Soldaten in Kamerun | Bildquelle: AFP

Drohender Bürgerkrieg in Kamerun "Wir leben in ständiger Angst"

Stand: 05.07.2018 09:39 Uhr

In Kamerun spitzt sich der Konflikt zwischen englischsprachigen Separatisten und der französischsprachigen Mehrheit immer mehr zu. Seit Monaten kursieren dazu grausame Videos im Internet.

Von Dunja Sadaqi, ARD-Studio Nordwestafrika

Wackelige Bilder, ein Mann in Panik. "Sie wollen uns alle töten, sie wollen uns alle töten!", schreit er. Er rennt durch sein Dorf, das in Flammen steht, während er mit dem Handy die Szenen filmt. Ähnliche Videos zeigen seit Monaten dasselbe: brennende Dörfer, Schüsse, Menschen, die sich verstecken, flüchten, die misshandelt oder sogar getötet werden - vor laufender Kamera.

Der Mann hält handtellergroße Patronenhülsen in seinen zitternden Händen. "Diese Kugeln sind für uns - für Zivilisten! Vereinte Nationen, seht ihr das? Wollt ihr, dass sie uns alle umbringen?"

Der englischsprachige Nord- und Südwesten Kameruns droht in einem Bürgerkrieg zu versinken. Begonnen hatte alles mit Protestmärschen 2016. Die englischsprachige Minderheit im Land - immerhin 20 Prozent der Kameruner - klagte darüber, dass Justiz, Verwaltung und teilweise auch der Schulunterricht auf Französisch abgewickelt werde. Sie forderte ihre von der Verfassung garantierten Minderheitenrechte ein.

Anschläge auf Schulen und Polizeistationen

Eine kleine radikale Gruppe im Nordwesten wollte die Unabhängigkeit und rief den Phantasie-Staat "Ambazonien" aus. Sie verübt Anschläge auf Polizeistationen, auf Schulen, auf Soldaten. Mittlerweile hat der Präsident seine Eingreiftruppe in das Gebiet entsandt, sie verfolgt die Separatisten. Offensichtlich aber nicht nur das.

Das will zumindest "Africa Eye" herausgefunden haben, das Investigativ-Team der britischen BBC. Die Reporter haben viele Internet-Videos analysiert - mit Experten, Augenzeugen und Satellitenbildern. Das Ergebnis: Es scheint, als ob die kamerunische Armee selbst Verbrechen an Zivilisten begeht.

"Als sie im Dorf ankamen, haben sie erst in die Luft geschossen", berichtete ein Augenzeuge der BBC am Telefon. "Da sind alle in den Busch gerannt. Sie haben Zivilisten an dem Tag erschossen. Am selben Abend haben sie angefangen, die Häuser anzuzünden. Erst einmal ein Viertel des Dorfes - am Folgetag haben sie weitergemacht."

Soldaten in Buea | Bildquelle: AFP
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Soldaten patrouillieren in der Stadt Buea im englischsprachigen Westen Kameruns.

Regierung bestreitet Vorwürfe

Menschenrechtsaktivisten im Land sprechen von bis zu 70 Dörfern im englischsprachigen Westen des Landes, wo Ähnliches passiert sein soll. Die Regierung bestreitet das. Kommunikationsminister Issa Tchiroma Bakary verspricht aber Aufklärung. "Die Separatisten sind in der Lage, sich Uniformen unserer Armee anzueignen, um Verbrechen zu begehen und sie der Armee in die Schuhe zu schieben", sagt er. "Wir untersuchen die benannten Fälle, sodass wir genau wissen, was dort passiert ist. Wieso sollten unser Soldaten so etwas tun, wenn ihre Aufgabe doch darin besteht, Menschen zu beschützen?"

Der Kampf zwischen Separatisten und Armee verbreitet Angst in der Region. Die Jagd auf die Separatisten lässt Dörfer verwaist und wie ausgestorben zurück. Mutengene, ein Ort im Südwesten des Landes, ist seit über einer Woche eine Geisterstadt: Die Menschen sind geflohen, Geschäfte und Schulen sind geschlossen, auf den Feldern fehlen die Arbeiter.

"Jeder spitzt die Ohren"

Die Bevölkerung lebe in Angst, sagt Appolinaire Ganso, ein Betriebsleiter vor Ort. Die Menschen fürchteten die Anschläge der Separatisten und die harte Reaktion der Regierungstruppen. "Wenn Sie morgens ins Büro gehen, in dem Moment, wo Sie sich auf die Arbeit konzentrieren wollen, hören Sie, dass nur wenige Hundert Meter von Ihnen jemand getötet wurde", berichtet Ganso. "Jeder spitzt die Ohren. Wir leben in ständiger Angst. Das lenkt uns komplett von der Arbeit ab."

Und: Das sei auch schlecht für wichtige Wirtschaftszweige im Land, fügt er hinzu. Die Produktion von Öl, Tee und Bananen sei gefährdet. Wichtige und große Unternehmen stellten ihren Betrieb ein - Unternehmen, die gerade im vernachlässigten englischsprachigen Westen des Landes wichtig sind. Es sei höchste Zeit, dass der Staat sich kümmere, sagt Ganso. "Denn diese Firmen drohen schon damit, ihre Fabriken zu schließen, ganz einfach weil die Separatisten ihre Plantagen und Fabriken attackieren, die heute schon stillstehen."

UN-Schätzungen zufolge sind bereits über 160.000 Menschen zu Flüchtlingen im eigenen Land geworden, mehr als 30.000 Flüchtlinge will das Nachbarland Nigeria bisher aufgenommen haben. Sowohl die US-amerikanische Regierung als auch die Vereinten Nationen haben die Konfliktparteien zum Dialog aufgerufen - bisher ohne Erfolg. Jetzt hat Kameruns Regierung ein millionenschweres Entwicklungsprogramm für den englischsprachigen Teil des Landes beschlossen. Das Programm soll der vernachlässigten Region helfen und Kamerun wieder Frieden bringen.

Kamerun – auf dem Weg zum Bürgerkrieg
Dunja Sadaqi, ARD Rabat
05.07.2018 08:45 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 05. Juli 2018 um 05:54 Uhr.

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