Zwei ehemalige Anführer der Roten Khmer wurden zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt.

Urteil in Kambodscha Lebenslang für Rote Khmer

Stand: 16.11.2018 09:40 Uhr

35 Jahre nach dem Ende ihrer Herrschaft hat ein kambodschanisches Gericht zwei ehemalige Anführer der Roten Khmer verurteilt. Der Ex-Propagandachef und der ehemalige Staatschef erhielten wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit lebenslange Haftstrafen.

Von Udo Schmidt, ARD-Hörfunkstudio Singapur

Lebenslängliche Haft für den früheren Staatspräsidenten der Roten Khmer, Khieu Samphan, sowie den Chefideologen Nuon Chea - das sind die erwarteten und von vielen Kambodschanern erhofften Urteile gegen die beiden letzten hochrangigen Vertreter der Roten Khmer. Angeklagt waren die beiden wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit bei der Vertreibung der Bewohner Phnom Penhs gleich nach der Machtübernahme der Roten Khmer im April 1975.

Zwei ehemalige Anführer der Roten Khmer wurden zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt.

Zwei ehemalige Anführer der Roten Khmer wurden zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt.

Udo Schmidt ARD-Studio Singapur

Millionen Tote durch Rote Khmer

Die heutigen Urteile sind die wohl wichtigsten des Völkertribunals in Kambodscha, mehr als 35 Jahre nach dem Ende der grausamen Herrschaft der Roten Khmer, der mehr als 1,7 Millionen Kambodschaner zum Opfer fielen. "Es ist das erste Mal, dass wirklich verantwortliche Führungskader, die damals das Morden angeordnet haben, verurteilt worden sind. Damit ist ein historischer Fakt auch juristisch belegt", sagt Lars Olsen, der Sprecher des Tribunals.

Chum Mey ist einer der wenigen Überlebenden eines Foltergefängnisses der Roten Khmer damals in Phnom Penh. Für ihn persönlich sei das Urteil sehr wichtig, sagt er: "Es ist gerecht, es durfte kein anderes Urteil geben."

Die Angeklagten hatten während des Prozesses mehrfach erklärt, von Vertreibung und Ermordung nichts gewusst zu haben. Immer wieder hatten Prozessbeobachter wütend auf diese Einlassungen reagiert. "Sie haben uns so viel angetan. Sie konnten nur mit lebenslänglich bestraft werden", sagt die 65-jährige Tob Houn.

Zweites Verfahren hat begonnen

Für Kambodscha bedeutet das heutige Urteil ein wichtiges Stück Gerechtigkeit. Für die Opfer und deren Angehörige sei es auch die Möglichkeit, nach vorne zu schauen, sagt Lars Olsen: "Ich hoffe, dass dieser Prozess und die Urteile dazu führen, dass die Menschen das Kapitel Rote Khmer schließen können. Der Prozess macht es den Opfern möglich, nun wieder in die Zukunft zu schauen."

Ein zweites Verfahren gegen die beiden heute Verurteilten hat jedoch bereits begonnen. In diesem Prozess geht es um die Vertreibung und Ermordung der vietnamesischen Minderheit in Kambodscha. Das Tribunal hatte das Verfahren in mehrere Teilprozesse aufgespalten, um möglichst schnell zu ersten Urteilen kommen zu können.

Hintergrund

Die Schreckensherrschaft der Roten Khmer in Kambodscha dauerte von 1975 bis 1979. Durch Zwangsarbeit, Hungersnöte, Folter und Mord kamen in diesen Jahren Schätzungen zufolge etwa 1,7 Millionen Menschen ums Leben - fast ein Viertel der Gesamtbevölkerung.

1975 stürzten sie die von den USA unterstützte und unbeliebte Regierung. Das neue Regime unter Pol Pot wollte einen geldlosen Bauernstaat verwirklichen. Es zwang die Städter aufs Land und verordnete ihnen Schwerstarbeit.

Hunderttausende Menschen starben durch Hungersnöte, Seuchen und Zwangsarbeit. Weitere Hunderttausende Verdächtige wurden als Feinde des Regimes gefoltert und ermordet. Insgesamt fielen der Schreckensherrschaft der Roten Khmer fast zwei Millionen Menschen zum Opfer - fast ein Viertel der Gesamtbevölkerung.

1979 vertrieben vietnamesische Truppen die Roten Khmer und zogen in die seit vier Jahren verlassene Hauptstadt Phnom Penh ein. Jahrelang wurde niemand zur Rechenschaft gezogen, weil Kambodscha zum Spielball der Weltmächte wurde und im Bürgerkrieg versank. Pol Pot starb 1998 unbehelligt in der Provinz.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 07. August 2014 um 12:00 Uhr.