Gerichtszeichnung von dem deutschen Arzt Dieter K. | Bildquelle: AFP

Kriminalfall Kalinka Letzter Akt eines Justizkrimis

Stand: 29.03.2018 16:16 Uhr

Ein totes Mädchen, eine spektakuläre Entführung und ein spätes Urteil: Das Justizdrama um die 1982 gestorbene Kalinka hat nun wohl ein Ende gefunden. Claudia Kornmeier blickt zurück auf die Geschichte des Falls.

Von Claudia Kornmeier, ARD-Rechtsredaktion

Gefesselt und verletzt liegt 2009 der deutsche Arzt Dieter Krombach vor einem Gerichtsgebäude im elsässischen Mülhausen auf der Straße. In seinem Haus in Lindau am Bodensee wurde 1982 die Leiche seiner Stieftochter Kalinka gefunden.

Die Frage nach der Schuld Krombachs am Tod der 14-Jährigen beschäftigte die deutsche und die französische Justiz jahrzehntelang. Und auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) musste nun schon ein zweites Mal ein Urteil sprechen. Danach bleibt Krombach nun in Frankreich in Haft.

Eine undatierte Aufnahme der 1982 ermordeten Kalinka. | Bildquelle: dpa
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Kalinka wurde 1982 tot aufgefunden - sie war zuvor betäubt und vergewaltigt worden.

Routineuntersuchungen wurden nicht gemacht

Aber der Reihe nach: In Deutschland werden die Ermittlungen 1982 nach wenigen Tagen eingestellt. Aus Sicht der Ermittler war der Tod des Mädchens ein Unfall ohne Fremdverschulden. Stiefvater Krombach spricht davon, dass Kalinka an einem Sonnenstich gestorben sei. Einstichstellen an ihrem Körper erklärte er damit, dass er dem Mädchen mit einer Eisenspritze habe helfen wollen.

Der leibliche Vater André Bamberski vermutet dagegen Vertuschungen und ist überzeugt davon, dass der Stiefvater seine Tochter umgebracht hat. Tatsächlich wurden Routineuntersuchungen nicht gemacht. So wurde der Genitalbereich des Mädchens nicht auf Fremdflüssigkeiten wie Sperma untersucht. Genausowenig wurde festgestellt, ob Kalinka bei ihrem Tod noch Jungfrau war.

Doch die Staatsanwaltschaft bestätigt die Einstellung mehrmals. Auch ein Klageerzwingungsverfahren Bamberskis hat vor Gericht keinen Erfolg.

Erstes Urteil in Frankreich aufgehoben

Anders sieht es in Frankreich aus: Die französische Justiz nahm parallel die Ermittlungen auf, denn das Mädchen hatte auch die französische Staatsbürgerschaft. 1995 verurteilt ein Pariser Gericht Krombach in Abwesenheit zu 15 Jahren Haft wegen der Tötung seiner Stieftochter.

Das Urteil hat allerdings keinen Bestand. Das Problem: Anders als der Arzt selbst waren seine Anwälte im Prozess anwesend. Ihren abwesenden Mandanten durften sie dennoch nicht vertreten. Ein Verstoß gegen das Recht auf ein faires Verfahren, so der EGMR. Ein französisches Gericht hebt das Urteil daraufhin 2008 auf.

André Bamberski
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Kalinkas leiblicher Vater, André Bamberski, ließ Krombach 2009 entführen.

Leiblicher Vater lässt Verdächtigen entführen

Damit ist der Fall aber noch nicht zu Ende: Bamberski will unbedingt eine Verurteilung Krombachs durchsetzen und lässt ihn deshalb von Deutschland nach Frankreich verschleppen und in Mülhausen auf der Straße absetzen.

In Paris wird Krombach daraufhin erneut zu 15 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, er sitzt seitdem in Haft. Inzwischen ist er in einem Gefängniskrankenhaus untergebracht, weil er schwer krank ist. Die Verlegung des über 80-Jährigen in ein Pflegeheim lehnte ein Gericht im Oktober 2017 ab.

EGMR weist Beschwerde ab

Seine zweite Beschwerde vor dem EGMR hatte nun ebenfalls keinen Erfolg. Die Straßburger Richter entschieden: Frankreich durfte Krombach den Prozess machen, obwohl die Ermittlungen damals in Deutschland bereits eingestellt worden waren. Der Gerichtshof sah darin keinen Verstoß gegen das Verbot, zweimal wegen derselben Sache verurteilt zu werden.

Innerhalb der Europäischen Union gilt dieses Verbot zwar auch grenzübergreifend. Das heißt, nach den EU-Regeln darf man nicht erst in einem Mitgliedsstaat und dann noch einmal einem anderen Mitgliedsstaat verurteilt werden.

Dem Lindauer Arzt half das vor dem EGMR aber nicht weiter. Der Gerichtshof ist nämlich kein Organ der EU, er gehört vielmehr zum Europarat - einer Staatenorganisation, der etwa auch die Türkei und Russland angehören. Der EGMR kann deshalb nur die Menschenrechtskonvention anwenden und danach gilt das Verbot der Doppelbestrafung nur innerstaatlich.

Das Straßburger Urteil könnte der letzte Akt in einem jahrzehntelangen Justizkrimi gewesen sein. Ein drittes Mal wird Krombach nämlich wohl nicht vor dem EGMR klagen können. Und in Frankreich wurde nach Angaben seines Anwalts erst vor Kurzem ein Gnadengesuch abgelehnt.

Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte: Fall Kalinka
Gigi Deppe, SWR
29.03.2018 15:13 Uhr

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Über dieses Thema berichtete B5 am 29. März 2018 um 09:05 Uhr.

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