Drei ukrainische Schiffe liegen im Hafen von Kertsch, nachdem sie von der russischen Marine gekapert und samt Besatzung dorthin geschleppt wurden. | Bildquelle: AP

Streit mit Ukraine Kommen die ukrainischen Matrosen frei?

Stand: 27.11.2018 11:15 Uhr

Russische Behörden wollen heute über das weitere Schicksal der ukrainischen Matrosen entscheiden, die samt ihrer Schiffe im Hafen von Kertsch festsitzen. Aus dem Bundestag dringen Forderungen nach härteren Sanktionen.

Seit etwa zwei Tagen hält die russische Küstenwache 23 ukrainische Seeleute samt ihrer Schiffe im Hafen von Kertsch fest. Heute wollen die Behörden über deren weiteren Verbleib entscheiden.

Der Kreml hat nach eigener Darstellung keine Handhabe, das Schicksal der Matrosen zu beeinflussen. Das werde vor Gericht entschieden, sagte Sprecher. Die Seeleute sollten im Laufe des Tages auf der Krim einem Haftrichter vorgeführt werden. Es wird erwartet, dass sie wegen Verletzung der russischen Grenze in Untersuchungshaft genommen werden. Russland hatte 2014 die ukrainische Halbinsel Krim annektiert.

Die NATO, die EU und die USA forderten die sofortige Freilassung der Marineangehörigen und die Rückgabe ihrer Schiffe an die Ukraine. Sie waren am Sonntag an der Meerenge von Kertsch in die Gewalt russischer Behörden geraten.

Der russische Geheimdienst FSB veröffentlichte ein Video, auf dem drei der festgesetzten Seeleute in die Kamera sagen, sie hätten die russische Grenze verletzt. Ob sie zu ihren Aussagen gezwungen wurden, ist nicht klar. Einer von ihnen las die Worte eindeutig von einem Teleprompter ab.

Unter den Gefangenen sind laut dem ukrainischen Geheimdienst SBU auch einige ihrer Offiziere. Gemäß dem Gesetz hätten sie den Seestreitkräften "nachrichtendienstlich" geholfen, hieß es aus Kiew. Einer von ihnen sei vor der Festnahme von einer "ungelenkten Rakete" schwer verletzt worden, die ein russisches Kampfflugzeug abgefeuert habe.

Ukrainische Schiffe gekapert und aufgebracht

Die Ukraine wirft Russland vor, ihre Schiffe in der Meerenge von Kertsch beschossen, gekapert und dabei sechs Seeleute verletzt zu haben.

Vor der Gefangennahme hatte ein Schiff der russischen Marine eines der festgesetzten Schiffe gerammt. Ein russischer Tanker blockierte zeitweise die Meerenge von Kertsch.

Russische Behörden werfen den ukrainischen Seeleuten vor, sie hätten Anweisungen der Küstenwache missachtet - diese hingegen berufen sich auf ein Abkommen von 2003, demzufolge es sich im Nadelöhr zum Asowschen Meer als gemeinsames Territorialgewässer handelt.

Telefonat Merkels mit Putin

Russlands Außenminister Sergej Lawrow und ihr stellvertretender Botschafter bei den Vereinten Nationen, Dmitri Poljanskij, stellen den Zwischenfall als bewusste Provokation der Ukraine dar.

Diese Sicht kam auch in einem Telefonat von Präsident Wladimir Putin mit Bundeskanzlerin Angela Merkel zum Ausdruck. Die russische Nachrichtenagentur Tass berichtete, Putin habe Merkel gebeten, auf die ukrainische Führung einzuwirken, "keine weiteren unüberlegten Schritte" zu ergreifen.

Demnach schilderte Putin die Situation als "grobe Verletzung internationalen Rechts durch deren Kriegsschiffe". Angesichts der Entscheidung Kiews, in der Ukraine zeitweise das Kriegsrecht zu verhängen, habe er seine "ernste Sorge" ausgedrückt.

Merkel habe die Notwendigkeit von Deeskalation und Dialog betont, teilte Regierungssprecher Steffen Seibert zum Gesprächsinhalt mit. Merkel und Putin hätten "die Option einer Analyse des Vorfalls unter Beteiligung russischer und ukrainischer Grenzschutzexperten" besprochen und vereinbart, hierzu in Kontakt zu bleiben.

Zuvor hatte die Kanzlerin auch mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko telefoniert. Das ukrainische Parlament hatte am Vortag eine Verhängung des Kriegsrechts in Grenzregionen für 30 Tage verhängt.

OSZE ruft zur Deeskalation auf

Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) rief Russland und die Ukraine zum Dialog auf. "Wir sind sehr besorgt über die Entwicklungen im Asowschen Meer und der Meerenge von Kertsch", teilte OSZE-Vorsitzender Enzo Moavero Milanesi mit.

Außenminister Heiko Maas sieht Russland in der Pflicht, sich wieder an internationales Recht zu halten. Der SPD-Politiker sagte laut Redemanuskript bei einer Veranstaltung in Berlin: "Um das zu erreichen, brauchen wir aber zweierlei: Klare Prinzipien, aber auch einen echten Dialog über unsere gemeinsame Sicherheit in Europa."

Röttgen fordert schärfere Sanktionen gegen Russland

Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Norbert Röttgen, hält angesichts eine Verschärfung der Russland-Sanktionen für angezeigt. Der CDU-Politiker sagte dem Deutschlandfunk, das gelte für alle Mittel, nicht für militärische. Röttgen gab Russland die Schuld für die erneute Eskalation: "Wir haben hier den klaren Fall einer schweren... Machtausdehnung Russlands auf das Territorialgewäser, und das kann nicht akzeptiert werden."

Die Grünen fordern angesichts der Spannungen einen EU-Sondergipfel. "Bislang hat die Europäische Union der russischen Provokation im Asowschen Meer einfach zugeschaut", sagte Parteichefin Annalena Baerbock.

Russland hält ukrainische Marinesoldaten weiter auf der Krim fest
Markus Sambale, ARD Moskau
27.11.2018 12:30 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete das ARD Morgenmagazin am 27. November 2018 um 07:41 Uhr.

Darstellung: