Zwei Ägypterinnen, die wegen ihrer Tanz-Videos auf TikTok angeklagt wurden. |

Ägypten Drei Jahre Gefängnis für einen TikTok-Tanz

Stand: 06.09.2020 04:32 Uhr

Immer mehr junge Frauen werden in Ägypten wegen Internet-Posts kriminalisiert. Ihr Vergehen: Verstöße gegen die öffentliche Moral. Dahinter steckt nicht nur Sexismus, sondern staatliche Willkür.

Von Alexander Stenzel, ARD-Studio Kairo

Manar Sama tanzt zu Hause zu einem populären Song. Ihre langen dunklen Haare fallen über ein bauchfreies T-Shirt, ihre Lippen sind rot geschminkt. Mit dem Smartphone zeichnet sie die kleine private Performance auf und postet sie anschließend im Internet. Manars Tanzeinlage kommt im Netz gut an. Auf dem Videoportal TikTok erhält sie Tausende Likes.

Alexander Stenzel ARD-Studio Kairo

Doch nicht alle sind begeistert. Der Anwalt Ashraf Farahat findet Manars Video anstößig und zeigt die junge Frau an. Die Staatsanwaltschaft Kairo erwirkt einen Haftbefehl gegen Manar, deren Verhalten angeblich großen Schaden in der ägyptischen Gesellschaft angerichtet hat.

"Ein Mädchen sollte schamhaft sein"

Manars auf TikTok veröffentlichte Videos sind nach westlichen Maßstäben albern, witzig, unverfänglich. Aber für Anwalt Farahat sind sie verwerflich.

Die Ehre eines Mädchens beschränke sich nicht allein auf deren Jungfräulichkeit, doziert er, sondern auf ihr gesamtes Verhalten: "Ein Mädchen sollte schamhaft sein. Das ist Ehre. Wenn ich meinen Körper anderen Menschen zeige, dann habe ich keine Ehre."

Das Gericht folgt dieser Argumentation. Manar Sama wird zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Ob Ansehen und Ehre der Familie verletzt werden, spielt für Ankläger und Richter keine Rolle.

Manar Sami | ARD-Studio Kairo Screenshot

So präsentierte sich Manar Sama auf TikTok. Bild: ARD-Studio Kairo Screenshot

Sama hat zunächst als Flugbegleiterin gearbeitet, dann entdeckt sie das Modeln und wird auf TikTok zu einer Influencerin. Manars Mutter Hayat Mohammed ist eine religiöse Frau mit konservativen Werten. Ihre Tochter, versichert sie, habe nichts Unzüchtiges getan: "Es gibt nichts, was man gegen sie verwenden könnte. Es gibt keine frivolen Fotos."

Manar ist nicht die einzige junge Frau in Ägypten, die wegen Posts im Internet zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Auch Sama El-Masry wurde zu drei Jahren Haft verurteilt. Die Vorwürfe waren die gleichen: Zu viel bloße Haut, Verstoß gegen öffentliche Moral und die Werte der Familie. Samas Anwalt Ashraf Nagy ist in Berufung gegangen.

Ashraf Farahat | ARD-Studio Kairo

Der Anwalt Ashraf Farahat bringt junge Frauen wegen ihrer TikTok-Videos vor Gericht. Bild: ARD-Studio Kairo

Willkürliche Auslegung von "Familienwerten"

Der Paragraf über die Werte der Familie sei ein Instrument der Justiz, mit dem der Willkür Tür und Tor geöffnet werde, stellt Nagy fest: "Was sind denn Werte der Familie? Sie sind von Familie zu Familie unterschiedlich. Manche Väter lassen ihre Töchter ohne Kopftuch raus, das Haar offen, mit Shorts und Minirock. Und es gibt andere Väter, die lassen ihre Töchter nicht raus ohne Kopftuch oder Vollverschleierung."

Keine der angeklagten und verurteilten Frauen war politisch aktiv oder hat sich gesellschaftskritisch geäußert. Als Influencerinnen haben sie eigene Karrieren eingeschlagen, um auch finanziell unabhängiger zu werden. Die Justiz hat ihre Lebensentwürfe zerstört.

Ghadeer Ahmed | ARD-Studio Kairo

Die ägyptische Frauenrechtsaktivistin Ghadeer Ahmed kritisiert, dass Männer sehr wohl Haut zeigen dürfen - Frauen hingegen sexualisiert werden. Bild: ARD-Studio Kairo

Für die Frauenrechtlerin Ghadeer Ahmed hat die Klagewelle gegen junge Frauen neben der konkreten Unterdrückung auch einen sexistischen Aspekt: Junge Männer, die auf TikTok posten, werden nicht angeklagt. Mann darf posten und Haut zeigen. Frau nicht.

Und schließlich, meint die Frauenrechtlerin, gehe es mit den Urteilen auch darum, die sozialen Verhältnisse in Ägypten weiter zu zementieren: "Der Staat profitiert davon, denn so bleibt das soziale System erhalten. Jeder an seinem Platz, jeder in seiner Klasse - die Frauen hören auf die Männer und wenn sie nicht auf die Männer hören, dann werden wir bei diesem Thema eingreifen."

TikTok Videos geraten in den Ruch von Prostitution

Ghadeer Ahmeds Kritik findet im heutigen Ägypten nur wenig Zustimmung. Die regierungsnahen Medien haben das Vorgehen der Justiz begrüßt und die jungen Frauen in die Nähe von Prostituierten gerückt, weil sie mit ihren "entblößten" Bildern im Internet auch noch Geld verdient hätten.

Auch viele junge Ägypter sehen die Auftritte ihrer Altersgenossinnen in den sozialen Medien durchaus kritisch - wie Menna Saber. Diese Mädchen verdienten es, eingesperrt zu werden, meint sie: "Sie ziehen sich aus in diesen Videos. Die eine trägt Spaghettiträger und kurze Hosen. Das geht nicht."

Menna Saber | ARD-Studio Kairo

Menna Saber findet die Posts ihrer Altersgenossinnen geschmacklos. Bild: ARD-Studio Kairo

Der Kläger und Anwalt Ashraf Farahat hat bisher zwölf Frauen, die auf TikTok Videos gepostet haben, vor Gericht verklagt. Es geht ihm um Moral. Und es geht ihm um Politik. Nicht ohne Grund habe er für seine Kampagne den Slogan gewählt: Macht sauber. "Unsere Botschaft an die Gesellschaft lautet: Korrigiere dein Verhalten."

Ob die bislang verhängten Strafen gegen junge postende Frauen verhältnismäßig sind, wollten auf Nachfrage weder die Staatsanwaltschaft, noch der Richter und der Justizminister beantworten.

Über dieses Thema berichtete der Weltspiegel am 06. September 2020 um 19:20 Uhr.