Indische Soldaten bewachen die in Srinagar aufgebauten Absperrungen. | Bildquelle: FAROOQ KHAN/EPA-EFE/REX

Kaschmirkonflikt "Line of Control" außer Kontrolle?

Stand: 14.08.2019 16:51 Uhr

Der Waffenstillstand an der "Line of Control" in Kaschmir wird oft gebrochen. Mittlerweile sind selbst die informellen Gesprächskanäle zwischen Indien und Pakistan versiegt, was den Konflikt weiter anheizt.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi

Während Pakistan und Indien die Unabhängigkeit vor 72 Jahren feiern, wurden in Kaschmir die Kontrollen entlang der sogenannten "Line of Control" verstärkt. Seit dem ersten Kaschmir-Krieg zwischen den beiden Nachbarstaaten von 1947 bis 1949 trennt diese Linie den von Pakistan und den von Indien kontrollierten Teil der Region, auf die beide Staaten gleichermaßen Anspruch erheben.

Der indische Professor Happymon Jacob von der Nehru-Universität in Delhi hat die Soldaten auf beiden Seiten der "Line of Control" schon mehrfach begleitet und die immer wieder vorkommenden Verletzungen des Waffenstillstands in seinem Buch "Line on Fire" dokumentiert.

"Fast 3000 Verletzungen des Waffenstillstands"

"Die 'Line of Control' ist schon seit Jahren ein Brennpunkt. Im Jahr 2003 haben beide Seiten einen Waffenstillstand vereinbart, danach war es einige Jahre lang ruhig. Aber nach dem Terroranschlag von Mumbai im Jahr 2008 fing das an. Und der Waffenstillstand wurde immer wieder gebrochen. Im vergangenen Jahr gab es fast 3000 Verletzungen des Waffenstillstands."

Eine einzelne Verletzung des Waffenstillstands könne bedeuten, dass mehr als 100.000 Schüsse abgefeuert werden, sagt Jacob. Um eine Eskalation zu vermeiden, müsse dann über diplomatische Kanäle Einhalt geboten werden. Doch die seien zurzeit unterbrochen.

"Es ist sehr unglücklich, dass es zwischen Indien und Pakistan keinen diplomatischen Dialog mehr gibt. Die Beratungen auf der Ebene des nationalen Sicherheitsrates wurden in den vergangenen Jahren eingestellt. Und die informellen Gesprächskanäle sind versiegt. Jetzt wurden auch noch die Hochkommissare abberufen. Das heißt: Es gibt für beide Seiten keine Ansprechpartner mehr", sagt Jacob.

Menschenleere Straße während der Ausgangssperre in Srinagar | Bildquelle: AP
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In Srinagar im indisch kontrollierten Teil Kaschmirs herrrscht Ausgangssperre.

Sondersitzung des UN-Sicherheitsrats beantragt

Pakistan beantragte wegen Kaschmir eine Sondersitzung des UN-Sicherheitsrates. Doch die indische Regierung bezeichnete ihre Entscheidungen zu Kaschmir als interne Angelegenheit. Durch die Abschaffung des Sonderstatus für die Region seien keine internationalen Vereinbarungen gebrochen worden. Auch die Grenze zu Pakistan und selbst die "Line of Control" würden dadurch nicht verletzt.

Pakistan sieht das anders. Präsident Arif Alvi griff in seiner Rede anlässlich des pakistanischen Unabhängigkeitstages die Drohung der Armeeführung auf, Pakistan sei bereit, im Fall Kaschmir bis zum Äußersten zu gehen.

"Wenn uns ein Krieg aufgezwungen wird, dann wird er nicht auf zwei Länder beschränkt bleiben. Die ganze Region, die ganze Welt wird davon betroffen sein. Wir fordern die indische Regierung auf, die Situation nicht so weit zu treiben, dass es kein Zurück mehr gibt."

Sicherheitsvorkehrungen sollen reduziert werden

In Srinagar, der Hauptstadt des indischen Teils von Kaschmir, sollen die Sicherheitsvorkehrungen in den nächsten Tagen schrittweise reduziert werden, versprach die indische Regierung. Telefon und Internet würden nach und nach wieder freigegeben. Noch bestehe die Gefahr, dass die Kommunikationswege dazu benutzt würden, um die einheimische Bevölkerung aufzuhetzen, sagte der Gouverneur von Jammu und Kaschmir, Satya Pal Malik.

Brennpunkt "Line of Control" zwischen Indien und Pakistan
Bernd Musch-Borowska, ARD Neu Delhi
14.08.2019 16:05 Uhr

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Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 14. August 2019 um 15:00 Uhr.

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