Das abgebrannte Gebäude in Karatschi (Archiv). | Bildquelle: dpa

KiK vor Gericht "Die Opfer saßen in der Falle"

Stand: 29.11.2018 05:36 Uhr

2012 brannte im pakistanischen Karatschi eine Textilfabrik, mehr als 250 Menschen starben. Nun klagen Betroffene in Deutschland gegen den Textildiscounter KiK.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Keine Notausgänge, vergitterte Fenster, keine Sprinkleranlage, keine Feuerlöscher, ein geschlossener Haupteingang. 15 Stunden brauchten die Feuerwehrmänner, um die Flammen zu löschen. Ein Vater saß stundenlang vor der Fabrik und schrie nach seinem jüngsten Sohn. "Sie holen so viele Tote aus der Fabrik. Wo ist mein Sohn?", rief er. "Wo ist mein kleiner Junge?"

Für mehr als 250 Menschen wurde die Fabrik "Ali Enterprises" zur Todeshölle - viele erstickt am giftigen Rauch, denn leicht entflammbare Baumwolle lag wohl gleich neben Chemikalien. Das beschleunigte den Brand noch einmal mehr. Die meisten leblosen Körper waren völlig verkohlt.

Nur die Arbeiterinnen und Arbeiter aus den obersten Stockwerken konnten sich retten, sie sprangen vom Dach, viele brachen sich dabei die Knochen. Auch die Helfer konnten das Grauen kaum fassen. "Es gab in dieser Fabrik weder Sicherheitsvorkehrungen noch Rettungswege", so ein Polizist. "Die Opfer saßen in der Falle. Es gab offenbar nur den Weg durch die Fenster, aber von denen waren sehr viele vergittert. Unter den Opfern sind auch Frauen und Kinder."

Brennende Textilfabrik in Karatschi
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Brennende Textilfabrik in Karatschi

Prozess könnte richtungsweisend sein

Es war der größte Industrieunfall in der Geschichte Pakistans. Erst einige Tage später kam heraus: "Ali Enterprises" lieferte vor allem für den europäischen Markt, eine der wichtigsten Abnehmer war der Textilkonzern KiK.

Ab heute klagen mehrere Hinterbliebene der Opfer in Deutschland gegen den Discounter auf Schadensersatz. Der Prozess kann richtungweisend sein: Erstmals könnte ein deutscher Konzern für Verfehlungen bei der Arbeitssicherheit in einer Fabrik, die ihm gar nicht gehört, zur Verantwortung gezogen werden.

Neue Gesetze - nicht umgesetzt

Dadurch, dass KiK ins Spiel kam, wurde nach der Tragödie die internationale Aufmerksamkeit größer - und so auch der Druck auf Pakistan. Kurz nach dem Brand seien denn auch neue Gesetze erlassen worden, um die Textilarbeiter besser zu schützen, sagt Zahroor Awan, Mitglied bei der Internationalen Arbeiterorganisation ILO. Aber diese Gesetze würden nicht umgesetzt. "Vor allem wenn wir weiter nach unten auf die Zulieferketten schauen. Hier werden nach wie vor Frauen ausgebeutet, es gibt nach wie vor Kinderarbeit", sagt der Arbeitsrechtler. "Die Textilindustrie ist für uns einerseits eine Chance, aber zugleich auch eine große Herausforderung."

Abgesehen von der Landwirtschaft arbeiten die meisten Menschen in Pakistan für die Textilbranche: Sie bauen Baumwolle an, nähen Kleidung und Lederfußbälle, mit denen Kinder und Profis auf der ganzen Welt spielen. Gesetzlich sollten die Arbeiterinnen und Arbeiter eine medizinische Versorgung bekommen und sozial abgesichert werden, das müssten die Fabrikbesitzer gewährleisten. Auch sollten die den Mindestlohn von umgerechnet 60 Euro zahlen. "Aber unsere Arbeiter hier bekommen oft nur Armutslöhne", sagt Awan. "Mit dem Geld können die meisten nicht einmal überleben."

Saeda Khatoon klagt gegen KiK vor dem Landgericht Dortmund TS1500 stadler pakistan_SEG.mp4
tagesschau 15:00 Uhr, 29.11.2018, Moritz Stadler, WDR

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Kik zahlte bereits fünf Millionen Euro

Ohne Arbeitsvertrag könnten sie jederzeit ihren Job verlieren. Genügend neue Arbeiter würden schon vor den Fabriktoren Schlange stehen. Die Angehörigen der Opfer von der Textil-Tragödie in Karatschi sind immerhin Anfang dieses Jahres entschädigt worden, die Firma KiK hat mehr als fünf Millionen Euro an die Hinterbliebenen gezahlt. Aber es gibt kein Gesetz, das sie dazu gezwungen hätte.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 29. November 2018 um 04:00 Uhr.

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