getötet wurde habe er sich mit einem Schal umgebracht, um seinen Vater im Himmel wiederzusehen.

Kinder vor Ruinen in Al-Bab | Bildquelle: AFP
galerie

"Tod wird etwas so Normales, dass sie mit einem Lächeln davon erzählen": Kinder vor Ruinen in Al-Bab.

Bekannte Forderungen ohne Konsequenzen

Die Forderungen sind bekannt: ein sofortiger Stopp der Angriffe auf Zivilisten, Schulen und  Krankenhäuser, ein Ende der Belagerungen und Zugang für Helfer. Seit Jahren finden sie kein Gehör. Am Freitag endeten die UN-Friedensgespräche wieder einmal ohne Ergebnis - außer dem, weitere Gespräche zu führen.

Bis dahin spielen Kinder in Syrien Krieg - mitten im Krieg. Sie nähmen dazu Metallstangen und behaupten, es seien Gewehre, sagt Khush.

Wenn man nichts anderes als Krieg kennt: Kinder in Syrien
K. Clement, ARD New York
07.03.2017 00:23 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 07. März 2017 um 04:43 Uhr.

Darstellung: